Demonstration in Kandahar | AFP

Afghanische Stadt Kandahar Tausende protestieren gegen die Taliban

Stand: 14.09.2021 17:24 Uhr

Etwa 3000 Familien sollen in der afghanischen Stadt Kandahar eine Wohnsiedlung räumen - Tausende Menschen haben deshalb gegen die Taliban protestiert. Die EU will mit der Taliban-Regierung sprechen.

In der südafghanischen Stadt Kandahar haben Tausende Menschen gegen die radikal-islamischen Taliban protestiert. Die Menge habe sich vor dem Regierungssitz des Gouverneurs versammelt, nachdem rund 3000 Familien aufgefordert wurden, eine Wohnsiedlung des Militärs zu räumen, sagte ein Mitarbeiter der ehemaligen Regierung am der Nachrichtenagentur Reuters. Zudem waren auf Videoaufnahmen örtlicher Medien Menschen zu sehen, die eine Straße in der Stadt blockierten.

In der Siedlung leben bisher Angehörige von Armee-Mitgliedern, manche von ihnen schon seit über 30 Jahren. Nach Angaben des Ex-Regierungsmitarbeiters wurde ihnen drei Tage Zeit gegeben, um das Areal zu verlassen. Von den Taliban war zunächst keine Stellungnahme zu bekommen.

EU will Dialog mit den Taliban

Die Europäische Union will mit der Taliban-Regierung sprechen. "Die Krise dort ist nicht vorbei", sagte der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell im EU-Parlament in Straßburg. "Wenn wir die Vorgänge dort irgendwie beeinflussen wollen, bleibt uns nichts anderes übrig, als mit den Taliban in Kontakt zu treten." Die EU wolle sich mit den Mitgliedern der Regierung austauschen, inwieweit eine diplomatische Präsenz in Kabul möglich sei.

Die humanitäre Hilfe für Afghanistan wolle man fortsetzen und sich genau anschauen, wie die neuen Machthaber in dem Land regierten. Insbesondere der Umgang mit Menschenrechten und dem Recht auf Bildung für Frauen und Kinder ist der EU wichtig. "Vielleicht ist es ein reines Oxymoron, über Menschenrechte zu sprechen, aber wir müssen sie danach fragen", sagte Borrell.

Flüchtlingswelle wird erwartet

Des weiteren müsse sich die EU auf eine Welle an Flüchtlingen aus Afghanistan gefasst machen: Borrell erwartet dies als Folge des dortigen Regierungsumsturzes und der humanitären Notlage. "Die Menschen werden sich auf den Weg machen, wenn die Taliban es ihnen erlauben", sagte Borrell. Die Lebensmittelpreise in dem Krisenland stiegen, das Finanzsystem befinde sich im freien Fall. Nach UN-Zahlen haben 93 Prozent der Haushalte in Afghanistan nicht genug zu essen, die Grundversorgung steht demnach vor dem Zusammenbruch. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen wurden in dem Krisenstaat etwa 3,5 Millionen Menschen vertrieben, davon 550.000 seit Beginn dieses Jahres.

Taliban weisen Tod ihres Mitbegründers zurück

Die Taliban äußerten sich unterdessen zu den Gerüchten über den Tod ihres Mitbegründers Mullah Abdul Ghani Baradar. Ein Sprecher der Islamisten wies Berichte über tödliche Machtkämpfe in der Spitze der Gruppierung zurück. Der stellvertretende Ministerpräsident Baradar habe in einer Sprachbotschaft Behauptungen widersprochen, er sei bei einer Schießerei mit Rivalen getötet worden, twitterte Taliban-Sprecher Sulail Schahin. Zudem veröffentlichten die Taliban ein Video, das Baradar bei einem Treffen in Kandahar zeigen soll. Reuters konnte die Authentizität des Videos zunächst nicht überprüfen.

Keine Machtkämpfe an der Spitze

In Kabul gibt es Spekulationen, dass es zu Zusammenstößen zwischen Anhängern Baradars mit denen von Innenminister Siradschuddin Hakkani gekommen sein soll. Bisher haben die Taliban immer Machtkämpfe in ihrer Spitze bestritten.

Baradar ist seit einiger Zeit nicht mehr in der Öffentlichkeit in Erscheinung getreten. Dasselbe gilt für den obersten Taliban-Führer Mullah Haibatullah Achundsada. Die Spekulationen über den Verbleib der Männer werden befeuert durch den Umgang mit dem Tod von Taliban-Mitbegründer Mullah Omar, Staatsoberhaupt während der ersten Taliban-Herrschaft von 1996 bis 2001. Omars Tod wurde 2015 offiziell bestätigt, zwei Jahre nach seinem Ableben. Dies hatte damals heftige gegenseitige Anschuldigungen in der Taliban-Spitze ausgelöst.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 14. September 2021 um 14:00 Uhr.