Aufräumarbeiten nach dem Luftangriff auf ein Gefängnis in Saada, Jemen | REUTERS

Mehr als 70 Tote im Jemen Streit über Verantwortung für Luftangriff

Stand: 22.01.2022 10:01 Uhr

Dutzende Menschen wurden bei einem Angriff auf ein jemenitisches Gefängnis getötet, das offenbar als Lager für Flüchtlinge diente. Huthi-Rebellen machen die im Land kämpfende Militärkoalition dafür verantwortlich, doch diese dementiert.

Bei einem Luftangriff auf ein Gefängnis im jemenitischen Saada sind mindestens 70 Menschen getötet und mehr als 100 verletzt worden. Nun wies die von Saudi-Arabien angeführte Militärkoalition die Verantwortung für die Attacke zurück. Eine "gründliche" Prüfung der Informationen und Berichte habe ergeben, dass entsprechende Vorwürfe "unbegründet" seien, sagte ein Sprecher der Militärkoalition laut der saudi-arabischen Nachrichtenagentur SPA. 

Ungeachtet dessen stehe das Gefängnis in der Hochburg der Huthi-Rebellen nicht auf einer Liste verbotener Angriffsziele des UN-Büros zur Koordinierung humanitärer Angelegenheiten im Jemen (Ocha), hieß es in der Mitteilung weiter. Es sei auch nicht vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) gemeldet worden.

UN und Hilfsorganisationen entsetzt

Die Rebellen hatten der Militärkoalition die Verantwortung für den Angriff gegeben. Sie veröffentlichten Videoaufnahmen, die mutmaßlich verstümmelte Leichen in den Trümmern der Haftanstalt zeigten. Sie warfen der Militärkoalition vor, in Saada ein "Verbrechen" begangen zu haben. Wie Ärzte ohne Grenzen mitteilten, wurden bei dem Luftschlag auch fast 140 Menschen verletzt.

Gefängnis war Sammellager für Flüchtlinge

Nach Angaben von acht im Jemen tätigen Hilfsorganisationen wurde das Gefängnis als Sammellager für Flüchtlinge genutzt. Sie seien "entsetzt" über den Tod von mehr als 70 Menschen, erklärten die Organisationen. Unter den Toten seien Migranten, Frauen und Kinder, "die in einer himmelschreienden Missachtung des Lebens von Zivilisten" getötet worden seien. Auch UN-Generalsekretär Antonio Guterres verurteilte den Angriff. Sein Sprecher erklärte, es seien auch noch weitere Luftangriffe aus anderen Teilen des Jemen gemeldet worden, bei denen auch Kinder getötet worden seien.

Ein Luftangriff auf die Hafenstadt Hudaida habe zudem zu einem Ausfall des Internets im Jemen geführt, wie die Beobachterorganisation NetBlocks mitteilte. Ein Telekommunikationsgebäude sei getroffen worden, hieß es. Betroffen sei der staatliche Konzern TeleYemen in Hudaida, der inzwischen von den Rebellen kontrolliert wird. Mehr als zwölf Stunden später war eine Verbindung mit dem Internet weiterhin nicht möglich. Die Militärkoalition teilte mit, sie habe zielgenaue Luftangriffe ausgeführt, mit denen in der Gegend des Hafens von Hudaida Kapazitäten der Miliz zerstört werden sollten. Sie räumte nicht ein, TeleYemen getroffen zu haben. Die Koalition nannte Hudaida einen Hafen für Piraterie und iranischen Waffenschmuggel für die Huthis.

Mehr als 370.000 Tote im Krieg

Im Jemen herrscht seit 2015 Krieg zwischen den von Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und anderen arabischen Staaten unterstützten Truppen von Präsident Abd Rabbo Mansur Hadi und den Huthi-Rebellen, die vom Iran unterstützt werden. Am Montag hatten die Huthis erstmals die Vereinigten Arabischen Emirate angegriffen und drei Menschen getötet. Die Militärkoalition flog daraufhin Vergeltungsangriffe, bei denen mindestens 14 Menschen im Jemen getötet wurden.

Mehr als 370.000 Menschen wurden im Jemen-Konflikt bereits getötet, Millionen mussten flüchten. Die Vereinten Nationen stufen den Krieg und seine Folgen als schlimmste humanitäre Krise der Welt ein.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 21. Januar 2022 um 15:35 Uhr in den Nachrichten.