Ein Mann bei einem Protest in China gegen die Null-Covid-Politik des Landes. | EPA/MARK R. CRISTINO

Proteste in China "Wir sind hier, weil wir mutig sind"

Stand: 27.11.2022 18:57 Uhr

Chinas strikte Null-Covid-Politik hat Proteste ausgelöst. Hunderte Menschen gingen unter anderem in Peking und Shanghai auf die Straße. Dabei sind Proteste an sich schon eher ungewöhnlich in China.

Eva Lamby-Schmitt, ARD-Studio Shanghai

Es sind chaotische Szenen, in denen die Polizisten in Shanghai in die Menge von Hunderten Demonstranten drängen. Es kommt zu teils handgreiflichen Auseinandersetzungen zwischen Polizisten und Zivilisten und zu Festnahmen.

Eva Lamby-Schmitt ARD-Studio Shanghai

Nach Protesten in der Nacht in Shanghai gingen diese auch im Laufe des Tages an der gleichen Stelle weiter - an der Urumqi-Straße, die nach der Stadt Urumqi benannt ist. Trauernde Menschen kamen dort zum Gedenken der Opfer des Wohnhausbrandes in Urumqi zusammen und brachten Blumen mit. Die Polizei jedoch sammelte alle Blumen sofort wieder ein, was auf Unverständnis der Menschen stieß. Eine Frau erklärte:

Ich bin wütend, so fühle ich mich. Ich denke, die Polizisten sind lachhaft. Sie dulden nicht einmal Blumen als kleine nette Geste.

Hunderte Rufe nach Freiheit

Die Proteste wurden lauter, nachdem die Polizei die Straße abgesperrt und Barrikaden errichtet hatte. In drei Reihen hintereinander stand die Polizei einer Menge von Hunderten Menschen gegenüber - und Rufen nach Freiheit. Keine Corona-Tests mehr, sondern Freiheit, riefen sie. Ein Mann erklärt: "Ist das, was sie tun menschlich? Nein, das ist nicht menschlich. Die Polizisten kennen nur die Partei, aber keine Menschlichkeit." Die Polizisten wüssten nur, wie sie der Partei gegenüber loyal sein könnten, so der protestierende Mann weiter.

Sie sind nicht die Polizei des Volkes. Wir sind hier, weil wir mutig sind. Vielleicht können wir nichts tun, aber wir müssen es zum Ausdruck bringen.

Proteste sind bemerkenswert

Die Chinesen seien immer noch mutig, sagt ein Mann während des Protests. In China gibt es keine Presse- und Meinungsfreiheit. Die Proteste sind deshalb bemerkenswert.

Auch aus anderen Städten wie Wuhan im zentralchinesischen Landesteil Hubei und Guangzhou im Süden des Landes gibt es Berichte von Protesten. An der Tsinghua Universität in der Hauptstadt Peking kamen Hunderte Studierende zusammen, um gegen die Corona-Maßnahmen zu demonstrieren. Die Proteste dauern weiter an.

Wohnungsbrand als Auslöser der Proteste

Auslöser der neuen Proteste war ein Wohnhausbrand in Urumqi, der Hauptstadt des nordwestchinesischen Landesteils Xinjiang, bei dem am Donnerstag nach offiziellen Angaben zehn Menschen ums Leben gekommen sind. Dies löste Proteste in Urumqi selbst und große Empörung im chinesischen Internet aus. Denn die Feuerwehr soll durch corona-bedingte Straßensperrungen bei den Rettungsarbeiten behindert worden sein.

Der Landesteil Xinjiang ist seit mehr als 100 Tagen im Lockdown. Wie in anderen Regionen Chinas dürfen die Menschen teils ihre Wohnungen und Häuser nicht verlassen. Weiterhin hält die chinesische Staats- und Parteiführung an einer strikten Null-Covid-Politik fest. Trotz der strikten Maßnahmen verzeichnet China auch heute wieder landesweit einen Tagesrekord an Neuinfektionen. Fast 40.000 Corona-Fälle an einem Tag wurden zuletzt gemeldet - das ist der höchste Wert seit Beginn der Pandemie.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 27. November 2022 um 17:45 Uhr.