Haftanstalt in der uigurischen autonomen Region | REUTERS

Umerziehungslager in China Polit-Parolen, Gehirnwäsche, Gewalt

Stand: 22.03.2021 03:04 Uhr

Die EU-Außenminister wollen erstmals seit 1989 Sanktionen gegen China beschließen. Hintergrund sind Berichte über Menschenrechtsverletzungen in der Region Xinjiang, Heimat der muslimischen Uiguren. Eine Frau, die in einem der Lager war, berichtet.

Von Ruth Kirchner, ARD-Studio Peking, zurzeit Berlin

Sayragul Sauytbay hat ihre Geschichte schon oft erzählt, aber jedes Mal kommen der 44-Jährigen die Tränen. Die Erinnerungen verfolgen sie täglich und bis in ihre Träume hinein. Vor gut drei Jahren wurde sie spätabends in ihrem Heimatort im Bezirk Aksu - im Westen von Xinjiang - abgeholt. Man zog ihr einen schwarzen Sack über den Kopf und brachte sie in ein Lager.

Ruth Kirchner ARD-Studio Peking

"Es gab etwa 2500 Insassen - Frauen, Männer, Kinder. Die Jüngste war 13, der Älteste 84. Da ich uigurisch, kasachisch und chinesisch spreche, wurde ich gezwungen, dort zu unterrichten", berichtet die Frau.

Berichte über unmenschliche Bedingungen

Die frühere Schuldirektorin, einst treues Mitglied der Kommunistischen Partei Chinas und Angehörige der kasachischen Minderheit, musste den Lagerinsassen, flankiert von bewaffneten Wachleuten, chinesischen Sprachunterricht geben.

"Die Insassen mussten immer wieder schreiben, 'Ich liebe die Kommunistische Partei', 'Ich bin glücklich' und 'Ich liebe Staats- und Parteichef Xi Jinping.' Diese Papiere mussten sie hochhalten, die Parolen laut skandieren und stundenlang wiederholen", erzählt Sauytbay.

Von unmenschlichen Bedingungen in den Lagern berichtet Sauytbay, die ihre Erinnerungen auch in einem Buch festgehalten hat - von Gewalt und Folter. Schwer wiegen auch die Vorwürfe, es habe sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen gegeben. "Sie haben nachts Mädchen und junge Frauen abgeholt und morgens zurückgebracht - dann sah man, in welchem Zustand sie waren", so Sauytbay.

Flucht über Kasachstan nach Schweden

Nachprüfen lassen sich die Vorwürfe von Sauytbay nicht, die nach ihrer Entlassung aus dem Lager über Kasachstan nach Schweden flüchten konnte, wo sie heute im Exil lebt. Die chinesische Regierung weist ähnliche Berichte der BBC über sexuelle Gewalt und alle anderen Vorwürfe als "Lügen" zurück.

"Die grundlegenden Fakten zeigen, dass es einen so genannten Genozid oder Zwangsarbeit oder religiöse Unterdrückung in Xinjiang nie gegeben hat", sagt Außenminister Wang Yi. Und weiter: "Solche Anschuldigungen sind frei erfunden. Sie sind niederträchtig, aus politischen Gründen aufgebauscht und haben mit der Wahrheit nichts zu tun."

China spricht von "Berufsbildungszentren"

Aber Recherchen von Menschenrechtsgruppen und unabhängigen Forschern, die unter anderem chinesische Regierungsdokumente ausgewertet haben, zeigen, dass seit 2016 schätzungsweise eine Million Uiguren und Angehörige anderer ethnischer Minderheiten in Lagern festgehalten wurden.

China hat ihre Existenz erst bestritten, sie dann als "Berufsbildungszentren" bezeichnet - Teil des Kampfes gegen den islamischen Extremismus und Terrorismus, heißt es unter Verweis auf sporadische Anschläge in Xinjiang. Auch das lässt sich nicht überprüfen. Unabhängige Recherchen in der Region sind nicht möglich.

Die wenigen Bilder aus den Camps sind Propaganda-Aufnahmen mit fröhlich tanzende Menschen, die einfache Handwerksberufe lernen.

USA verleihen Menschenrechtspreis an Sauytbay

Sauytbay hat keinerlei Ausbildungsbemühungen beobachten können - dafür Menschen, denen mit Politparolen ihre kulturelle und religiöse Identität genommen werden sollte. "Wenn die chinesische Regierung behauptet, dort würden Menschen ausgebildet, sind das nichts als Lügen. Warum werden dann Künstler, Schriftsteller, Lehrer,  Professoren, Studenten und andere hoch gebildete Leute festgehalten?"

In den chinesischen Staatsmedien wird Sauytbay seit Monaten beschimpft - als Schwindlerin, Betrügerin und Lügnerin. Von der US-Regierung wurde sie im Jahr 2020 mit einem Menschenrechtspreis geehrt. Sie selbst sagt, sie wolle nur Zeugnis ablegen - und jetzt dafür werben, dass die EU weiter Druck auf China macht.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 22. März 2021 um 06:25 Uhr in der Sendung "Informationen am Morgen".