Yair Lapid vor einer israelischen Flagge. | EPA

Außenminister Yair Lapid Der neue Ton aus Israel

Stand: 18.06.2021 05:05 Uhr

Israels Außenminister Lapid gilt als Architekt der neuen Regierung. Er schlägt einen neuen, versöhnlichen Ton an. Aber werden sich seine Äußerungen auch in der Politik der Viel-Parteien-Koalition niederschlagen?

Von Benjamin Hammer, ARD-Studio Tel Aviv

"Tod den Arabern" skandierten jüdische Nationalisten vor wenigen Tagen während eines Flaggenmarsches in Ost-Jerusalem. Viele israelische Politiker schwiegen zum Vorfall. Yair Lapid aber meldete sich auf Twitter. Dass Extremisten mit israelischen Flaggen Hass und Rassismus verbreiteten, sei abscheulich und unverzeihlich, schrieb der neue israelische Außenminister und alternierende Premierminister. Diese Leute seien eine Schande für das israelische Volk.

Benjamin Hammer ARD-Studio Tel Aviv

Lapid setzt bereits Impulse

Yair Lapid hat sein Ziel, Benjamin Netanyahu aus dem Amt des Premierministers zu drängen, vorerst erreicht. Der Mann der politischen Mitte verzichtete dafür darauf, als erstes Premierminister zu werden. Erst in zwei Jahren und drei Monaten - wenn die neue Regierung hält - soll er den rechtsnationalen Naftali Bennett ablösen.

Doch Lapid gilt als Architekt des neuen Acht-Parteien-Bündnis im Land. Und während Naftali Bennett rhetorisch noch eher zurückhaltend auftritt, setzt Yair Lapid mit seinen Äußerungen bereits Impulse.

 

Ein pragmatischer, liberaler Mensch

"Nun, Yair Lapid ist in erster Linie ein pragmatischer Mensch", sagt Gidon Rahat, Professor für Politikwissenschaft an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Und letzten Endes in seiner Seele auch ein liberaler Mensch, so Rahat. Natürlich müsse sich die Regierung an ihren Taten messen lassen, sagt der Politikwissenschaftler. Aber Worte seien in Israel im Moment sehr wichtig.

"Sie dürfen nicht vergessen: Wir hatten hier vier Neuwahlen mit negativer Propaganda, mit Konflikten und Spannungen", sagt Rahat. Benjamin Netanyahu habe agitiert: gegen die Linke, gegen die Justiz. "In so einer Lage ist der Ton von Yair Lapid sehr wichtig."

 "Ich wollte, dass meine Mutter stolz ist"

Der Ton mancher Abgeordneter während der Rede von Naftali Bennett im Parlament in Jerusalem war kürzlich unmissverständlich. Aus dem rechtskonservativen, ultra-orthodoxen und rechtsextremen Lager schrien Abgeordnete dermaßen aggressiv, dass Bennett stellenweise seine Rede unterbrechen musste. Mehrere Abgeordnete wurden des Saals verwiesen.

Yair Lapid verwarf in dieser Situation seine ursprüngliche Rede. Sagte nur, dass er sich bei seiner 86-jährigen Mutter für diese Szenen entschuldigen wolle und wandte sich an die schreienden Parlamentarier. "Ich wollte, dass meine Mutter stolz ist auf den demokratischen Prozess in Israel. Stattdessen schämt sie sich für Sie, so wie alle Israelis", sagte Lapid. "Und sie erinnert sich, warum es Zeit ist, dass Sie ersetzt werden."

 

Mitgefühl für die Menschen im Gazastreifen

Auch im Außenministerium setzte der neue Minister bereits Akzente. Er betonte in seiner Antrittsrede, dass Jordanien ein wichtiger Verbündeter sei. Unter Netanyahu hatte das Verhältnis deutlich gelitten. Lapid gelobte auch, die Beziehungen zu mehreren EU-Staaten verbessern zu wollen.

Und dann drückte der Mann, der schon in der Vergangenheit mit empathischen Äußerungen aufgefallen war, Mitgefühl für zivile Opfer im Gazastreifen aus. "Nur die Hamas ist für den Tod unschuldiger Zivilisten verantwortlich. Aber es ist es keine Schwäche sich einzugestehen, dass jedes Kind, das in diesem Konflikt stirbt, unser Herz bricht. Kinder müssen nicht sterben in den Kriegen von Erwachsenen", sagte Lapid.

"Worte sind Taten"

Yair Lapid ist nicht allein in der neuen Regierung; einer Regierung, die vielleicht schon nach wenigen Monaten wieder zerbricht. Dennoch, so sieht es der Politikwissenschaftler Gideon Rahat, hat er mit seinen Äußerungen schon eine Menge vollbracht. In der aktuellen Phase, sagt Rahat, seien Worte bereits Taten.

Dieser Beitrag lief am 18. Juni 2021 um 05:26 Uhr im Deutschlandfunk.