Eine Frau sitzt betend an einem Grab auf dem Behesht-e Zahra Friedhof | picture alliance / AA

Corona-Pandemie Der Iran taumelt weiter in die Krise

Stand: 28.04.2021 11:06 Uhr

Die Lage im Iran verschärft sich. Mehr als 450 Menschen sterben täglich an Corona, Impfungen verzögern sich. Die Regierung will eigenes Versagen nicht erkennen. Schuld daran hätten die USA und auch die Bevölkerung.

Von Marion Sendker, ARD-Studio Istanbul

Es herrscht Alltag auf dem Zentralfriedhof in Teheran. Eine Videoaufnahme zeigt, wie ein Iraner den Tod eines Angehörigen beklagt. Hinter der dicht an dicht gedrängten Trauergemeinde erstreckt sich ein riesiges Feld mit neuen, noch leeren Gräbern.

Von weitem wirken sie wie rechteckige Bienenwaben. Eng an eng gebaut, und um möglichst viele Menschen auf möglichst wenig Raum bestatten zu können, dehnen sie sich nicht nur in der Fläche aus, sondern stapeln sich die Grabnischen vier Stockwerke hoch.

Sie machen ein ehrenhaftes Begräbnis mit Redner und Trauergemeinde am Grab unmöglich. Laut Stadtverwaltung aber haben die Leichenhallen nicht mehr genügend Kapazität, um alle Toten aufzubewahren.

Ein Arbeiter mit Schubkarre bei der Schaffung neuer Gräber auf dem Behesht-e Zahra Friedhof | picture alliance / ASSOCIATED PR

Auf dem Zentralfriedhof müssen die Menschen mittlerweile reihenweise beerdigt werden. Den Behörden geht der Platz aus. Bild: picture alliance / ASSOCIATED PR

20.000 Infektionen jeden Tag

Der Leiter des Teheraner Zentralfriedhofs sagte, dass in den vergangenen 50 Jahren noch nie so viele Menschen pro Tag bestattet worden seien wie jetzt. Während der jüngsten Corona-Welle starben im Iran täglich mehr Menschen als an den schlimmsten Tagen des Irak-Kriegs in der 1980er-Jahren.

Angesichts dessen gab sich der iranische Gesundheitsminister zuletzt hilflos: "Das Gesundheitssystem ist an seinen Grenzen. Meine Kollegen arbeiten so viel wie noch nie in unserer Geschichte", sagte Saeed Namaki.

Die offiziellen Todeszahlen in Iran liegen aktuell bei mehr als 450 pro Tag. Allerdings dürfte die Dunkelziffer deutlich höher liegen. Ähnlich sieht es bei den Infektionszahlen aus: Etwa 20.000 Menschen stecken sich nach offiziellen Angaben täglich an.

Kein strenger Lockdown

Präsident Rouhani prophezeite kürzlich, dass sich die Situation noch verschlimmern werde: "Die Statistiken zeigen, dass die Menschen nicht auf sich aufpassen, so wie sie es sollten. Nur etwa 60 Prozent halten sich überhaupt an die Maßnahmen."

Das gilt wohl auch für viele Politiker und geistliche Führer. Sie sind kein gutes Vorbild und treten in der Öffentlichkeit zum Teil ohne Maske oder Abstand auf. Auch gibt es im Iran trotz der steigenden Infektions- und Todeszahlen keinen strengen Lockdown mehr wie in anderen Ländern. Stattdessen gehen viele Menschen ins Büro. Wie im Fastenmonat Ramadan üblich machen sie abends auch Familienbesuche.

Rentner machen Regierung verantwortlich

Doch auch die Proteste halten an. Die Menschen gehen allerdings nicht wegen der laschen Pandemie-Maßnahmen auf die Straßen, sondern vor allem gegen die schlechte Wirtschaftspolitik der Regierung.

Zum Beispiel in der Stadt Arak. Dort demonstrierten Rentner vor ein paar Tagen gegen ihre niedrigen Renten. "Unser Feind sind nicht die USA, sondern unser Feind ist direkt hier!", skandierten sie.

Impfstrategie existiert nur auf dem Papier

Die iranische Führung sieht das wenig überraschend anders. Sie hält unbeirrt an ihrem Lieblingsfeind, den USA, fest. Das gilt wie immer für Wirtschaftsfragen aber auch für Irans "nationale Impfstrategie". Die existiert bisher nämlich nur auf dem Papier.

Laut offiziellen Zahlen haben gerade einmal gut 100.000 der mehr als 82 Millionen Iraner überhaupt den vollen Impfschutz. Die US-Sanktionen würden verhindern, dass Impfstoff eingeführt werden könne, schimpfte Rouhani kürzlich.

"Wir brauchen 178 Millionen US-Dollar für den Impfstoff, den wir wollen. Das Geld ist nicht das Problem, sondern der Transfer", sagte der Regierungschef. Die Welt sei voller Gräuel und die Amerikaner seien besonders grausam. "Wir hätten nie gedacht, dass wir so viel Grausamkeit angesichts einer weltweiten Pandemie erleben würden."

Eigene Produktion verzögert sich

Eigenes Versagen räumte Rouhani nur indirekt ein. Die Regierung hatte zu Beginn der Impfdebatte noch kategorisch ausgeschlossen, Vakzine aus dem Ausland zu importieren. Erst später bemühte sie sich darum, indem der Präsident Firmen und Geschäftsleute einlud, im Auftrag der Regierung doch bitte Impfstoffe im Ausland zu kaufen.

Die eigene Produktion iranischer Impfstoffe lässt länger auf sich warten, als angekündigt und könne sich laut Rouhani um wenige Monate verzögern. Ähnliches vermuten viele Iraner längst für die Präsidentschaftswahlen, die theoretisch in gut sieben Wochen stattfinden sollen.

Viele Menschen, wie diese Demonstranten in Karaj, haben darauf ohnehin keine Lust mehr. "Wir werden die Wahlen boykottieren, denn wir haben zu viele Lügen gehört!", riefen sie.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 28. April 2021 um 05:38 Uhr.