Eine Frau lässt in einem Wahllokal in Jerusalem ihren kleinen Sohn den Stimmzettel in eine Wahlurne werfen. | dpa

Parlamentswahl in Israel Es könnte auf die Kleinen ankommen

Stand: 23.03.2021 19:57 Uhr

Die politischen Lager in Israel führen bis zum letzten Moment einen harten Wahlkampf. Doch ein klarer Sieger ist unwahrscheinlich. Eher könnten die kleinen Parteien das Zünglein an der Waage werden.

Von Benjamin Hammer, ARD-Studio Tel Aviv

Am Vormittag gab Israels Staatspräsident Reuven Rivlin seine Stimme ab. Der Wahltag ist in Israel für viele ein Feiertag ohne Arbeit. Doch in Feierstimmung war Rivlin nicht. Dafür ist die politische Krise seines Landes zu groß.

Benjamin Hammer ARD-Studio Tel Aviv

"Es ist wahr, dass eine vierte Wahl innerhalb von zwei Jahren das Vertrauen der Bürger in den demokratischen Prozess verletzt. Aber es liegt nur in Ihrer Hand, Bürger Israels, Einfluss zu nehmen. Es gibt keinen anderen Weg. Bitte gehen Sie wählen - für unsere Kinder, für unsere Enkelkinder, für die Folgegenerationen und ja, auch für uns", appellierte Rivlin. Viele Israelis teilen die Bedenken ihres Präsidenten.

An den Strand statt ins Wahllokal?

Gleichzeitig war die Stimmung heute ausgelassen. Israels Regierung hat die meisten Corona-Beschränkungen aufgehoben und begründet das mit der hohen Impfquote. Die Restaurants waren voll, die Einkaufszentren machten Rekordumsätze. Bei schwülem Wetter zog es viele Israelis an den Strand.

Das schürte bei vielen Spitzenkandidaten und -kandidatinnen die Furcht, dass ihre Anhänger den freien Wahltag zwar genießen, aber nicht wählen gehen. So klang das bei Premierminister Benjamin Netanyahu, der der Likud-Partei angehört: "Likudnikim, geht wählen. Wenn ihr nicht wählen geht und stattdessen am Strand, in den Restaurants oder Einkaufszentren bleibt, werdet ihr heute Nacht Yair Lapid zum Premierminister bekommen."

Scharfe Attacken

Es gehört zu einer beliebten Taktik, am Wahltag den politischen Gegner stark zu machen, um die eigenen Anhänger zu mobilisieren. Der frühere TV-Journalist Yair Lapid und dessen Partei Yesh Atid könnten laut Umfragen zweitstärkste Kraft werden - hinter dem Likud von Netanyahu.

"Entweder wird Yesh Atid gewinnen", sagte Yair Lapid bei der Abgabe seiner Stimme, "oder wir bekommen eine Regierung von Dunkelheit, Diskriminierung und Homophobie. Eine Regierung, die das Geld von jenen nimmt, die arbeiten und es denen gibt, die nicht arbeiten". Eine klare Anspielung auf Israels ultra-orthodoxe Bevölkerung. Deren Parteien sind enge Koalitionspartner von Netanyahu und halten ihm die Treue, obwohl Netanyahu wegen Korruption angeklagt ist.

Wahl spiegelt gesellschaftliche Spaltung wider

Der Wahltag zeigte wieder einmal, wie groß der Bruch zwischen säkularen und ultra-orthodoxen Israelis ist. Der rechts-säkulare Politiker Avigdor Lieberman betonte: "Das Wichtigste ist, dass die säkularen Bürger wählen gehen. Bei der letzten Wahl sind durch eine zu geringe Wahlbeteiligung allein in Tel Aviv fünf Mandate verloren gegangen. Die Ultraorthodoxen galoppieren in die Wahllokale - und ihr?"

Der ultra-orthdoxe Politiker Moshe Gafni wiederum schoss verbal gegen Lieberman: "Mit seinem Unsinn und seinem Gerede ist es Lieberman gelungen, die ultra-orthodoxen Juden zu den Wahllokalen zu bringen. Denn sie sehen, wie tief die Söhne Israels sinken können. Und Lieberman ist bis zur Unterwelt gesunken."

Die gesellschaftliche Spaltung Israels, so viel steht fest, kann mit dieser Wahl nicht überwunden werden. Eine Spaltung zwischen säkular und religiös, aber auch zwischen Pro- und Anti-Netanyahu. Klare Mehrheiten sind laut Umfragen auch nach dieser Wahl nicht zu erwarten. Entscheidend könnte werden, welche kleinen Parteien die 3,25 Prozent-Hürde überschreiten. Auch das einst so starke Bündnis Blau-Weiß von Benny Gantz bangt um den Wiedereinzug in die Knesset.

Die Wahllokale schließen um 21 Uhr deutscher Zeit. Die Wahlbeteiligung ist bisher niedriger als bei der letzten Wahl.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 23. März 2021 um 20:00 Uhr.