Kinder und Eltern stehen in Peking zusammen in einer Gruppe. | dpa

China Kein Babyboom trotz Drei-Kind-Politik?

Stand: 31.05.2021 15:51 Uhr

In China dürfen Paare künftig drei Kinder bekommen. Doch die Reaktionen sind zurückhaltend, auch Experten rechnen nicht mit einem Babyboom - denn mehr Kinder können sich viele finanziell gar nicht leisten.

Von Ruth Kirchner, ARD-Studio Peking, zzt. Berlin

Der Beschluss des Politbüros der Kommunistischen Partei wurde im staatlichen Fernsehen von einem Sprecher und einer Sprecherin verlesen: Bis zu drei Kinder dürfen verheiratete Paare in Zukunft bekommen. Ab wann das gelten soll, blieb zunächst offen.

Ruth Kirchner ARD-Studio Peking

Aber die Staatsführung machte deutlich, dass sie mit der Drei-Kind-Politik der rapiden Überalterung der Gesellschaft und den seit Jahren sinkenden Geburtenzahlen entgegenwirken will. Die Regierung reagiert damit auf die Volkszählung, deren Ergebnisse vor drei Wochen veröffentlicht wurden. Danach dürfte die Bevölkerung Chinas in den nächsten Jahren schrumpfen - mit massiven Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft.

Dass eine Drei-Kind-Politik diesen Trend aufhalten kann, gilt allerdings als unwahrscheinlich. Mehr Kinder bekommen? Viele jüngere Leute winken ab. Die finanziellen Belastungen seien jetzt schon zu hoch. "Wenn alle Kinder bekommen sollen, brauchen wir Erleichterungen - auch finanzieller Art", sagt eine 30-jährige, kinderlose Angestellte. "Wenn die Regierung das nicht hinbekommt, ist es einfach nicht machbar."

Kinder kosten - für viele zuviel

Kinder sind teuer - das sagen viele Menschen in China. In Metropolen wie Shanghai und Peking gehen die Wohnungspreise seit Jahren steil nach oben. Kindergärten kosten viel Geld. Und im Kampf um die Plätze in den guten Schulen geben chinesische Eltern sehr viel Geld für zusätzlichen Privatunterricht aus. Auch die eigenen alten Eltern müssen versorgt werden. Mehr als ein Kind können sich viele Paare daher nicht leisten.

Es sei daher sehr unwahrscheinlich, dass die neue Drei-Kind-Politik genügend Anreize schaffen werde, sagt Liu Ye, die am King’s College in London zu Chinas Familienplanungspolitik forscht. Damit werde sich die demographische Krise nicht lösen lassen. Statistisch gesehen bekommt eine chinesische Frau im Durchschnitt 1,3 Kinder. Damit ist die Fruchtbarkeitsrate Chinas niedriger als in Deutschland und liegt in etwa gleichauf mit Japan und Italien - sehr schnell alternde Gesellschaften.

Konkrete Zusagen fehlen

Auch in China müssen immer mehr alte Menschen versorgt werden. Das Gesundheitssystem und das Rentensystem sind darauf nicht eingestellt. Jetzt allein die Familienplanungspolitik zu lockern, löse die Probleme nicht, kritisiert Forscherin Liu: "Die Regierung verlagert die Verantwortung in die einzelnen Familien - ohne konkrete Maßnahmen oder finanzielle Zusagen anzukündigen."

Experten fordern seit langem finanzielle Erleichterungen für Familien. Kindergeld etwa gibt es bislang in China gar nicht. Auch seien mehr staatliche Ausgaben für Kindergärten notwendig, sagen Experten, sowie finanzielle Entlastungen bei den Wohnungs- und Ausbildungskosten. Im Politbüro-Beschluss ist zwar von "unterstützenden Maßnahmen" die Rede. Einzelheiten nannten die chinesische Regierung jedoch nicht.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 31. Mai 2021 um 17:00 Uhr.