Das Kloster Chor Virap vor dem Berg Ararat, Provinz Ararat, Armenien. | picture alliance / Zoonar

Türkei und Armenien Ein Weg aus der Isolation

Stand: 14.01.2022 02:01 Uhr

Ein Erfolg der heute beginnenden Verhandlungen wäre ein historischer Schritt: Armenien und die Türkei wollen ihre Beziehungen normalisieren. Eine Einigung könnte in den Kaukasus ausstrahlen - und darüber hinaus.

Von Silvia Stöber, tagesschau.de

Fußballdiplomatie - so wurde vor mehr als einem Jahrzehnt der erste Versuch genannt, die Beziehungen zwischen Armenien und der Türkei zu normalisieren. Hoffnung kam 2009 auf, als bei einem Spiel beider Nationalteams der damalige armenische Präsident Sersch Sargsjan und sein türkischer Amtskollege Abdullah Gül einander die Hände reichten.

Silvia Stöber tagesschau.de

Es war eine Geste der Annäherung zwischen zwei Ländern, die seit 1993 keine diplomatischen Beziehungen unterhalten, deren Grenzen geschlossen sind und die entzweit sind über die Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern.

Doch die Verhandlungen scheiterten. Die Lage in der Region eskalierte schließlich bis zum Krieg im Herbst 2020. Armenien erlitt eine schwere Niederlage gegen den verfeindeten Nachbarn Aserbaidschan, das von der verbündeten Türkei unterstützt wurde.

Im Mittelpunkt: Eröffnung der Verkehrswege in der Region

Ein Jahr später sind in Armenien Angst und Wut auf Aserbaidschan und die Türkei noch immer groß. Dennoch will die Regierung um Premier Nikol Paschinjan einen neuen Versuch zur Normalisierung der Beziehungen und Öffnung der Grenze zur Türkei wagen. Beide Staaten bestimmten Sondergesandte, die nun in Moskau zu einem Gespräch zusammentreffen.

Schon die Friedensvereinbarung mit Aserbaidschan enthält einen Punkt über die Wiedereröffnung der Verkehrswege in der gesamten Region. Armenien als am stärksten isoliertes Land könnte durch die Öffnung der Grenzen und von Verkehrswegen auch in Richtung der Partner Iran und Russland profitieren.

Ein von der Türkei initiiertes Format bezieht neben den drei Südkaukasus-Staaten Armenien, Aserbaidschan und Georgien auch die anderen beiden Regionalmächte Russland und Iran ein, die ebenfalls die Entwicklung der Infrastruktur in der Region vorantreiben wollen.

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Anerkennung des Völkermordes kein Thema

Die Regierung in Jerewan hob bereits ein nach dem Krieg verhängtes Embargo für türkische Produkte auf, das vor allem die armenische Bevölkerung belastet hatte. Sie leidet seit Jahrzehnten unter hohen Preisen für Alltagsprodukte. Der Krieg und die Corona-Pandemie verschärften die Lage. 2021 stiegen allein die Lebensmittelpreise um fast 20 Prozent.

Die Regierung will "ohne Vorbedingungen" in die Verhandlungen mit der Türkei gehen. Die Anerkennung des Völkermordes soll kein Thema sein. Diese Frage werde aufgeschoben und an den Versöhnungsprozess nach der Normalisierung delegiert, erklärt der Politikexperte Richard Giragosian, Direktor des Regional Studies Center in Jerewan. Die Normalisierung stelle einen ersten Schritt dar - "das grundlegende Minimum für Nachbarn". Eine Versöhnung sei ein "viel intensiverer, umfassenderer und längerer Prozess, der sich über Generationen erstreckt".

Weitreichende Pläne der Türkei

Für die von einer Wirtschaftskrise geschwächte Türkei liegen die Vorteile ebenfalls auf der Hand. Nicht nur könnte der Osten des Landes von der Grenzöffnung profitieren. Präsident Recep Tayyip Erdogan setzt zur Bekämpfung der massiven Inflation auch auf den Export türkischer Güter. Und er will die Türkei als Anführer der turksprachigen Staaten positionieren. Die Türkei und Aserbaidschan sehen sich ohnehin als enge wirtschaftliche und militärische Partner.

Mitte November dann stufte die Türkei zusammen mit Aserbaidschan, Kasachstan, Kirgistan und Usbekistan den bestehenden "Rat der Turkstaaten" zur "Organisation der Turkstaaten" herauf. Turkmenistan und Ungarn sind als Beobachter dabei.

Darüber hinaus gründeten die Türkei und Aserbaidschan im vergangenen Jahr eine Partnerschaft mit Pakistan. Im September fand die erste gemeinsame Militärübung "Drei Brüder" in Aserbaidschan statt. In Afghanistan verhandelt die Türkei außerdem darüber, die Logistik und die Sicherheit der Flughäfen zu übernehmen, wie dies bis zum Abzug der ausländischen Kräfte im Sommer 2021 der Fall war.

Konflikt um den Süden Armeniens

Ein heikler Punkt in der Kette der Landverbindungen ist jedoch der direkte Weg von der Türkei nach Aserbaidschan: Die Türkei grenzt an die aserbaidschanische Exklave Nachitschewan. Diese ist vom Kernland Aserbaidschan durch armenisches Territorium getrennt.

Der Konflikt im Süden Armeniens entzündet sich daran, unter wessen Hoheit eine zu bauende Straße und die Eisenbahnlinie stehen sollen. Dahinter steht die Furcht Armeniens, sein Territorium könne durchtrennt und die Verbindung zum Iran unterbunden werden. Angespornt werden diese Ängste durch aggressive Rhetorik der aserbaidschanischen Führung sowie durch militärische Auseinandersetzungen, die auf armenisches Territorium ausgreifen. Giragosian zufolge gibt es dennoch inzwischen eine vorläufige Einigung, wonach Armenien die Souveränität behält und Russland die Überwachung übernimmt.

Mit einer Win-Win-Situation für alle vor Augen erscheint es möglich, dass sich die Rivalen Türkei, Russland und Iran auf Kompromisse einigen und Druck auf die Feinde Armenien und Aserbaidschan ausüben. Offen ist, wie die betroffenen Menschen ohne einen begleitenden Versöhnungsprozess damit umgehen werden - ob die Aussicht auf wirtschaftliche Verbesserung der Lage nationalistische und revanchistische Stimmungen übertönen wird.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 14. Januar 2022 um 07:09 Uhr.