Ein Mann geht an mehreren in Leichentücher gewickelten Corona-Toten vorbei, die auf ihre Einäscherung warten. | AFP

Corona-Lage in Indien "Der Peak wird erst noch kommen"

Stand: 28.04.2021 13:25 Uhr

Wieder ein Höchstwert an Neuinfektionen - gleichzeitig fehlt es an Medikamenten und Sauerstoff: Viele Kliniken in Indien können keine Covid-Patienten mehr versorgen. Dabei ist der Höhepunkt der Welle noch nicht erreicht.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi

Die Nerven der Angehörigen liegen völlig blank. Einige Männer greifen Ärzte und Pfleger an, weil ein Familienmitglied an Corona gestorben ist. Die meisten Familien fühlen sich völlig im Stich gelassen. "80 Prozent der Leute sind gestorben, weil sie keine Hilfe bekommen haben in den Krankenhäusern", sagt Nishant Wadhwan. Er hat gerade einen Verwandten beisetzen müssen und gibt der Nachrichtenagentur AP ein Interview. "Wir hätten sie retten können, das ist meine Meinung, aber sie sind nicht behandelt worden. Keine Medikamente, keine Spritzen, kein Sauerstoff, deshalb müssen die Menschen hier sterben."

Silke Diettrich ARD-Studio Neu-Delhi

Riesiger Bedarf an Sauerstoff

Wie viele Menschen derzeit an Corona sterben, ist kaum belegbar. Die Dunkelziffer ist groß. Und nicht nur in der Hauptstadt Neu-Delhi oder in der Großstadt Mumbai kommen die Kliniken an ihre Grenzen. Auch im Bundesstaat Uttar Pradesh, im Norden von Indien, in dem die meisten Menschen im Land wohnen, gibt es riesigen Bedarf - vor allem an Sauerstoff.

Mehrere Rettungswagen stehen in einer Reihe vor einem Krankenhaus in Ahmedabad | REUTERS

Vor einem Krankenhaus in Neu-Delhi stehen Rettungswagen Schlange, um die an Covid-19 erkrankten Patienten abzuliefern. Bild: REUTERS

"Der Peak wird erst noch kommen“, sagt ein Arzt im indischen Fernsehen aus der Stadt Meerut. "Mitte Mai rechnen wir damit. Dann werden wir drei Mal oder vier Mal so viele Patientinnen und Patienten haben. Wir brauchen dringend Sauerstoff. Dringend! Sonst werden hier noch viel mehr Menschen sterben.“

"Ich musste betteln, damit er ein Intensivbett bekommt"

Hilflosigkeit, Panik, Entsetzen. Dieses Gefühlschaos musste auch Barkha Dutt durchlaufen. Die Reporterin, der Millionen Menschen in den sozialen Netzwerken folgen, berichtet seit mehr als einem Jahr aus allen Ecken des Landes über Corona und die Folgen des Virus. Immer sehr nah an den Menschen, vor allem den Armen. Nun ist sie selbst betroffen, ihr Vater ist an den Folgen von Corona gestorben.

"Erst haben wir keinen Krankenwagen bekommen, dann kam einer und da war nicht einmal das Nötigste drin, sogar das Beatmungsgerät ist ausgefallen. Ich musste betteln, damit er ein Intensivbett bekommt und als wir dann zum Krematorium gegangen sind, gab es dort keine einzige freie Stelle mehr. Es kam zu einem schlimmen Streit zwischen drei Familien, die um einen Platz gekämpft haben. Und das, um jemandem Lebewohl sagen zu können, den du sehr geliebt hast.“

Hoffnung auf Hilfe aus dem Ausland

Nun ist Hilfe ist aus dem Ausland unterwegs nach Indien. Aus Großbritannien sind schon medizinische Hilfsgüter eingetroffen und auch die Bundeswehr will in den nächsten Tagen mit der Luftwaffe Indien mehrfach anfliegen. Ab heute können sich zudem alle Inderinnen und Inder ab 18 Jahren online registrieren, um ab Anfang Mai eine erste Impfung zu erhalten.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 28. April 2021 um 11:05 Uhr.

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Moderation 28.04.2021 • 21:35 Uhr

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