US-Soldaten nach dem Abzug aus Nordsyrien in Erbil, Irak | REUTERS

Ende des US-Kampfeinsatzes Irak zwischen Beifall und Sorge

Stand: 27.07.2021 13:47 Uhr

Nach mehr als 18 Jahren soll der Kampfeinsatz der US-Truppen im Irak zum Jahreswechsel enden. Was das für das Land genau bedeutet, ist noch unklar. Aus dem Irak kommen positive, aber auch mahnende Reaktionen.

Von Tilo Spanhel, ARD-Studio Kairo

"Ich gratuliere dem Ministerpräsidenten zu diesem Erfolg und danke ihm für seine Anstrengungen", schrieb der Sprecher des Parlaments und Angehöriger der sunnitischen al-Hal Partei, Muhammad al-Halbousi, noch am Montagabend auf Twitter. Gleich mehrere schiitisch geprägte Parteien lobten die Ankündigung aus Washington, den Kampfeinsatz bis zum Jahreswechsel zu beenden. Die Al-Fateh-Allianz schrieb: Es sei ein positiver Schritt, nun könne man die volle nationale Souveränität des Iraks erreichen. 

Es scheint eine Ewigkeit her, dass der damalige US-Präsident George W. Bush gut anderthalb Monate nach der Invasion in den Irak auf dem amerikanischen Flugzeugträger USS Abraham Lincoln landete. Mit roter Krawatte und weißem Hemd betrat er damals die Bühne. Hinter ihm standen Hunderte Soldaten und Soldatinnen. Und über ihm ein riesiger Banner - "Mission Accomplished", also "Mission vollendet". "Das Regime ist nicht mehr", sagte Bush damals und zog mit einem Versprechen nach: "Wir werden abziehen."

George W. Bush spricht am 1. Mai 2003 auf dem Flugzeugträger "USS Abraham Lincoln" zu US-Soldaten. | picture alliance / ASSOCIATED PR

Am 1. Mai 2003 erklärte der damalige US-Präsident George W. Bush auf dem Flugzeugträger USS Abraham Lincoln die Irak-Mission für "vollendet". Bild: picture alliance / ASSOCIATED PR

Immer wieder Angriffe auf Truppen

Mehr als 18 Jahre später soll der Kampfeinsatz der US-Truppen jetzt vollständig beendet werden. Derzeit befinden sich noch etwa 2500 US-Soldatinnen und Soldaten im Irak. Auf der einen Seite kämpfen diese noch immer gegen die Überreste des IS. Auf der anderen Seite liegt ihr Fokus auf dem Training und der Ausbildung irakischer Truppen.

Das offizielle Ende des Kampfeinsatzes werde, so hieß es aus Washington, keine größere Veränderung mit sich bringen. Die Ankündigung Joe Bidens hat vor allem eine hohe symbolische Bedeutung. Die US-Präsenz im Irak stößt schon seit langem nicht mehr nur auf Gegenliebe. Drei Raketenangriffe auf US-Truppen gab es alleine in diesem Monat. Um die 60 waren es wohl seit Jahresbeginn. Experten vermuten hinter einem Großteil der Angriffe vom Iran unterstützte Milizen. 

So begrüßte der bedeutende schiitische Kleriker Muqtada al-Sadr die Ankündigung auf Twitter: "Der Widerstand gegen die US-Truppen müsse gestoppt werden. Und Polizei als auch Militär müssten jetzt unterstützt werden, um die Sicherheit auf irakischem Boden zu festigen."

Sorge vor Destabilisierung

Doch es gibt auch Kräfte, die sich immer wieder gegen einen Abzug der Amerikaner ausgesprochen haben. So profitieren vor allem sunnitische Gruppen und Kurden vom Schutz der US-Truppen. Hamza Mustafa, ein irakischer Politikwissenschaftler aus dem von Kurden kontrollieren Erbil, mahnte im Interview mit dem Fernsehsender al-Dija zu Besonnenheit. Ein komplettes Ende des US-Einsatzes könnte große Risiken mit sich bringen: "Wenn das so kommen würde, dann könnte das ein Machtvakuum hinterlassen, in welches unterschiedliche Akteure hineindrängen. Darunter sicherlich auch der IS." Am Ende könnte es ähnlich laufen, wie beim US-Abzug in Afghanistan, sagt Mustafa, wo die Taliban immer stärker werden. "Die Angst davor ist real und wird von vielen angesprochen."

Das irakische Militär konnte den IS mit internationaler Unterstützung militärisch besiegen. Trotzdem sind Zellen der Terroristen weiterhin aktiv und verüben Anschläge. Erst in der vergangenen Woche verübte die Terrormiliz einen Bombenanschlag mit mindestens 30 Toten in einem Vorort von Bagdad.

Politische Unsicherheit im Land

Die politische Lage im Irak droht ins Chaos abzurutschen, denn die Unzufriedenheit und Spaltung der Gesellschaft ist groß. Im Frühjahr hatte es Massenproteste gegen die Führung des Landes gegeben. Die Demonstrierenden warfen ihr Misswirtschaft und Korruption vor. Daraufhin kündigte Premierminister Mustafa al-Kadhimi vorgezogene Neuwahlen an.

Die für Oktober angesetzten Wahlen könnten jetzt den Druck auf al-Kadhimi erhöht haben, einen Deal mit US-Präsident Biden auszuhandeln. Ob das Ende des Kampfeinsatzes den Irak weiter destabilisieren wird oder ob es lediglich bei einer symbolischen Ankündigen bleibt, wird sich erst noch zeigen müssen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 27. Juli 2021 um 13:11 Uhr.