Beisetzung eines ultra-orthodoxen Rabbiners in Jerusalem | AP

Impfgegner in Israel "Die sagen uns nicht, was wir zu tun haben"

Stand: 27.02.2021 12:38 Uhr

Viele streng religiöse Juden in Israel wehren sich gegen die Einschränkungen im öffentlichen Leben. Großhochzeiten, Beerdigungen - all das soll so weitergehen wie bisher. Das hat auch Einfluss auf die Impfkampagne.

Von Tim Aßmann, ARD-Studio Tel Aviv

In der Tiefgarage eines Bürogebäudes in Bnei Brak, einer Stadt bei Tel Aviv, betreibt die Maccabi-Krankenkasse ein Impfzentrum. Der Andrang ist nicht groß. Ein gutes Dutzend streng-religiöser jüdischer Frauen und Männer wartet auf die erste beziehungsweise zweite Impfung. Hava, eine Einwohnerin von Bnei Brak, ist mit ihrer Mutter gekommen. In unserer Familie ist die Impfbereitschaft hoch, sagt Hava und erzählt, dass einer ihrer Großväter an den Folgen einer Corona-Infektion gestorben ist.

Tim Aßmann ARD-Studio Tel Aviv

Sie sei Mutter von acht Kindern, sagt sie - "ich möchte die Kraft haben, sie großzuziehen. Und dafür muss ich gesund sein. Wir haben den Rabbiner in unserer Gemeinde gefragt und der hat gesagt, wir sollten uns alle impfen lassen."

Das ist auch die Botschaft von Avraham Rubinstein, dem Bürgermeister von Bnei Brak, auch er ein streng-religiöser Jude wie die meisten der rund 200.000 Einwohner. Beim Besuch im Impfzentrum ist Rubinstein hoch zufrieden. Er selbst ist geimpft und er wünscht sich so viele Nachahmer wie möglich. "Wir werden Impf-Hauptstadt. Unser Ziel ist 100 Prozent Geimpfte, nicht 98, nicht 95, sondern 100 Prozent."

Unerreichbares Ziel

Dieses Ziel scheint eher unerreichbar. Denn zusammen mit der Bevölkerungsgruppe der arabischen Israelis sind die streng-religiösen Juden besonders impfskeptisch, und die Impfquote liegt deutlich unter dem Bevölkerungsdurchschnitt. Die Zurückhaltung sei sehr groß, berichtet der Rabbiner Dov Halbertal, Rechtsanwalt und Experte für Belange der streng-religiösen Gemeinschaft.

"Das kommt von der Ignoranz gegenüber der Wissenschaft. Je religiöser man ist, desto weniger Bezug hat man zur Wissenschaft. Außerdem gibt es eine extreme Gruppe, die den Staat nicht akzeptiert und die Haltung hat: 'Die sagen uns nicht, was wir zu tun haben.'"

Keine Masken, wenig Abstand

Musik schallt aus einem Geschäft im Jerusalemer Stadtteil Mea Shearim, in dem nahezu ausschließlich ultraorthodoxe jüdische Familien wohnen. Im Herzen des Viertels herrscht geschäftiges Treiben. Sehr viele der Passanten tragen keinen Mund- und Nasenschutz, obwohl der in Israel vorgeschrieben ist. Auch Rabbi Meir Hirsch lehnt die Masken ab und wird sich auch nicht impfen lassen.

"Diese Impfung durchlief nicht alle Untersuchungen dazu, ob langfristige Schäden möglich sind oder nicht", kritisiert der 65-Jährige. "Es wäre absurd, sich impfen zu lassen, nur weil die Medien und die zionistische Propaganda mit aller Kraft versuchen, den Impfstoff in uns hinein zu bekommen. Das ist inakzeptabel."

Rabbi Hirsch gehört zur Neturei Karta, einer Gruppierung innerhalb der streng-religiösen Juden, die den Zionismus und den Staat Israel ablehnen. Anordnungen dieses Staates sind für die Anhänger von Neturei-Karta und anderen Gruppen ohne Bedeutung.

Demonstrationen erlaubt - ein Widerspruch?

Es sind Bilder von ultraorthodoxen Beerdigungen mit zehntausend Trauernden oder von Großhochzeiten mitten im Lockdown, die bei vielen säkularen Israelis Unverständnis und Zorn auslösen. Avraham Rubinstein, der Bürgermeister von Bnei Brak, findet die Regelbrüche falsch, sagt aber, es sei schwer zu nachvollziehen, dass die Ultraorthodoxen sich an Auflagen halten sollten, während die wöchentlichen Demonstrationen gegen Israels Premier Benjamin Netanyahu erlaubt seien.

"Der Glaube war vor der Demokratie da. Wenn das also erlaubt ist, wenn der Staat Israel, das Gesetz und die Richter Israels die Demokratie heiligsprechen und deshalb Tausende von Menschen demonstrieren gehen dürfen, warum darf man dann nicht zu einer Beerdigung? Kann mir das jemand erklären?"

Am 23. März wählen die Israelis ein neues Parlament und die beiden streng-religiösen Parteien sind erklärte politische Partner von Netanyahu. Das Verhalten der Streng-Religiösen während der Pandemie könnte zentrales Wahlkampfthema werden.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Nova am 21. Februar 2021 um 18:00 Uhr.