Ein junger Mann und mehrere israelische Polizisten bei einer Konfrontation in der Altstadt von Jerusalem | AFP

Nationalistische Israelis Erste Zusammenstöße vor Flaggenmarsch

Stand: 15.06.2021 17:29 Uhr

Tausende nationalistische Israelis wollen heute durch Jerusalem ziehen. Viele Palästinenser empfinden das als Provokation. Inzwischen wurde aus Sorge vor Eskalationen die Route geändert - dennoch kam es bereits zu Gewalt.

Schon kurz nach ihrer Vereidigung steht Israels neue Regierung vor einer größeren Herausforderung: Vor einem für heute Abend geplanten Flaggenmarsch von etwa 5000 Nationalisten in Jerusalems Altstadt herrscht Sorge vor einer neuen Eskalation der Gewalt. Zu ersten Konfrontationen ist es bereits gekommen.

In der Jerusalemer Altstadt gab es Zusammenstöße zwischen israelischen Polizisten und palästinensischen Jugendlichen. In Gaza nahe der Sperranlage zu Israel wurde ein Palästinenser verletzt, als israelische Soldaten unter anderem mit Tränengas gegen Dutzende Demonstranten vorgingen, wie örtliche Medien berichteten.

Darüber hinaus brannten im Süden Israels mehrere Felder nieder. Die israelische Feuerwehr vermutet, dass die Feuer durch sogenannte Brandballons von militanten Palästinensern aus dem Gazastreifen ausgelöst wurden. Auf Videoaufnahmen war großflächig verbranntes Gras zu sehen. Medien berichteten von rund einem Dutzend Feuer.

Sicherheitskräfte positionieren sich vor dem umstrittenen Flaggenmarsch in der Nähe vom Damaskustor in der Jerusalemer Altstadt. | dpa

Sicherheitskräfte positionieren sich vor dem umstrittenen Flaggenmarsch in der Nähe vom Damaskustor in der Jerusalemer Altstadt. Vor dem Damaskustor sollen die Teilnehmer einen Fahnentanz abhalten dürfen. Bild: dpa

Route aus Sorge vor Eskalation geändert

Ursprünglich hatten Unterstützer von Ex-Ministerpräsident Benjamin Netanyahu zu dem Flaggenmarsch aufgerufen - aber auch die neue Regierung billigt ihn. Der Flaggenmarsch erinnert an die Eroberung Ostjerusalems durch israelische Truppen im Sechstagekrieg von 1967. Palästinenser sehen ihn als als Provokation an. Allerdings soll die neue Route anders als ursprünglich geplant nun nicht durch das muslimische Viertel der Altstadt führen. Sicherheitskräfte hatten befürchtet, der Marsch könne die Spannungen in der Stadt wiederbeleben und erneut zu Unruhen führen. Die beiden größten Palästinenserorganisationen Fatah und Hamas hatten zu einem "Tag des Zorns" aufgerufen.

Nach Medienberichten sollen bei dem von rechten jüdischen Gruppen organisierten Marsch rund 2000 Polizisten zum Einsatz kommen. Es wird mit mehreren tausend jüdischen Teilnehmern aus dem ganzen Land gerechnet. Bereits am Nachmittag räumte die Polizei laut Berichten den Bereich um das Damaskustor von Palästinensern. Palästinensische Ladenbesitzer in der Jerusalemer Altstadt wurden angehalten, ihre Läden bis spätestens 16 Uhr zu schließen.

Nationalistischer Flaggenmarsch wird nachgeholt

Ursprünglich sollte der Marsch am 10. Mai anlässlich des sogenannten Jerusalem-Tags stattfinden. Nach dem Beginn des Umzugs feuerten Kämpfer der Hamas im Gazastreifen zahlreiche Raketen in Richtung Jerusalem ab. Damit begann eine elftägige gewaltsame Auseinandersetzung. Die islamistische Hamas bezeichnete den Angriff auf Jerusalem als eine Reaktion auf Israels Vorgehen auf dem Tempelberg und in dem Viertel Scheich Dscharrah. Die von der EU, den USA und Israel als Terrororganisation eingestufte islamistische Gruppierung hatte im Fall neuer "Verstöße" Israels mit erneuten Angriffen gedroht. Wie die "Jerusalem Post" am Montag berichtete, hat die Armee zusätzliche Truppen ins Westjordanland verlegt.

Bei der letzten Gewalteskalation zwischen Israel und militanten Palästinenserorganisationen waren im Mai im Gazastreifen 255 Menschen und in Israel 13 Menschen getötet worden. Israel hatte den arabisch geprägten Ostteil Jerusalems 1967 erobert. Die Palästinenser sehen ihn als künftige Hauptstadt, Israel beansprucht dagegen ganz Jerusalem als Hauptstadt.

Neue Regierung in Israel

Mit nur einer Stimme Vorsprung war die neue israelische Regierung von Ministerpräsident Naftali Bennett am Sonntagabend im Parlament bestätigt worden. Dies bedeutet das vorläufige Ende der Ära Netanyahus, der seit 2009 durchgehend im Amt war.

Die neue Koalition wird von Parteien vom rechten bis zum linken Spektrum getragen. Unter ihnen ist erstmals auch eine arabische Partei. Jair Lapid von der gemäßigten Zukunftspartei wird zunächst Außenminister. Er soll dann im August 2023 Bennett als Ministerpräsident ablösen. Zahlreiche Staaten gratulierten der neuen Regierung, darunter die USA, Deutschland, Russland und die Vereinigten Arabischen Emirate. Der palästinensische Ministerpräsident Mohammed Schtaje sagte, mit der Ablösung Netanyahus gehe "eines der schlimmsten Kapitel in der Geschichte des Konflikts" mit Israel zu Ende.

Noch vor gut einem Monat war fast undenkbar, dass Bennett neuer Regierungschef wird. Bei der vergangenen Wahl holte seine Partei nur sieben Mandate. Bei der Wahl im April 2019 verpasste er sogar knapp den Einzug ins Parlament. Der national-religiöse Politiker hat in den vergangenen Jahren immer wieder versucht, sich als Alternative zu Netanyahu zu präsentieren.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 15. Juni 2021 um 18:29 Uhr in den Nachrichten.