Junge Männer und Jugendliche spielen Fußball auf einem Feld in Basra. | AFP

Crystal Meth im Irak Abhängig von der "Freiheitskämpfer-Droge"

Stand: 20.12.2021 02:38 Uhr

Kämpfer brachten Crystal Meth in den Irak - nun zerstört die Droge massenhaft das Leben junger Männer, die ihre Sorgen vergessen wollen. Experten warnen: Ein Zehntel der Bevölkerung ist bereits abhängig.

Von Daniel Hechler, ARD-Studio Kairo

Hussein wollte einfach seine Sorgen vergessen. Sorgen vor Arbeitslosigkeit, Armut, Perspektivlosigkeit, die den 22-jährigen Iraker zu erdrückten drohten. Er offenbarte sich einem Freund, der ihm vorschlug, es mit Crystal Meth zu versuchen und ihm die Droge besorgte. "Die Wirkung war intensiv, ich war für kurze Zeit glücklich", erzählt er. "Aber keines meiner Probleme war gelöst." Ganz im Gegenteil: Nun wurden sie noch viel größer als zuvor. Schon nach dem ersten Konsum war Hussein süchtig, konnte sich kaum mehr konzentrieren, verhielt sich aggressiv, wurde gewalttätig, wie er einräumt. Er gab sein Pädagogikstudium auf, steht nun vor dem Nichts.

Daniel Hechler ARD-Studio Kairo

Ein Fall, wie es mittlerweile Millionen im Irak gibt. Basra gilt als Hotspot des Drogenkonsums. Trotz Ölreichtums verfällt die Metropole im Süden des Landes. Armut und Arbeitslosigkeit sind hoch, die Luft schmutzig, das Trinkwasser verseucht. Die Verwaltung gilt als ineffizient und korrupt, die Erlöse aus dem Ölgeschäft versickern in den Taschen weniger. Allein der Drogenhandel blüht. Wohl auch, weil die Grenze zum Iran nahe und durchlässig ist. Beim großen Nachbarn wird unter den Augen der Mullahs die synthetische Droge in riesigen Mengen hergestellt und exportiert.

"Überall zu bekommen"

Billig ist Crystal Meth nicht. Ein Gramm kostet umgerechnet gut 40 Euro. Im Umlauf sind aber auch billigere, gepanschte Drogen mit noch heftigeren Nebenwirkungen. Jede Woche werden Fahndern zufolge in Basra 50 bis 60 Menschen wegen Handels und Konsums illegaler Drogen verhaftet. In den meisten Fällen dreht es sich um Crystal Meth. "Es war überall und in großen Mengen zu bekommen", sagt Hussein. Falsche Freunde hätten ihn ermutigt, immer mehr zu nehmen, bis sein Körper irgendwann Alarm schlug. Die Rehabilitationszentren sind voll mit Abhängigen. Die meisten sind zwischen 18 und 30 Jahren alt, auch Schüler sind darunter.

Enass Kareem spürte den Trend in ihren Klassen. Die Biologielehrerin wunderte sich, dass einige Schüler oft glasige Augen hatten, faule Zähne, nicht konzentriert waren, aggressiv antworteten. Irgendwann realisierte sie, dass die Kinder abhängig von Crystal Meth waren. Sie startete eine Facebook-Seite, um auf das Problem aufmerksam zu machen. In Basra wie auch im gesamten Land wird es gerne totgeschwiegen. Viele Betroffene und deren Freunde und Angehörige meldeten sich daraufhin bei ihr. Kareem wurde schnell klar, dass die Dimension enorm ist: "Schuld ist allein die Regierung, weil sie nicht genug Aufklärung betreibt", sagt sie. Sie engagiert sich in der Hilfsorganisation "Drogenfreies Irak", um zu warnen und zu helfen.

Milizen schleppten die Droge ein

Alles fing damit an, dass iran-nahe Milizen im Kampf gegen die Terrormiliz IS 2014 Crystal Meth konsumierten, um länger wach zu bleiben, während der Kämpfe nicht hungrig zu werden, Ängste zu unterdrücken. Crystal Meth galt als "Droge der Freiheitskämpfer." Damit begann der Aufstieg von Crystal Meth im Irak - bis heute wird die Droge von Milizen ins Land gebracht, die Regierung kommt nicht dagegen an.

Ermittler gehen mittlerweile davon aus, dass jeder zehnte Iraker drogenabhängig ist. Allein von Januar bis September wurden 19 Millionen Pillen beschlagnahmt. Das Problem wird zur größten Herausforderung des krisengeschüttelten Landes, glauben die Vereinten Nationen in einem Bericht - und es droht auch auf die Wirtschaft durchzuschlagen. Ein Teufelskreis, denn Arbeitslose könnten die Drogenabhängigen von morgen sein.

Hussein weiß um die zerstörerische Kraft von Crystal Meth. Immer wieder hat er versucht, von der synthetischen Droge loszukommen, immer wieder erlitt er Rückfälle. Nach der Behandlung in einem Rehabilitationszentrum ist er heute clean, aber noch immer psychisch abhängig. "Mein Körper hat sich längst an die Droge gewöhnt", sagt er.