Das Damaskus-Tor in Jerusalem | Benjamin Hammer

Polizeimaßnahmen in Jerusalem "Stinktierwasser" am Damaskus-Tor

Stand: 26.06.2021 18:24 Uhr

Bei den jüngsten Demonstrationen von Palästinensern in Jerusalem hat die israelische Polizei ein spezielles Mittel zur Abschreckung eingesetzt: "Stinktierwasser". Bewohner berichten, die Stadt stinke wie eine Jauchegrube.

Von Benjamin Hammer,  ARD-Studio Tel Aviv

Auf den ersten Blick war es ein merkwürdiges Video, das vor wenigen Tagen im Internet auftauchte. Es zeigt das Damaskus-Tor in Ost-Jerusalem und dessen Vorplatz - fast menschenleer. Trotzdem kam ein Wasserwerfer der israelischen Polizei zum Einsatz. Der sprühte mit festem Strahl eine Flüssigkeit auf den Platz - obwohl keine Demonstranten zu sehen waren.

Benjamin Hammer ARD-Studio Tel Aviv

Die Erklärung, warum der Wasserwerfer zum Einsatz kam, schwimmt im Tank des Fahrzeugs. Dort befindet sich nach Angaben von Bewohnern Wasser mit einer übel riechenden Beimischung. Die Palästinenser nennen es "Kharara", was auf Arabisch "Exkremente" beschreibt. Auf Englisch heißt die Flüssigkeit "skunk water": "Stinktierwasser."

Seit Wochen vertreibt die israelische Polizei Menschenmengen von dem Platz. Offiziell aus Sicherheitsgründen. Das übel riechende Wasser soll offenbar dafür sorgen, dass ein Aufenthalt dort unerträglich wird.

Munir Nusseibah | Benjamin Hammer

Bild: Benjamin Hammer

"Überall herrscht dieser ekelhafte Gestank"

Ein paar Tage nach der Aufnahme des Videos: Noch immer riecht es am Damaskus-Tor leicht nach Gülle und Jauchegrube. Wir sind auf dem Weg zu Munir Nusseibah, Professor für Völkerrecht an der Al-Quds-Universität in Jerusalem. Der Palästinenser lebt in Sheikh Jarrah, jenem Viertel, in dem palästinensische Familien vor einer möglichen Zwangsräumung durch nationalistische jüdische Siedler stehen. Auch dem Professor stinkt es in diesen Tagen gewaltig. Und das liegt nicht nur daran, dass Israel Ost-Jerusalem völkerrechtlich besetzt hält.

"Es ist ekelhaft. Und es erzeugt einen Brechreiz. Jeden Tag fahre ich mit meinem Fahrrad zur Arbeit von Sheikh Jarrah in die Altstadt. Und überall herrscht dieser ekelhafte Gestank." Dieser Einsatz sei durch nichts zu rechtfertigen, meint Nusseibah weiter. "Wenn sie Wasser benutzen wollen, können sie sauberes Wasser nutzen, oder? So wird es doch an anderen Orten gemacht, wenn sie Demonstrationen auflösen."

Der Völkerrechtler sieht in der stinkenden Flüssigkeit eine Kollektivstrafe für die palästinensische Bevölkerung. Eine Strafe dafür, dass Palästinenser gegen ihre Entrechtung auf die Straße gingen. So sieht es auch die israelische Menschenrechtsorganisation B'Tselem.

Nusseibeh: "Stinktierwasser" eine israelische Erfindung

Das "Stinktierwasser" ist nach Recherchen mehrerer Medien eine israelische Erfindung. Laut B'Tselem enthält es unter anderem Wasser, Hefe und Backpulver. Bewohner berichten, dass sie sich mehrfach waschen müssen, um den Gestank von ihren Körpern zu entfernen. Das "Stinktierwasser" wurde in der Vergangenheit auch gegen jüdische, ultraorthodoxe Demonstranten eingesetzt.

Für den Völkerrechtler Nusseibeh ist trotzdem klar, dass sich das Mittel vor allem gegen Palästinenser richtet. Vor anderthalb Wochen veranstalteten rechtsnationale Israelis den zweiten Flaggenmarsch, erzählt er. Junge Palästinenserinnen und Palästinenser wollten dagegen demonstrieren und sich ebenfalls am Damaskus-Tor versammeln. Die Polizei habe sie dann mit Gewalt entfernt. Nusseibeh berichtet weiter, dass die Polizei zu diesem Zeitpunkt noch kein "Stinktierwasser" eingesetzt habe.

Weil doch später Juden zum Damaskus-Tor kommen wollten. "Die sollten das nicht riechen. Erst nachdem die israelischen Siedler die Gegend mit ihren Flaggen verlassen hatten, kam der Wasserwerfer. Und verbreitete den Gestank in der ganzen Gegend", so Nusseibeh.

Zu Besuch bei Samira Dajani. Auch sie lebt im palästinensischen Viertel  Sheikh Jarrah in Ost-Jerusalem. Dajani führt in ihren großen Garten und stellt Limonade auf den Tisch. Idylle pur, wäre da nicht dieser Geruch auf der Straße vor dem Haus. In Sheikh Jarrah gibt es regelmäßig Demonstrationen gegen die mögliche Zwangsräumung der palästinensischen Familien.

Palästinenser und nationalistische Siedler bewerfen sich gegenseitig mit Plastikflaschen und Steinen. Die israelische Polizei setzt dann häufig die stinkenden Wasserwerfer ein. Laut Samira Dajani gegen die Palästinenser, nicht gegen die israelischen Siedler. Allerdings müssen auch die mit dem Gestank in dem Viertel leben.

Samira Dajani | Benjamin Hammer

Bild: Benjamin Hammer

Ein Recht auf frische Luft

Auch die Dajanis stehen vor einer möglichen Zwangsräumung. Eine rechtsnationale israelische Organisation macht Ansprüche auf das Grundstück geltend, weil das Land früher Juden gehörte. Die Dajanis wehren sich vor Gericht. Kaum auszuhalten sei die Anspannung dieser Wochen, sagt Dajani, deren Familie einst aus West-Jerusalem floh und seit Jahrzehnten in Ost-Jerusalem lebt.

Und dann, sagt Samira, sei da auch noch dieser Gestank. Bei der Demonstration am Freitag habe ihr Mann etwas von dem Wasser abbekommen, erzählt sie.

"Er kam in die Wohnung und sagte: 'Samira, gib mir schnell neue Klamotten.' Ich gab ihm seinen Schlafanzug. Den mussten wir danach auch waschen. So schlimm war das. Ich kann das kaum beschreiben. Wissen Sie, selbst wenn ich könnte, würde ich das Wasser nicht auf Israelis sprühen. Das sind doch Menschen. Und alle Menschen sollten ein Recht haben, frische Luft einzuatmen und nicht so etwas." 

Laut israelischen Sicherheitskräften handelt es sich bei dem "Stinktierwasser" um ein nicht tödliches Mittel, um Menschenmengen zu zerstreuen. Warum damit aber ganze Plätze und Straßenzüge verunreinigt werden, sagen sie nicht. Mehrere Anfragen für diesen Beitrag an Sprecher der israelischen Polizei blieben unbeantwortet.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 26. Juni 2021 um 15:12 Uhr.