Eine verschleierte Grundschülerin sitzt im Unterricht an einer Schule in Bekasi. | REUTERS

Indonesien Mit Druck und Demütigung zum Dschilbab

Stand: 02.04.2021 17:45 Uhr

Viele Indonesierinnen verspüren Druck, sich zu verschleiern - ob sie nun Muslimas sind oder nicht. Dabei verbietet die Regierung religiöse Bekleidungsvorschriften: Sie fühlt sich "falsch verstanden".

Von Franziska Richter, ARD-Studio Singapur

Indonesien ist das weltweit größte muslimische Land: Es erstreckt sich über 17.000 Inseln und die Bevölkerung setzt sich aus über 300 ethnischen Gruppen zusammen, die viele verschiedene Sprachen sprechen. 88 Prozent der Indonesier sind Muslime, darauf folgen Christen und Hindus. Der traditionell als sehr tolerant geltende Islam in Indonesien wird aber seit einiger Zeit strenger: In Teilen Indonesiens haben die Behörden in den vergangenen Jahren Kleidervorschriften und lokale Gesetze erlassen, die maßgeblich von der Scharia, der islamischen Gesetzgebung, beeinflusst sind.

In West-Sumatra müssen Frauen und Mädchen vor allem in Schulen einen Dschilbab tragen - ein Tuch, welches Kopf, Hals und Brust bedeckt. Schon 2001 war West-Sumatra die erste indonesische Provinz, die eine Dschilbab-Pflicht einführte, daraufhin nahmen Vorschriften dieser Art zu; heute ist in 24 von 32 Provinzen das Tragen von Kopftüchern an Schulen vorgegeben.

Verschleierten Indonesierinnen wird in Banda Aceh vor dem Betreten der Schule die Körpertemperatur gemessen, um eine Corona-Infektion auszuschließen. | AFP

Verschleiert kommen diese Schülerinnen in Banda Aceh zur Schule - offiziell gibt es dazu keine Pflicht. Bild: AFP

Eine Frage der Interpretation?

Allerdings gibt es kein landesweites Kleiderverordnungsgesetz in Indonesien. Bildungsminister Nadiem Makarim sagt vielmehr, dass Schulen eine Verordnung von 2014 über Schuluniformen an öffentliche Schulen "falsch interpretiert" hätten: Die Verordnung zeigt ein Bild für muslimische Frauenkleidung, auf dem ein langer Rock, ein langärmliges Hemd und ein Dschilbab abgebildet sind. Makarim erklärte dazu, dass dies lediglich eine "Vorlage" sei - eine neue Verordnung sollte diese Fehlinterpretation korrigieren.

De facto seien Frauen und Mädchen in Indonesien aber häufig massivem Druck ausgesetzt, den Dschilbab zu tragen, sagt Andreas Harsono von Human Rights Watch Indonesien. Die Menschenrechtsorganisation sieht darin einen Angriff auf Grundrechte wie Religions- und Meinungsfreiheit sowie auch das Recht auf Privatsphäre. "Das Tragen eines Dschilbabs sollte eine Wahl sein, es sollte keine Vorschrift sein", sagte Harsono der Nachrichtenagentur Reuters. "In Indonesien wächst der Glaube, dass man weniger fromm ist, wenn man eine muslimische Frau ist und kein Kopftuch trägt. Man ist moralisch niedriger gestellt."

Druck geht von staatlichen Schulen aus

Viele Muslimas sehen kein Problem und fühlen sich durch ihre Kopfbedeckung nicht eingeschränkt. Doch diejenigen, die dem Konformitätszwang nicht ausgesetzt sein möchten, werden von Lehrern, Mitschülern und Kollegen systematisch gemobbt, wenn sie den Kopf nicht bedecken - egal, ob sie Muslima sind oder nicht. Häufig findet das Mobbing in Schulen statt: "Staatliche indonesische Schulen setzen auf eine Kombination aus psychologischem Druck, öffentlicher Demütigung und Bestrafung, um Mädchen davon zu überzeugen, den Dschilbab zu tragen", heißt es in einem Bericht von Human Rights Watch.

Der Fall der christlichen Schülerin Jeni in West Sumatra, das gezwungen wurde, ein Kopftuch zu tragen, löste letzten Monat einen landesweiten Aufschrei aus. Elainu Hia, der Vater des Mädchens, nahm ein Gespräch mit ihrem Lehrer auf. Der forderte ihn auf, seine Tochter ein Kopftuch tragen zu lassen. Hia postete das Video auf Facebook und lokale Nachrichtensender griffen die Story auf.

Die große mediale Aufmerksamkeit führte dazu, dass sich der Schulleiter öffentlich entschuldigte und das Ministerium für Bildung und religiöse Angelegenheiten dazu veranlasste, ein Dekret zu erlassen, das öffentlichen Schulen die Vorschrift zum Tragen religiöser Kleidung verbietet. Das Dekret unterstütze das Recht auf religiöse Freiheit, sagt Indonesiens Hauptjustizbehörde dazu.

Das Bildungsministerium richtete außerdem eine 24-Stunden-Hotline ein, um Beschwerden entgegenzunehmen und sicherzustellen, dass die Verordnung vollständig durchgesetzt wird. Für die Ankündigung, die per Video im Netz die Runde machte, bekam die indonesische Regierung viele positive Kommentare. Wie streng das Dekret in der Realität umgesetzt wird, ist aber noch nicht klar.