Arbeiter wandeln eine Messehalle im chinesischen Changchun in ein Behelfskrankenhaus um und stellen Betten auf.  | VIA REUTERS

Omikron-Welle Scheitert Chinas Null-Covid-Strategie?

Stand: 15.03.2022 10:25 Uhr

China kam mit harten Maßnahmen bislang ganz gut durch die Pandemie. Aber Omikron ist anders. Nun steigen die Corona-Zahlen, Städte sind im Lockdown. Ist Pekings Null-Covid-Politik gescheitert?

Von Benjamin Eyssel, ARD-Studio Peking

Das chinesische Staatsfernsehen berichtet über Corona-Massentests von Millionen Menschen in mehreren Landesteilen. Wenn man symptomatische und asymptomatische Fälle zusammenzählt, gab es am Montag in ganz China mehr als 5000 Neuinfektionen.

Benjamin Eyssel ARD-Studio Peking

Hochgerechnet auf die 1,4 Milliarden Einwohner des bevölkerungsreichsten Landes der Welt erscheinen die Zahlen immer noch niedrig - besonders im Vergleich mit anderen Staaten. Was allerdings Sorgen macht: Die Zahlen steigen rasant. Anfang März waren es nur wenige hundert Fälle. Jetzt sind bereits mehrere Millionenstädte im Lockdown oder haben das öffentliche Leben massiv eingeschränkt.

Darunter ist etwa die Wirtschaftsmetropole Shenzhen in Südchina, wo Restaurants schließen mussten und der öffentliche Nahverkehr gestoppt wurde. Auch in der Finanzmetropole Shanghai gibt es Einschränkungen, so sind dort unter anderem Schulen und Universitäten dicht. Zudem wurden Flüge gestrichen.

Vor allem Nordosten betroffen

Die meisten Fälle - am Montag etwa 80 Prozent der landesweiten Neuinfektionen - werden aus dem nordostchinesischen Landesteil Jilin gemeldet. Auch dessen Hauptstadt Changchun mit ihren neun Millionen Einwohnern befindet sich im Lockdown. Die Autohersteller Toyota und Volkswagen haben deshalb die Produktion in ihren Werken in Changchun eingestellt. Auch in anderen Landesteilen mit Ausbrüchen haben Unternehmen ihre Fabriken geschlossen. Die Auswirkungen auf die Wirtschaft sind bereits jetzt spürbar.

Um Infektionen schneller entdecken zu können, hat China nun auch Antigen-Schnelltests zugelassen. Bisher haben die Behörden in Festlandchina ausschließlich PCR-Tests verwendet. Li Jinming von der Nationalen Gesundheitskommission im Staatsfernsehen: "Antigen-Tests können PCR-Tests nicht ersetzen, aber sie können dabei helfen, Infektionen rechtzeitig zu entdecken, bevor man PCR-Tests durchführt."

Bislang hat China mit der Null-Covid-Strategie die Infektionszahlen erfolgreich niedrig gehalten. Bei kleinsten Ausbrüchen wurde mit harten Lockdowns, Massentests und Reiseverboten reagiert; die Grenzen der Volksrepublik sind seit zwei Jahren weitgehend dicht.

Null-Covid wohl gescheitert

Auch wenn die Staats- und Parteiführung offiziell weiter an der Null-Covid-Strategie festhält und in China kaum jemand öffentlich darüber spricht: Viele Experten außerhalb Chinas gehen davon aus, dass der Null-Covid-Ansatz nicht mehr funktionieren wird. Omikron, besonders in der noch ansteckenderen Untervariante BA.2, verbreitet sich extrem schnell.

Viele Ansteckungen werden nicht erkannt, da die Verläufe milder sind als bei früheren Varianten und oft asymptomatisch. Dazu kommt, dass die in der Volksrepublik ausschließlich verwendeten chinesischen Impfstoffe nicht so gut vor Ansteckung schützen wie die mRNA-Impfstoffe von Moderna oder BioNTech/Pfizer. Zwar schützen sie vor schweren Verläufen - aber auch das schlechter als mRNA-Impfstoffe.

Die Impfquote in Festlandchina ist hoch und liegt zwischen 80 und 90 Prozent, aber gerade viele ältere Menschen sind nicht geimpft. Und das könnte zum Problem werden, wie sich gerade in Hongkong zeigt: Die chinesische Sonderverwaltungsregion verzeichnet derzeit die weltweit höchste Todesrate bei Covid-19 auf die Einwohner hochgerechnet. Von den insgesamt 2500 Corona-Toten in Hongkong starben über 90 Prozent in diesem Jahr. Die meisten von ihnen waren älter als 70 Jahre.

Omikron-Verlauf - milder, aber nicht mild genug

Auch in Hongkong sind gerade viele ältere Menschen nicht geimpft - und wenn, dann häufig mit chinesischen Impfstoffen. Von den über 70-jährigen Hongkongerinnen und Hongkongern sind nur rund 60 Prozent vollständig geimpft. Das reiche nicht, sagt der Epidemiologe Ben Cowling von der Universität Hongkong:

Wenn man sich anschaut, was die Covid-Epidemie anrichtet, dann hängt das sehr eng mit der Impfquote zusammen. Wenn man 90 Prozent der Bevölkerung impft, dann ist das besser als 80 Prozent. Und mancherorts wird sogar eine Impfquote von 95 Prozent bei älteren Menschen erreicht. Weil wir in Hongkong weit davon entfernt sind, sind die Auswirkungen so gravierend. Omikron-Verläufe sind zwar generell etwas milder, aber dann doch nicht so mild.

Dazu kommt, dass es so gut wie keine natürliche Immunität gibt, da auch in Hongkong bis vor kurzem die Null-Covid-Politik gut funktioniert hat. Nun gibt es Zehntausende Neuinfektionen täglich in der Sieben-Millionen-Einwohner-Stadt.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 15. März 2022 um 08:32 Uhr.