In Amritsar (Indien) demonstrieren Bürger wegen des Sauerstoffmangels gegen die Regierung | AFP

Corona-Pandemie Kritik an indischer Regierung wächst

Stand: 07.05.2021 12:43 Uhr

Die Corona-Lage in Indien spitzt sich weiter zu. Zum zweiten Mal in Folge hat das Land einen weltweiten Höchststand an Neuinfektionen von mehr als 400.000 Fällen registriert. Die Kritik an Ministerpräsident Modi wird lauter.

Angesichts der verheerenden Corona-Situation in Indien gerät Ministerpräsident Narendra Modi immer stärker in die Kritik. Oppositionsführer Rahul Gandhi forderte Modi auf, für die Impfung der gesamten Bevölkerung zu sorgen und die Verbreitung des Virus wissenschaftlich untersuchen zu lassen, um die zweite Corona-Welle zu brechen.

"Ihrer Regierung fehlt eine klare und stimmige Covid- und Impfstrategie", schrieb Gandhi in einem Brief an Modi. Er warf der Regierung Überheblichkeit vor, weil sie vorzeitig den Sieg über das Virus erklärt habe, während sich dieses exponentiell ausbreite. Das habe Indien in eine äußerst gefährliche Lage gebracht.

1,57 Millionen Neuinfektionen in einer Woche

Die Zahl der Coronavirus-Fälle ist in dem südasiatischen Land binnen 24 Stunden mit 414.188 auf einen neuerlichen Höchstwert gestiegen. In nur einer Woche stieg die Zahl der nachgewiesenen Ansteckungsfälle damit um 1,57 Millionen. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation machten vergangene Woche die in Indien erfassten Corona-Fälle fast die Hälfte aller weltweit gemeldeten Fälle aus.

Insgesamt sind fast 21,5 Millionen Ansteckungen bekannt - weltweit ist das der zweithöchste Wert nach den USA. Die Zahl der Todesfälle in Zusammenhang mit dem Coronavirus stieg um 3915 auf 234.083. Es wird jedoch mit einer hohen Dunkelziffer bei den Ansteckungen gerechnet, die fünf- bis zehnmal so hoch ist wie die offiziellen Daten.

Das Virus breitet sich derzeit rasch von den Städten auf das Land aus, wo rund 70 Prozent der mehr als 1,3 Milliarden Menschen leben. Während die meisten Fälle im Norden und Westen des Staates bekannt sind, scheint sich nun Südindien zu einem neuen Epizentrum zu entwickeln. In den fünf Bundesstaaten im Süden wurden in den ersten Tagen des Monats Mai 28 bis 33 Prozent der täglichen landesweiten Neuinfektionen registriert.

Narendra Modi | REUTERS

Indiens Ministerpräsident Narendra Modi wird für seine Corona-Strategie zunehmend kritisiert. Bild: REUTERS

Forderungen nach Lockdown

Modi hatte die Bekämpfung der Pandemie den einzelnen Staatsregierungen überlassen, deren Gesundheitswesen allerdings unzureichend für eine Pandemie ausgestattet ist. Angesichts der dramatisch steigenden Zahlen fordern Opposition, höchste Richter und Gesundheitsexperten einen Lockdown auf dem Subkontinent mit 1,4 Milliarden Menschen wie im März 2020.

Der Präsident der Stiftung für öffentliche Gesundheit in Indien, Srinath Reddy, sagte, dass es in indischen Einzelstaaten unterschiedliche Corona-Lagen gebe. Dennoch sei nun statt eines föderalen Flickenteppichs eine "koordinierte landesweite Strategie" nötig. Entscheidungen müssten auf Basis örtlicher Gegebenheiten getroffen werden, aber eng von der indischen Bundesregierung koordiniert werden - "wie ein Orchester, das vom selben Notenblatt, aber mit verschiedenen Instrumenten spielt".

Auch US-Gesundheitsexperte und Präsidentenberater Anthony Fauci sprach sich schon für einen Lockdown in Indien aus. Darauf wollte Modi aber zunächst verzichten. Stattdessen setzt er auf Lockdowns in besonders betroffenen Gebieten. Im vergangenen Jahr hatte ein harter landesweiter Lockdown zu einer Massenwanderung von Millionen von Wanderarbeiterinnen und Wanderarbeitern aus den Städten in ihre Heimatdörfer geführt. Damit dürften sie das Virus verbreitet haben.

Krankenhaus in Indien | REUTERS

In den Krankenhäusern mangelt es an Pflegepersonal, Intensivbetten und Sauerstoff. Bild: REUTERS

"Die Lage ist leider sehr düster"

Für die rasche Ausbreitung des Virus und mehrerer Varianten machen Experten auch die religiösen Feste verantwortlich, die die Regierung inmitten der Epidemie zugelassen hatte. Zehntausende Menschen hatten sich in den vergangenen Wochen auch auf politischen Kundgebungen versammelt, die damit ebenfalls zu Superspreader-Ereignissen wurden.

Nun ist das Gesundheitswesen überlastet. In Krankenhäusern mangelt es an Intensivpflegebetten und medizinischem Sauerstoff. Zudem fehlt es an Pflegekräften und der Impfstoff ist knapp. Nachdem eine Rate von rund vier Millionen Impfungen an einem Tag erreicht worden sei, falle diese jetzt auf 2,5 Millionen, beklagte Amartya Lahiri, Wirtschaftsprofessorin an der University of British Columbia. Das Ziel von fünf Millionen pro Tag sei die Untergrenze dessen, was angestrebt werden müsse. Und selbst dann dauere es ein Jahr, bis alle Einwohner Indiens zwei Dosen erhalten hätten. "Die Lage ist leider sehr düster."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 06. Mai 2021 um 18:40 Uhr.

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Moderation 07.05.2021 • 21:49 Uhr

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