Personen gehen auf einer Straße in Almaty, auf der ein ausgebranntes Fahrzeug steht. | picture alliance/dpa/NUR.KZ/AP

Augenzeuge in Almaty "Viele haben Angst um ihr Leben"

Stand: 12.01.2022 12:06 Uhr

Inzwischen ist Kasachstans Internetverbindung wieder stabiler - und Augenzeugen berichten, was während der Proteste und der Militäroperation geschah. Ein Aktivist aus Almaty schildert seine Erlebnisse.

Von Andrea Beer, ARD-Studio Moskau

Blass und übernächtigt sitzt Alimschan Isbasarow im Interview per Skype. Der junge Familienvater lebt in Almaty. Die blutigen Ereignisse der vergangenen Tage hat er hautnah miterlebt. Nun ist es zwar ruhiger, doch wirklich friedlich ist es nicht.

Andrea Beer ARD-Studio Moskau

"Natürlich haben jetzt viele große Angst um ihr Leben, denn die Leute hatten Angst, einfach auf die Straße zu gehen und können immer noch nicht raus, obwohl es schon relativ friedlich ist", erzählt er. Es scheine, dass die sogenannte Anti-Terror-Operation fast vorbei ist und an den Stadtrand verlagert wurde - dort sind noch Schüsse zu hören.

Als an einem der ersten Januartage die Stadtverwaltung von Almaty gestürmt wurde und es auch in der Präsidentenresidenz brannte, war es einer der dramatischen Höhepunkte der Proteste, die viele Menschen mit dem Leben bezahlen. Alles hatte mit der Empörung über drastisch gestiegene Gaspreise begonnen, die zuerst friedliche Demonstrationen auslösten, die binnen weniger Tage das ganze Land erfassten.

Karte: Kasachstan

Wer waren die gewaltbereiten Teilnehmer?

Isbasarow betont, er könne nur erzählen, was er in Almaty selbst gesehen habe - demnach war der 26-Jährige dabei, als dort aus 100 versammelten Menschen 200 wurden, dann 300; am Ende seien es etwa 20.000, wenn nicht mehr gewesen, die gemeinsam in Richtung Akimat - in Richtung Stadtverwaltung - unterwegs waren. Niemand wolle plündern, zerstören oder gar töten, betont er immer wieder. Denn welche Bürger hätten denn Waffen?

"90 Prozent der Menschen waren friedlich, das heißt, sie standen da und schauten zu. Und einige junge Typen, ich weiß nicht, vielleicht waren das einfach Hitzköpfe, arme Leute, waren sauer wegen niedriger Löhne, niedrigem Lebensstandard und so weiter", erzählt Isbasarow. "Vielleicht waren es auch Provokateure der Geheimdienste." Er könne nicht beurteilen, wer hinter den Ausschreitungen stecke - habe aber beobachtet, wie es zu Kämpfen mit Armee und Polizei kam. Er habe so etwas wie Explosionen gehört und dann zum ersten Mal im Leben Tränengas gerochen, mit dem das Militär die Demonstrierenden vertreiben wollte.

"Die Schüsse gab es, nachdem die Sicherheitskräfte offenbar entschieden hatten, dass etwas anderes nichts nützt und die Menschen sich nicht zerstreuen lassen", sagt er. Deren wichtigste Forderung sei der Rücktritt von Präsident Kassym-Jomart Tokajew gewesen. "Entscheidend ist: Nicht die Polizei und nicht das Militär haben angefangen zu schießen, sondern die militärischen Spezialeinheiten. Als sie eingetroffen sind, haben sie einfach angefangen zu schießen - nicht mit Gummigeschossen, sondern mit scharfen Patronen."

"Vorwand, Terrorismus zu bekämpfen"

"Ich habe das gesehen" - das wiederholt Isabarow immer wieder beinahe beschwörend. Denn die staatliche Gegenerzählung wird immer erdrückender: Der Präsident habe einen terroristischen Angriff auf den Staat ausgemacht, heißt es - damit begründet Tokajew, dass er ausländische Truppen ins Land geholt und sogar einen Schießbefehl erlassen hat. Etwa 10.000 Menschen wurden bisher festgenommen.

"Es gibt viele festgenommene Aktivisten. Von vielen wissen wir nicht einmal, wo sie jetzt sind", sagt Isbasarow. Die Festgenommenen in ganz Kasachstan würden jetzt des Terrorismus und des Extremismus verdächtigt. "Es sind viele Zivilisten getötet worden. Außerdem haben wir keine Daten darüber, wie viele Menschen gestorben sind. Es gibt keine Informationen. Weder Behörden noch Polizei sagen etwas."

Das Internet ist instabil, die Leitung schlecht und der übernächtigte Alimschan Isabarow wirkt wach und düster zugleich. Alles habe sich zum Schlechten gewendet, meint er - und werde noch weitergehen: "Viele Menschen werden festgenommen werden. Aktivisten, die für die Behörden wie ein Knochen im Hals waren. Und unter dem Vorwand, Terrorismus zu bekämpfen können sie jetzt machen, was sie wollen."

Über dieses Thema berichtete BR24 am 12. Januar 2022 um 11:20 Uhr.