Eine Herde junger geklonter Kamele im "Reproduktiven Technologiezentrum" in Dubai. | AFP

Vereinigte Arabische Emirate Boom der Klon-Kamele in Dubai

Stand: 22.09.2021 12:57 Uhr

Bei Schönheitswettbewerben oder Wettrennen bringen Kamele in Dubai viel Geld. Ein Reproduktionszentrum verspricht Haltern die Wiedergeburt der erfolgreichsten Tiere - als Klone.

Von Daniel Hechler, ARD-Studio Kairo

Der Tod von Injaz war der Tiefpunkt. Während ihrer vierten Schwangerschaft verstarb die Kamelstute im Alter von nur elf Jahren. Das ungeborene Kalb war zu groß für die zierliche Dame, Ärzte konnten ihr nicht mehr helfen. Der Imageschaden für das "Reproduktive Technologiezentrum" in Dubai war beträchtlich: "Das war der traurigste Moment", meint der wissenschaftliche Direktor Nisar Wani im ARD-Interview. 2003 wurde das Institut durch Kronprinz Scheich Hamdan bin Rashid eingeweiht. Es folgte ein steiler Aufstieg zum weltweit führenden Kamelzuchtforschungszentrum.

Daniel Hechler ARD-Studio Kairo

Nach fünf Jahren Laborarbeit wurde Injaz geboren: Ein Jungtier mit den Genen einer geschlachteten Kamelstute. Die Schwangerschaft bei einer Leihmutter verlief unproblematisch. Das Neugeborene schien putzmunter, schnupperte und spuckte. Ein weltweit beachteter Erfolg - Injaz' Tod ein Tiefschlag.

Gefragt: Klone von Schönheitsköniginnen

Heute tummeln sich etwa 300 Kamele in dem Zentrum, 28 waren in diesem Jahr schon trächtig. Pro Jahr werden Dutzende geklonte Kamelbabies geboren. Das Geschäft boomt - trotz üppiger Preise: Ein Klon-Kamel kostet zwischen 46.000 und 93.000 Euro. "Die Nachfrage ist so groß, dass wir damit kaum Schritt halten können", sagt Wani. "Wir sind stolz darauf, das erste Zentrum der Welt zur Vervielfältigung von Elite-Kamelen zu sein."

Zwar können die Wissenschaftler in den Vereinigten Arabischen Emiraten auch Hunde, Pferde, Ziegen klonen. Doch Kamele sind und bleiben das Kerngeschäft. Nicht wirklich überraschend in einem Staatenbund, in dem fast 380.000 Kamele zu Hause sind. Kamelrennen und Schönheitswettbewerbe mit den Wüstentieren sind am Golf ein lukratives Geschäft. Es winken nicht nur Hunderttausende Euro Preisgeld. Die Kamele verdreifachen oft ihren Wert, wenn sie auf der Rennbahn erfolgreich sind und ihre Schönheit ausgezeichnet wird.

Eine Herde junger geklonter Kamele im "Reproduktiven Technologiezentrum" in Dubai. | AFP

Eine Herde junger geklonter Kamele im "Reproduktiven Technologiezentrum" in Dubai. Bild: AFP

Nachhelfen mit Botox und Fillern

Auf Auktionen werden Preise von mehr als zwei Millionen Euro für Schönheitsköniginnen bezahlt. Besonders gefragt sind ein großer Kopf, hängende Lippen, dicke, lange Wimpern, ein langer, eleganter Nacken, dunkle Haare auf den Höckern und lange Beine. Einige Züchter helfen mit Botox und Fillern nach. Aber erfolgsversprechender scheint vielen ein Klon der Sieger - oder auch gleich mehrere Klone.

Ähnliches gilt für Kamele, die besonders spurtstark sind, große Libido zeigen oder viel Milch geben. Denn Kamelmilch ist eine begehrte Ware weit über Dubai hinaus. Sie gilt als fettarm und ist ein Renner in den regionalen Supermärkten, wird auch gerne in exklusiven Seifen und Cremes verarbeitet.

Auch Kamelhaltern, die den Tod eines geliebten Tieres nicht verwinden, steht das Zentrum offen. Aus dem Kadaver können Zellen für den Klon gewonnen werden. Das Anlegen der Zellkultur und einfrieren in einer Zellenbank kostet allein 3400 Euro.

Verfahren mit häufigen Komplikationen

"Wir hatten die Idee, exakte genetische Kopien solcher Tiere zu produzieren", sagt Wani. Seine Mitarbeiter nehmen dazu von lebenden oder auch toten Kamelen eine Hautprobe, legen davon im Labor eine Zellkultur an. Einer Kamelstute werden dann Eizellen entnommen. Der Zellkern wird entfernt, die Zellkultur aus dem Labor eingesetzt und mit der Eizelle verschmolzen. Ein chemischer Cocktail stimuliert die Zellteilung. Läuft alles glatt, kann das Embryo nach sieben Tage im Brutkasten einer Leihmutter eingesetzt werden.

Die Methode ist mittlerweile bewährt, aber keineswegs sicher: Nur jede zehnte Befruchtung führt zur Schwangerschaft. Diese verlaufen häufiger mit Komplikationen. Dass ein gesundes Tier geboren wird, ist noch unwahrscheinlicher als die Schwangerschaft. Das Zentrum produziert aus einer Zellprobe deshalb eine Vielzahl von Embryonen - in der Hoffnung, dass zumindest einige wenige Babys nach 13 Monaten auch das Licht der Welt erblicken.

Nisar Wani mit dem ersten in seinem Zentrum geklonten Kamel Injaz (Archivbild von 2009) | picture alliance / dpa

Nisar Wani mit dem ersten in seinem Zentrum geklonten Kamel Injaz (Archivbild von 2009), dessen Tod einen herben Rückschlag für seine Technologie bedeutete. Bild: picture alliance / dpa

Ethische Bedenken sieht Wani kaum

Alles klingt so einfach und harmlos. Doch die Kamele empfinden Schmerzen beim Entnehmen und Einsetzen der Eizellen, sagen Tierschützer. Kritiker des Verfahrens machen zudem ethische Bedenken geltend: Menschen spielten Gott, wählten spezifische Tiere aus, die ihren Vorlieben entsprächen, andere würden über kurz oder lang aussterben. Dies könne die Artenvielfalt einschränken.

Nisar Wani sieht dagegen Chancen, gefährdete Spezies der Tierwelt durch Klonen zu retten. Außerdem könne Klonen in der Viehzucht sehr wirtschaftlich sein. Die Produktion besonders leistungsstarker Tiere könne die Kosten senken. Einer der besten Kunden ist der Kronprinz höchstselbst: Viele seiner erfolgreichsten Rennkamele sind Klone aus dem Zentrum. Kein Wunder, dass der gute betuchte Scheich es besonders gerne und großzügig fördert.

Nisar Wani begutachtet im Labor gefrorenes Erbgut der Kamele. | AFP

Nisar Wani begutachtet im Labor gefrorenes Erbgut der Kamele. Bild: AFP