Ein israelischer Polizist inspiziert den Unfallort nach der Massenpanik während des jüdisch religiösen Festes Lag BaOmer im Norden Israels. | dpa

Massenpanik in Israel "Auf unten Liegende wurde eingetrampelt"

Stand: 30.04.2021 12:54 Uhr

Es begann als fröhliches Fest - und endete in einer Massenpanik: Am jüdischen Feiertag Lag Baomer starben in Israel mindestens 45 Menschen. Überlebende schildern dramatische Szenen.

Von Tim Aßmann, ARD-Studio Tel Aviv

Voller Verzweiflung wird an Wellblechwänden gerissen, um dem Gedränge zu entkommen. Die Wände rechts und links einer Rampe zwängen die Menschen zusammen. Für viele gibt es keine Fluchtmöglichkeit. Was ein fröhliches religiöses Fest sein sollte, ist nun am Tag danach, eine der schlimmsten zivilen Katastrophen in der israelischen Geschichte.

Tim Aßmann ARD-Studio Tel Aviv

Bis zum Vormittag meldeten die Behörden mehr als 40 Tote, darunter sind nach Medienberichten auch Kinder. Etwa 150 Menschen wurden zum Teil lebensgefährlich verletzt.

Panik, die schnell um sich griff

Auf einer schmalen Rampe mit rutschigem Metallboden am Eingangsbereich eines Konzertes entstand eine Panik, die schnell um sich griff, wie dieser Augenzeuge dem israelischen Fernsehsender KAN sagte: "Wir sahen, wie sich Leute zunächst übereinander schoben und es dann dazu kam, dass auf die unten Liegenden eingetrampelt wurde. Als ich das sah, beschloss ich zu fliehen. Später wurde dann evakuiert und es wurde versucht, Menschen wieder zu beleben."

Menschen wurden erdrückt und zum Teil zu Tode getrampelt. Dieser Mann überlebte und berichtete im Krankenhaus von der Panik:

Durch ein Wunder bin ich nahezu unverletzt davongekommen. Ich weiß nicht, wieso. Es lagen so viele Menschen auf mir drauf. Und es kamen immer mehr dazu. Bis die Polizei entschied, die Absperrungen von den Seiten wegzunehmen und die Menschen zu retten. Es hat lange gedauert. In der Zwischenzeit lag ich da. Ich erinnere mich, dass ich auf jemandem lag - er atmete nicht.

Bilder wie von Terroranschlägen

Rettungskräfte schilderten Verletzungsbilder, wie sie sie von Terroranschlägen kennen. Dieser Rettungssanitäter rang während des Interviews um Fassung und sagte, so was habe er in zehn Dienstjahren noch nicht erlebt:

Es wurden mehrere Verletzte gemeldet. Wir dachten an Schwächeanfälle und Patienten, die wir nur rausbringen müssten. Als wir eintrafen, war die Situation aber völlig anders. Wir hatten einen Massenanfall von Verletzten. Dutzende lagen am Boden. Leute liefen blutend durch die Gegend. Auch Kinder sind verletzt und Erwachsene. Es sind sehr harte Bilder.
Orthodoxe Juden haben sich vor Sicherheitskräften an der Unglücksstelle, der jüdisch-orthodoxen Pilgerstätte auf dem Berg Meron, versammelt. | dpa

Orthodoxe Juden trauern auf dem Berg Meron nach der Massenpanik. Bild: dpa

Eines der größten religiösen Feste

Das Lag-Baomer-Fest im Norden Israels ist eine der größten religiösen Feiern weltweit. Einmal im Jahr kommen vor allem strengreligiöse Juden zum Berg Meron und erinnern an einen Rabbiner, der am Fuße des Berges begraben wurde.

Feuer werden angezündet. Die Gläubigen springen und singen. So war es auch gestern Abend in einer Konzertarena des Wallfahrtsortes.

Wegen der Corona-Pandemie sollten nur 10.000 Menschen Zugang zum Veranstaltungsort haben. Es kamen nach unterschiedlichen Schätzungen aber wohl rund 100.000 Gläubige zum Berg Meron, wo 5000 Polizisten eingesetzt waren. Den Sicherheitskräften gelang es offenbar nicht, die Besuchermassen in den Griff zu bekommen.

Schwere Vorwürfe gegen Polizei

Dieser Augenzeuge erhob in einem Interview schwere Vorwürfe gegen die Polizei: "Es gab überhaupt keine Kommunikation. Die Polizei stellte Absperrungen auf, ohne aber die Möglichkeit zu bieten, herauszugehen. Es gab nur diesen einen Eingang. Normalerweise gibt es auch mehrere Feuer. Dieses Mal erlaubte die Polizei aber nur ein Feuer."

Dies habe dazu geführt, dass beim Anzünden dieses Feuers so viele Menschen kamen und nur einen Eingang hatten - und keinen Ausgang. "Deswegen mussten die Menschen auf diese Weise sterben."

Benjamin Netanjahu besucht den Unglücksort, Meron/Israel. | AFP

Ministerpräsident Netanyahu besucht den Unglücksort. Bild: AFP

Ermittlungen am Anfang

Die Ermittlungen zur genauen Unglücksursache beginnen erst. Der zuständige Polizeichef übernahm schon jetzt die Verantwortung für das Unglück. Israels Regierungschef Benjamin Netanyahu sprach von einer schrecklichen Katastrophe.

US-Präsident Joe Biden kondolierte den Opfern via Twitter. Bundesaußenminister Heiko Maas sprach von einer Tragödie. Die Gedanken seien bei den Opfern und Angehörigen, twitterte er. Für die Europäische Union sprach der Außenbeauftragte Josep Borrell den Familien und Freunden der Opfer und dem israelischen Volk tiefstes Beileid aus. 

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 30. April 2021 um 12:00 Uhr.