Chinas Präsident Xi inspiziert die Ehrengarde der chinesischen Marine anlässlich des 70. Geburtstags der Marine. | picture alliance/dpa
Analyse

Machtkampf im Indopazifik China trumpft auf, weil es kann

Stand: 24.09.2021 04:58 Uhr

Nirgends auf der Welt ringen die USA und China so sehr um Einfluss wie im Indopazifik. Auf jüngste US-Initiativen dürfte Peking mit Gegendruck reagieren - obwohl es sich damit auch selbst Probleme schafft.

Von Ruth Kirchner, ARD-Studio Peking, zurzeit Berlin

Bei der UN-Vollversammlung in New York verbreitete Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping diese Woche einmal mehr betont friedliche Botschaften: "Das chinesische Volk strebt immer nach Frieden, Freundschaft und Harmonie", sagte Xi in einer Videobotschaft. Doch in der eigenen Nachbarschaft geht es weitaus weniger harmonisch zu: Fast täglich dringen chinesische Kampfflugzeuge in Taiwans Luftverteidigungszone ein. Auch im Südchinesischen Meer, durch das einige der der wichtigsten Handelsrouten der Welt verlaufen, kommt es immer wieder zu gefährlichen Konfrontationen. 

Ruth Kirchner ARD-Studio Peking

Chinas Nachbarn und die USA, die traditionelle Ordnungsmacht im Indopazifik, sind alarmiert. "Peking untergräbt mit seinen Aktivitäten die regelbasierte Ordnung und bedroht die Souveränität anderer Staaten", warnte US-Vizepräsidentin Kamala Harris kürzlich bei einem Besuch in Singapur.

Ein chinesisches Patrouillenboot kreuzt nahe einem Boot mit japanischer Flagge vor einer der Senkaku-Inseln. | picture alliance/dpa/MAXPPP

Ein chinesisches Patrouillenboot kreuzt nahe einem Boot mit japanischer Flagge vor einer der Senkaku-Inseln. Bild: picture alliance/dpa/MAXPPP

Blick auf eine der Senkaku-Inseln | picture alliance / Hiroya Shimoji/epa/dpa

Japan, China und Taiwan erheben Anspruch auf die Inselgruppe, die sie - je nach Land - Senkaku, Diaoyu oder Diaoyutai nennen. Bild: picture alliance / Hiroya Shimoji/epa/dpa

Zahlenmäßig der US-Flotte überlegen

China bezeichnet seine Strategie als "aktive Verteidigung". Auch weitab vom Festland, auf hoher See müsse die Volksrepublik "proaktiv" ihre Interessen schützen. Die Staatsführung in Peking betrachtet beispielsweise Taiwan als Teil der Volksrepublik; das Südchinesische Meer beansprucht China trotz eines anders lautenden internationalen Schiedsspruchs größtenteils für sich und ignoriert Territorialansprüche anderer Anrainer - darunter die Philippinen und Vietnam.

China trumpft aber auch auf, weil es kann. Ihr Militär hat die Volksrepublik in den letzten Jahren mit viel Geld modernisiert und deutlich aufgerüstet. China hat mittlerweile die größte Marine der Welt - mit Fregatten, Zerstörern, Atom-U-Booten und zwei eigenen Flugzeugträgern. Chinas Flotte umfasste nach US-Schätzungen Ende 2020 etwa 360 Schiffe - verglichen mit knapp 300 der USA. Bis 2025 soll die chinesische Kampfstärke auf rund 400 Schiffe ansteigen.

"Region durch China instabiler geworden"

Flottenstärken sind das eine, militärische und technologische Fähigkeiten das andere. "Die USA sind nach wie vor im klaren Vorteil - etwa bei U-Booten und anderen Unterwasser-Fähigkeiten", sagte Helena Legarda, Verteidigungsexpertin beim Berliner Think Tank Merics. "Aber bei der konventionellen Marine hat China vermutlich mit den USA gleichgezogen oder sie sogar schon überholt."

Klar ist: China will den Einfluss der USA im Indopazifik zurückdrängen. Den Anspruch, selbst die Region zu dominieren, leitet Peking aus seiner Größe und langen Geschichte ab. Xi Jinping spricht seit Jahren vom "Wiedererstarken der großen chinesischen Nation". Neben dem Militär baut China seinen wirtschaftlichen Einfluss in der Region kontinuierlich aus, mit Freihandelszonen und Infrastrukturprojekten im Rahmen der Seidenstraßen-Initiative. Während die Regierungen der Nachbarländer die wirtschaftliche Zusammenarbeit meist begrüßen, schreckt sie das aggressive militärische Auftreten Pekings ab und treibt sie in Arme der alten Schutzmacht USA.

"Das Seltsame ist ja, dass China sich damit selbst ständig neue Probleme schafft", sagt Asien-Spezialist Bill Hayton vom Londoner Forschungsinstitut Chatham House. China könnte heute in einer viel stärkeren Position sein, wenn es nicht seit zehn Jahren seine südostasiatischen Nachbarn verärgern würde - etwa durch das konfrontative Verhalten im Südchinesischen Meer. "Doch wegen Chinas Fehltritten ist die Region deutlich instabiler geworden."

China baut Gegendruck zu AUKUS auf

China sieht das anders. Peking macht die USA dafür verantwortlich, dass die Spannungen gewachsen sind, und sieht sich bedrängt von vermeintlich anti-chinesischen Allianzen: Dass US-Präsident Biden den 2007 initiierten Vierer- oder "Quad"-Sicherheitsdialog mit Australien, Japan und Indien neu belebt und mit AUKUS neue Allianzen mit Australien und Großbritannien schmiedet, wertet Peking als deutliches Zeichen, dass Washington vor allem ein Ziel hat: China kleinhalten.

"Die betreffenden Länder sollten diese veraltete Nullsummenspiel-Mentalität und engstirnige Perspektiven des Kalten Krieges aufgeben", wetterte Außenamtssprecher Zhao Lijian nach dem U-Boot-Deal zwischen Australien, Großbritannien und den USA.

Auch wegen der neuen AUKUS-Allianz werde China seine Aufrüstungsanstrengungen jetzt wohl noch weiter verstärken, warnt Verteidigungsexpertin Legarda. Und auch die chinesischen Machtdemonstrationen in der Region nehmen weiter zu.

Nur zwei Tage nach Xi Jinpings Friedensbotschaft an die Welt schickte China wieder einmal 19 Kampfflugzeuge Richtung Taiwan.

Über dieses Thema berichtete mdr AKTUELL am 24. September 2021 um 09:24 Uhr.

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Moderation 24.09.2021 • 14:02 Uhr

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