Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Paralympics im Ankunfstbereich des Flughafens in Narita, Japan. | AFP

Paralympische Spiele in Tokio Barrierefreiheit mit Hindernissen

Stand: 17.08.2021 13:24 Uhr

Eine Woche vor Beginn der Paralympischen Sommerspiele dürfen die 4400 Sportler das Athleten-Dorf beziehen - ein durch und durch barrierefreier Ort. Aber nicht überall in Japan ist es gut um die Barrierefreiheit bestellt.

Von Julia Linn, ARD-Studio Tokio

Zusammenhalt haben sich das Internationale Olympische und das Paralympische Komitee für die Spiele in Tokio auf die Fahnen geschrieben. "United by Emotion" - "Vereint durch Gefühle" - ist das gemeinsame Motto, an das sich die Millionenstadt und das ganze Land noch herantasten. Japan hat es sich zum Ziel gesetzt, mit den Olympischen und Paralympischen Spielen zu einer integrativen und inklusiven Gesellschaft zu werden, an der auch Menschen mit Behinderung teilhaben sollen - aber bislang gelingt das nicht immer.

Julia Linn ARD-Studio Tokio

"Die Olympischen Spiele können nur erfolgreich sein, wenn es die Paralympischen auch sind", betonte Tokios Gouverneurin Yuriko Koike. Ein Teil des Erfolgs mache es aus, eine barrierefreie Umgebung zu erschaffen. Etliche Bahnhöfe und Flughäfen wurden deshalb umgebaut - jahrelang blieb Rollstuhlfahrern der Zugang zu vielen dieser Orte versperrt.

Dass sich Japan anlässlich der Spiele verändert hat, nimmt auch Yuriko Oda wahr. Mit 22 Jahren wurde bei ihr Muskelatrophie diagnostiziert, seit ihrem 26. Lebensjahr sitzt sie im Rollstuhl. Die 40-Jährige hat die Olympia-Organisatoren hinsichtlich der Barrierefreiheit beraten.

Kaum Rollstuhlfahrer auf Japans Straßen

Die Paralympischen Spiele hatte sie seit Jahren im Blick, wollte Rollstuhlfahrern aus anderen Ländern Japan zugänglich machen. Deshalb hat sie eine interaktive Karte als kostenfreie App für das Smartphone entwickelt. Die Nutzer und Nutzerinnen tauschen dort beispielsweise Informationen über Fahrstühle und barrierefreie Toiletten aus. Sie habe eine Welt kreieren wollen, in der Rollstuhlfahrer nicht aufgeben müssen, so Oda.

Es gibt sie aber, die Barrieren, die noch nicht zu umgehen sind: Wenn Oda mit dem Rollstuhl unterwegs sei, berichtet sie, spüre sie permanent Blicke. Menschen in Rollstühlen gibt es auf Japans Straßen kaum, auf viele würde sie deshalb fremdartig wirken, sagt Oda. Andere Länder seien Japan dahingehend weit voraus: "Die Japaner sind eher reserviert und samuraihaft, auch wenn sie eigentlich helfen wollen, fällt es ihnen am Ende doch irgendwie schwer."

Eingang zum Athletendorf für die Paralympics im Hafenviertel Harumi. | dpa

Durch und durch barrierefrei - das Olympische Dorf hat für die paralympischen Athleten eröffnet. Bild: dpa

Immer mehr Angebote für Menschen mit Behinderung

Dennoch: Für Menschen mit Behinderung würde immer mehr unternommen, sagt Oda. Tokio erlebt sie mittlerweile als weitgehend barrierefrei. Die meisten Bahnhöfe in der Paralympics-Stadt wurden mit Aufzügen ausgestattet - sie zu erreichen, ist aber nicht immer ganz unkompliziert. Die Wege führen über schmale und zu Stoßzeiten überfüllte Bahnsteige. Mitunter müssen Rollstuhlfahrer mehrere hundert Meter zurücklegen.

In jedem Bahn-Waggon befindet sich ein Bereich mit Plätzen für Schwangere, ältere Menschen und Menschen mit Behinderung. Dort gibt es mehr Haltegriffe, die auch für Rollstuhlfahrer erreichbar sind. Rund um die Tür hebt sich die Struktur des Bodens etwas ab, damit diese auch für Menschen mit Sehbehinderung identifizierbar ist. Beinahe in ganz Tokio sind solch leicht hervorstehende gelbe Fliesen auf den Gehwegen zu finden, durch die Sehbehinderte sichere Wege erkennen können.

Schwieriger werde es für sie als Rollstuhlfahrerin an traditionellen Tempeln und Schreinen, sagt Yuriko Oda. Diese seien wegen vieler Stufen und Kieswege meist nicht barrierefrei - aber auch hier geht es voran. Etwa am ältesten Tempel Tokios, dem Sensoji-Tempel, gibt es mittlerweile Fahrstühle.

Hohe Erwartungen an Einfluss Paralympischer Spiele

Beim Bau der olympischen und paralympischen Wettkampfstätten war die Barrierefreiheit von Beginn an ein wichtiger Faktor. So bietet das neue Nationalstadion barrierefrei zugängliche Toiletten und Sitzplätze, aber auch Ruheräume für Menschen, die sensibel auf übermäßige Reize reagieren. Die Hoffnung vieler Menschen mit Behinderung: Die Wettkampfstätten sollen Vorbild für künftige Bauten werden und neue Standards setzen.

Auch Yuriko Oda hat hohe Erwartungen an die Paralympics: Für Tokio und ganz Japan sind diese Spiele viel mehr als eine große Sportveranstaltung - sie sind eine Chance für die japanische Gesellschaft, grundsätzlich umzudenken und den Zusammenhalt mehr als nur ein Motto werden zu lassen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. Januar 2020 um 19:23 Uhr.