Regenbogenflagge | AFP

Pride Parade in Jerusalem Zwischen Freude und Angst

Stand: 02.06.2022 11:11 Uhr

Heute findet in Jerusalem die jährliche Pride Parade statt. Doch die Stimmung ist angespannt - Drohungen überschatten den Umzug. Es wird deutlich, wie sehr die israelische Gesellschaft gespalten ist.

Von Benjamin Hammer, ARD-Studio Tel Aviv

Jerusalem im Jahr 2015. Freude und Stolz schlugen innerhalb von Minuten in Entsetzen und Trauer um.

Benjamin Hammer ARD-Studio Tel Aviv

Tausende Israelis liefen durch die Stadt, feierten mit der "Pride" die LGBTQ-Gemeinschaft. Ein Mann hatte sich in einem Supermarkt versteckt, trat plötzlich hervor und stach mit einem Messer auf sechs Menschen ein. Die Israelin Schira Banki, damals 16 Jahre alt, starb an ihren Verletzungen.

"Ein Mädchen mit politischem Bewusstsein"

Auf der heutigen "Pride" wird Schiras Vater eine Rede halten. Im Vorfeld sprach er mit dem israelischen Sender KAN. Es sei damals das zweite oder dritte Mal gewesen, dass sie an der Parade teilnahm: "Sie war ein Mädchen mit einem politischen Bewusstsein." Seine Tochter habe in der LGBTQ-Community Freunde gehabt und daran geglaubt, für Gleichberechtigung zu kämpfen und für ihre Freunde mit anderen Hintergründen: "Deshalb ging sie dort hin."

Die "Pride" in Jerusalem gibt es nun bereits seit 20 Jahren. Im Gegensatz zur "Pride" in Tel Aviv - von vielen als LGBTQ-Hauptstadt des Nahen Ostens bezeichnet - ist der Umzug in Jerusalem aber nie richtig angekommen. Er muss von einem massiven Polizeiaufgebot geschützt werden. Und die Proteste aus konservativen und religiösen Kreisen sind enorm.

Drohung vor Parade

So bekamen Mitglieder der LGBTQ-Gemeinschaft im Vorfeld der "Pride" Nachrichten geschickt. Ein Profilfoto auf Facebook zeigt ein Foto von Yishai Schlissel, jenem ultraorthodoxen Israeli, der Schira Banki tötete. In einer Nachricht heißt es: "Wir werden nicht zulassen, dass die Pride Parade in Jerusalem stattfinden wird. Jerusalem ist eine heilige Stadt. Das Schicksal von Schira Banki wird euch erwarten."

Pride Parade im Süden Israels abgesagt

Die Drohungen werden in der LGBTQ-Gemeinschaft sehr ernst genommen. Laut israelischen Medienberichten wurden im vergangenen Jahr 2971 Fälle von homophobem Hass und Gewalt dokumentiert. Ein Zuwachs von zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Erstmals in diesem Jahr sollte eine Pride Parade auch im südisraelischen Netivot stattfinden. Sie wurde abgesagt. Die Mutter des Veranstalters hatte eine Pistolenkugel zugeschickt bekommen.

Lautstarke Gegner

Die Gegner der Parade repräsentieren längst nicht alle strengreligiösen jüdischen Israelis. Sie sind jedoch lautstark und selbstbewusst. So wie der Rabbiner Tsvi Kustiner, der eine Religionsschule im Süden des Landes leitet:

Dies ist eine Schlacht und ich sage allen: Seid mutig. Wenn Ihr arbeitet sagt, dass die LGBTQ-Menschen nach Hause gehen sollen. Böse Menschen werden diese Verrücktheit in jedes Haus bringen. Bekämpft sie! Es ist unser Auftrag und wir sollten uns für unser Judentum nicht schämen. Diese verrückte Regierung. Dieser Wahnsinn.

In Israels "verrückter Regierung", wie der Rabbiner sagt, gibt es zum Beispiel einen schwulen Gesundheitsminister. Nitzan Horowitz setzte durch, dass schwule Männer in Israel Blut spenden dürfen. Der Staat stellt sich hinter die Pride-Paraden. Nicht nur in Tel Aviv, wo bald Hunderttausende aus aller Welt feiern werden, sondern auch in Jerusalem.

Veranstalterin: "Wichtig, den Marsch in Jerusalem zu haben"

Amona Klein Bar Noy gehört zu den Veranstalterinnen der Jerusalemer "Pride". Auch sie sprach mit dem israelischen Sender KAN:

Ich habe mich heute sehr unwohl gefühlt, als ich meine Kinder in den Kindergarten gebracht habe und mich von ihnen verabschiedet habe. Plötzlich fragte mich, ob ich sicher bin. Aber eigentlich beweist es nur, wie wichtig es ist, den Marsch in Jerusalem zu haben. Es ist der Marsch einer Gemeinde, die in Jerusalem lebt und nirgendwo anders hingehen wird.

Wie in jedem Jahr wird auf der Jerusalem "Pride" der getöteten Schira Banki gedacht. Und wie in jedem Jahr werden ihre Eltern mitmarschieren.

Dieser Beitrag lief am 02. Juni 2022 um 10:20 Uhr auf MDR aktuell.