Kinder suchen auf einer Mülldeponie bei Idlib nach Brauchbarem, das sie verkaufen können.
Weltspiegel

10 Jahre Syrien-Krieg Kindheit auf dem Müll

Stand: 19.12.2021 14:42 Uhr

Tausende syrische Kinder arbeiten im Müll, statt zur Schule zu gehen. Es ist ihre einzige Chance, die Familien im Lebensunterhalt zu unterstützen. Dabei riskieren sie ihre Gesundheit und ihre Zukunft.

Von Daniel Hechler, ARD-Studio Kairo

Jeden Tag stochert Rakan im Müll nach alten Schuhen, Klamotten, Elektroschrott, einfach allem, was er zu Geld machen kann. Dem Elfjährigen fällt das besonders schwer, weil er nach einem Luftangriff syrischer Kampfjets vor drei Jahren einen Unterarm verloren hat. Heute hat er eine alte Solarmatte entdeckt. Ein Glücksfall. Geschickt jongliert er sie auf seiner Schulter durch die Deponie und hofft auf einen guten Preis. Oft genug aber kommt er auch mit leeren Händen zurück. Rakan hasst diese Arbeit. "Ich würde viel lieber auf die Schule gehen, etwas lernen", sagt er. "Wenn ich groß bin, könnte ich dann anderen etwas beibringen, Lehrer werden, das wäre etwas Sinnvolles." Die Realität aber sieht anders aus.

Daniel Hechler ARD-Studio Kairo

Tausende Kinder zieht es jeden Tag auf die Mülldeponien Idlibs. Es stinkt bestialisch. Überall lauern Parasiten. Es ist ein Sammelbecken der Schwächsten in einer Krisenregion, die ihnen sonst nichts zu bieten hat: Keine Spielsachen, keine Bildung, keine Zukunft. Die Provinz ist die letzte Hochburg der Aufständischen in Syrien. Islamisten haben hier das Sagen. Zivilisten sind die Leidtragenden, vor allem Frauen und Kinder. Immer wieder fallen Bomben, kommt es zu Scharmützeln mit der syrischen Armee trotz einer Waffenruhe. Die Infrastruktur wurde im Krieg schwer getroffen. Viele Kliniken sind geschlossen, ebenso Schulen.

Verachtung statt Mitleid für die Kinder

"Ich habe nie etwas gelernt", erzählt Farhan. Auch er ist elf Jahre alt. "Schon als Kind bin ich nicht mehr zur Schule gegangen." Hassan würde gerne einen leichteren Job machen. "Mir tun die Hände weh, weil ich ständig Eisenstücke kleinschlagen muss, um sie besser verkaufen zu können", sagt der 13-Jährige. Mitleid oder gar Respekt können sie für ihre Arbeit nicht erwarten. Oft schlägt ihnen Verachtung entgegen. "Die Menschen mögen mich nicht, weil ich so schmutzig bin und die Menschen Angst vor Corona haben", sagt Rakan. "Wenn ich mal niesen muss, glauben alle gleich, ich hätte sie angesteckt."

Rakan hat eine Solarmatte im Müll entdeckt - die kann er verkaufen.

Rakan hat eine Solarmatte im Müll entdeckt - die kann er verkaufen.

Rakan ist in seiner Familie die Rolle des Ernährers zugefallen. Eine große Bürde für ein Kind mit nur einem Arm, doch eine Wahl hatte er nicht. Er lebt mit seiner Mutter, einem Bruder und drei Schwestern in einem Camp bei Maarat Misrin. Sie flohen vor den Bomben syrischer Kampfjets aus ihrem Dorf bei Aleppo. Ihr Vater fiel Soldaten der syrischen Armee in die Hände, ist seither verschollen. Sie leben in einem schlichten Zelt. Es herrscht Tristesse am Rande des Existenzminiums. Ein paar Hühner sind ihr gesamtes Eigentum.

Kinder auf einer Mülldeponie bei Idlib

Für die Fundstücke bekommen die Kinder ein wenig Geld beim Schrotthändler - davon ernähren sie ihre Familien.

Manchmal finden die Kinder nichts

"Allein Geld zu verdienen ist schon schwer", sagt Rakan. "Manchmal helfen mir Menschen, die Müllsäcke zu tragen, auch meine Geschwister. An einigen Tagen finden wir etwas, an anderen nichts." Um diese Jahreszeit sinken die Temperaturen nachts Richtung Gefrierpunkt. Rakans Mutter Jozah zündet Olivenzweige an, um Wasser auf einer Kochstelle aufzuwärmen. Damit wäscht sie Rakans Haare nach einem langen Tag auf der Mülldeponie. Er hat sie länger wachsen lassen, um seine Brandwunden am Kopf und der Schulter zu verdecken.

In den frühen Morgenstunden zieht Rakan wieder los. Fünf Kilometer sind es bis zur Deponie. Manchmal begleitet ihn seine jüngere Schwester und hilft ein wenig. Auf dem Weg kaufen sie sich belegte Brote. Fast 50 Cent kosten sie mittlerweile pro Stück. Die Preise für Lebensmittel sind in den vergangenen Monaten massiv gestiegen. In Idlib wird mit türkischer Lira gezahlt, die seit Monaten im Wert verfällt. Viele Waren sind nun unerschwinglich geworden.

Kinder essen gemeinsam von einem Teller.

Nach einem langen Tag sind die Kinder hungrig.

Ohne Bildung fehlt die Perspektive

Nach dem langen Fußmarsch ist Rakan oft schon völlig erschöpft. Doch dann beginnt erst die eigentliche Arbeit. Im Wettstreit mit den anderen Kindern auf der Deponie zieht er oft den Kürzeren. Körperlich sind sie ihm haushoch überlegen und lassen ihn das auch spüren. Auf anderen Deponien Idlibs hat er noch weniger Chancen. "Da werde ich von den Jungs weggejagt. Die wollen nicht, dass ich da suche", erzählt er.

Die oft karge Ausbeute bringen sie am Ende des Tages zu einem Schrotthändler in der Nähe der Deponie. Dort tauschen sie Müll gegen Bares. Die Ware wird sortiert und abgewogen. Ein knallhartes Geschäft, bei dem nur wenige gut verdienen, aber viele ihre Gesundheit aus Spiel setzen: Haut- und Darmerkrankungen grassieren. "Ich mag dieses Leben nicht", sagt Rakan frustriert. Und doch sieht er sich in der Pflicht für seine Familie. Ohne Bildung aber fehlt ihm jede Perspektive.

Über dieses Thema berichtete der Weltspiegel am 19. Dezember 2021 um 19:20 Uhr.