Ausgebranntes Fahrzeug in Almaty | REUTERS

Unruhen in Kasachstan Die Angst vor neuen Ausschreitungen

Stand: 06.01.2022 20:19 Uhr

Nach den Unruhen in Kasachstan gehen die Proteste gegen die Machthaber weiter - in der Metropole Almaty kam es offenbar wieder zu Gewalt. In der Stadt beginnen einige Menschen damit, Lebensmittel zu horten.

Von Andrea Beer, ARD-Studio Moskau

In Kasachstan gab es in mehreren Städten friedliche Proteste - zum Beispiel in Aktau und auch in der Hauptstadt Nur-Sultan blieb es ruhig. Anders in Almaty: Laut Behörden versuchten Protestierende dort erneut, die Polizei zu stürmen sowie den Fernsehturm. Die Staatsmacht ging dagegen vor - mit einer sogenannten Anti-Terror-Operation.

Andrea Beer ARD-Studio Wien

Die Millionenmetropole Almaty steht offenbar im Fokus. Alleine dort wurden laut Behörden etwa 2000 Menschen festgenommen. In der Nacht zu Donnerstag war die Stadt Schauplatz schwerer Zusammenstöße gewesen zwischen Polizei, Armee und Protestierenden. Dabei war scharf geschossen worden. Dutzende Protestierende wurden getötet.

"Auf uns alle wurde geschossen"

Auch Rafik Scharylkassyn war unterwegs: "Liebe Journalisten und Blogger, hier wurden viele Versionen erzählt. Sie müssen verstehen, was hier passiert ist. Der Funke wurde nun nach 30 Jahren entzündet. Schaut, auf uns alle wurde geschossen. Wir alle haben viele Dinge durchgemacht, aber keiner von uns möchte jemanden töten oder unter Druck setzen. Bleiben Sie bei uns und lassen Sie uns sehen, wohin es geht."

Die autoritär regierende Staatsmacht stufte die Proteste als terroristische Bedrohung ein, deren Drahtzieher sie im Ausland verortet. Auf dieser Basis holte Präsident Kassym-Schomart Tokajew Soldaten des OVKS ins Land. Dabei handelt es sich um ein von Russland dominiertes Militärbündnis, an dem außer Moskau Armenien, Belarus, Tadschikistan und Kirgistan beteiligt sind.

"Terrorismus pur"

Konstantin Kossatschow ist Vizevorsitzender des Oberhauses im russischen Parlament. Mit Blick auf die Protestierenden sprach er von "Terrorismus pur" und Kämpfern, die im Ausland ausgebildet worden sein könnten.

Eine "Friedensmission" in Kasachstan sei legitim, da ein Umsturz drohe, sagte er: "Die Situation hat sich verändert, da die Protestierenden die Grenze überschritten haben, die einen friedlichen Bürgerprotest von einer Militäroperation trennt, die zu terroristischen Zwecken eines Machtwechsels durchgeführt wird."

Mehr als 1000 Verletzte

Landesweit wurden mehr als 1000 Menschen verletzt, die Hälfte von ihnen in Almaty. Nach Behördenangaben wurden auch 350 Sicherheitskräfte verletzt und 13 Polizisten getötet - zwei von ihnen seien geköpft worden, hieß es bei den Behörden.

Die Polizei in Almaty rief die Menschen auf zu Hause zu bleiben. Mobile und stationäre Internetverbindungen sind mit Unterbrechungen weiter blockiert. Telefonieren innerhalb der Stadt klappt nicht gut - und Menschen beginnen, Wasser abzukochen und Lebensmittel zu horten.

Karte: Kasachstan

Unklarheit über Ziel der Proteste

Die Wut über hohe Autogas-Preise in drei Städten im Westen des Landes wuchs sich in wenigen Tagen aus zu landesweiten Protesten. Für Kasachstan sei das ungewöhnlich, so die Journalistin Edda Schlager. Sie lebt in Almaty und ist zurzeit in Berlin: "Man muss dazu wissen: Es gibt praktisch keine Zivilgesellschaft, weil die Führung über viele, viele Jahre jegliche Kritik unterdrückt und keine Medienfreiheit zugelassen hat. Und ja, die Menschen gehen jetzt in Kasachstan auf die Straße, aber was wollen sie? Das ist die große Frage."

Hinter allem könnte unter anderem ein von Eliten angestrebter Machtwechsel stehen, vermutet Schlager. Auch weil der einflussreiche Ex-Präsident Nursultan Nasarbajew gerade politisch entmachtet wurde. Sie rechnet mit einer längeren Krise.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 06. Januar 2022 um 15:55 Uhr.