Vom Gazastreifen aus wurden Raketen in Richtung Israel abgefeuert. | AFP

Nach Unruhen in Jerusalem Hamas feuert Raketen auf Israel

Stand: 10.05.2021 22:57 Uhr

Der Streit zwischen Israel und Palästina eskaliert weiter: Nach Ablauf eines Ultimatums der Hamas an die israelische Regierung feuerten militante Palästinenser Raketen ab. Israel griff Ziele im Gazastreifen an. Es gab mehrere Tote.

Kurz nach Ablauf eines Ultimatums der islamistischen Hamas haben militante Palästinenser mehrere Raketen aus dem Gazastreifen auf Israel abgefeuert. Nach Angaben der israelischen Armee seien es 150 gewesen. Das Raketenabwehrsystem "Iron Dome" habe Dutzende abgefangen. In den angrenzenden Gebieten sowie in den Städten Jerusalem, Beit Schemesch, Aschkelon und Sderot gab es Luftalarm. Die Raketenangriffe aus dem Palästinensergebiet sowie die Gegenangriffe der israelischen Armee dauern noch an.

In Jerusalem ist ein solcher Alarm sehr selten, berichtet ARD-Korrespondent Mike Lingenfelser. Eine sei vom Abwehrsystem abgefangen worden. Insgesamt sei die Lage sehr angespannt, sagte Lingenfelser. Er wertet den Beschuss als deutliches Anzeichen einer Eskalation, die sich in den nächsten Tagen fortsetzen könnte.

Nach Angaben der israelischen Polizei gab es einige Einschläge in der Nähe von Jerusalem. Ein Marsch in der Stadt anlässlich des Jerusalem-Tages sei aufgrund der Angriffe abgebrochen worden. Medienberichten zufolge wurde das Parlament in Jerusalem geräumt. Die Abgeordneten seien in Schutzräume gebracht worden.

Israel greift Ziele im Gazastreifen an

Israel reagierte auf die Raketen der Palästinenser mit einem Luftangriff im Gazastreifen. "Wer uns angreift, wird einen hohen Preis bezahlen", sagte Regierungschef Benjamin Netanyahu. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza kamen dabei mindestens 20 Palästinenser ums Leben, unter den Opfern seien mehrere Kinder. 95 Menschen im Gazastreifen hätten Verletzungen erlitten. Auch ein Anführer der Hamas sei getötet worden, teilte die radikalislamische Palästinenserorganisation mit. Nach palästinensischen Angaben ereignete sich der Vorfall in Beit Hanun im Norden des Küstenstreifens.

Israels Armee spricht hingegen von drei getöteten Hamas-Aktivisten. Das Militär veröffentlichte bei Twitter ein Video des Vorfalls im Norden des Küstengebiets. Israel habe als Reaktion auf Angriffe aus dem Küstengebiet damit "begonnen", Stellungen der Hamas zu attackieren, sagte Armeesprecher Jonathan Conricus.

Hamas spricht von "Botschaft" an Israel

Ein Hamas-Sprecher sagte, man habe als "Botschaft" an den israelischen Feind Raketen auf Jerusalem gefeuert. Es handele sich um eine "Reaktion auf seine Verbrechen und Aggression gegen die heilige Stadt" sowie auf Israels Vorgehen auf dem Tempelberg und in Scheich Dscharrah.

Nach heftigen Zusammenstößen in Jerusalem hatte der militärische Hamas-Flügel zuvor ein Ultimatum gestellt. Ein Sprecher der Organisation in Gaza forderte, Israel müsse alle Polizisten und Siedler vom Tempelberg sowie aus dem Viertel Scheich Dscharrah in Ost-Jerusalem abziehen. Außerdem müssten alle im Rahmen der jüngsten Konfrontationen festgenommenen Palästinenser freigelassen werden. Es handele sich um eine Warnung. Kurz nach Ablauf des Ultimatums begann der Beschuss.

Zu den Angriffen bekannte sich auch die Gruppe "Islamischer Dschihad". Die Terrororganisation habe zudem angedroht Tel Aviv am Abend unter Beschuss zu nehmen, berichtet ARD-Korrespondent Lingenfelser. Allerdings sei noch unklar, ob dies nur eine leere Drohung sei. Die Bewohner nähmen sie aber ernst.

Brand am Tempelberg

Am Abend gerieten Palästinenser und israelische Sicherheitskräfte am Tempelberg erneut aneinander. Dabei brach ein Brand aus. Die israelische Polizei teilte mit, er sei offenbar durch Feuerwerkskörper verursacht worden. Ein Sprecher des israelischen Ministerpräsidenten Netanyahu sprach bei Twitter von unverantwortlichem Verhalten palästinensischer Demonstranten.

Ein Video zeigte, wie ein großer Baum in Flammen aufging. Der Brand war auch von der Klagemauer aus zu sehen, wo zahlreiche Israelis weiter den Jerusalem-Tag feierten. Schon am Morgen war es zu Auseinandersetzungen an der Al-Aksa-Moschee gekommen. Polizisten setzten Blendgranaten, Tränengas und Gummigeschosse gegen Steine werfende Palästinenser ein. Palästinensische Rettungskräfte sprachen von mehr als 300 Verletzten. Nach israelischen Polizeiangaben wurden fast zwei Dutzend Beamte verletzt.

Mögliche Zwangsräumungen sorgen für Spannungen

Die Lage im Westjordanland und im arabisch geprägten Ostteil Jerusalems ist seit Beginn des muslimischen Fastenmonats Ramadan angespannt. Viele Palästinenser sind zornig, weil die Polizei Bereiche der Altstadt abgesperrt hatte, um Versammlungen zu verhindern. Zudem drohen einigen palästinensischen Familien im Stadtteil Scheich Dscharrah Wohnungsräumungen durch israelische Behörden. Dies verschärfte die Spannungen.

Vergangenes Wochenende hatte es jede Nacht Konfrontationen mit zahlreichen Verletzten im Osten der Stadt gegeben. Der Status Jerusalems ist eine der zentralen Streitfragen im Nahost-Konflikt. Israel beansprucht Jerusalem als "ewige und unteilbare Hauptstadt" für sich. Die Palästinenser halten ihrerseits an ihrem Anspruch auf Ost-Jerusalem als Hauptstadt fest.

UN-Sicherheitsrat berät über Konflikt

Der UN-Sicherheitsrat beriet in einer Dringlichkeitssitzung über die Eskalation in Jerusalem. Auf eine gemeinsame Erklärung konnten sich die Ratsmitglieder zunächst nicht einigen, wie mehrere Diplomaten der Nachrichtenagentur AFP sagten.

Einem Diplomaten zufolge erklärten die USA, sie würden sich "hinter den Kulissen" darum bemühen, die Situation zu beruhigen. Washington äußerte demnach Zweifel, ob eine öffentliche Botschaft zu diesem Zeitpunkt hilfreich sei. 

Die Beratungen im Sicherheitsrat über einen gemeinsam von Norwegen, Tunesien und China eingebrachten Entwurfstext dauerten nach Angaben von Diplomaten an. Die ursprüngliche Fassung enthält den Aufruf an Israel, auf Siedlungsaktivitäten, die Zerstörung von Häusern und Zwangsräumungen unter anderem in Ost-Jerusalem zu verzichten. Der Text könnte nach Einschätzung von Diplomaten noch abgeschwächt werden. 

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 10. Mai 2021 um 22:30 Uhr.