Anhänger al Sadr feiern die Wahl mit einem Bild des Geistlichen. | dpa

Parlamentswahl im Irak Ein Sieger auf Zeit?

Stand: 12.10.2021 20:08 Uhr

Die Partei des schiitischen Geistlichen al-Sadr hat die Parlamentswahl im Irak gewonnen. Ob er seinen Führungsanspruch verwirklichen kann, ist offen: Gegen das Ergebnis regt sich Widerstand.

Von Martin Durm, ARD-Studio Beirut

Kein Lächeln, keine triumphale Gebärde. Der Sieger dieser Parlamentswahl will vor seinen Anhängern Ernst und Würde ausstrahlen, so wie es sich für einen schiitischen Geistlichen nun mal gehört: "Es ist Zeit, dass die Iraker endlich in Frieden leben", sagt er, "ohne Besatzung, ohne Terrorismus, ohne bewaffnete Milizen und Kidnapping und all den Terror, der das Ansehen unseres Landes beschädigt".

Martin Durm

Muktada al-Sadr versteht sich darauf, in diesem von Krieg und Terror gepeinigten Land so kurz nach dem Wahlsieg einen versöhnlich klingenden Ton anzustimmen. Dabei ist der 49-Jährige gleichzeitig ein waschechter Populist, dem seine Berater angeblich rieten, den Bart etwas grauer zu färben, um älter, autoritärer zu wirken.

Al Sadr vor einem Wahllokal | dpa

Al-Sadr gibt sich heute gemäßigt, hat aber eine gewalttätige Vergangenheit. Bild: dpa

Ein Wahlsieger mit Vergangenheit

Mit mehr als 70 der 329 Parlamentssitze für seine schiitische Strömung geht nun nichts ohne al-Sadr. Er selbst hat nicht den Ehrgeiz, das Amt des Ministerpräsidenten zu übernehmen, aber er wird den Anspruch darauf für seine schiitische Strömung erheben. Sein Auftritt nach der Wahl soll nach innen und außen Macht demonstrieren: "Alle ausländischen Vertreter sind uns willkommen." Aber keiner solle sich in unsere Angelegenheiten einmischen, warnt der Kleriker. "Wir würden das zurück weisen. Der Irak gehört nur den Irakern."

Dass er dies ernst meint, hat al-Sadr in der blutigen Vergangenheit des Irak hinlänglich bewiesen. Mit seiner sogenannten Mahdi-Armee bekämpfte er die amerikanische Besatzungsarmee so erbittert, dass ihn die USA zum gesuchten Staatsfeind erklärten.

Nun, da die USA immer weniger Interesse an den nahöstlichen Brandherden zeigen, stellt sich al-Sadr vor allem dem iranischen Einfluss entgegen. Dafür feiern ihn seine Wähler in den verarmten Vierteln von Bagdad und anderen Städten. "Unser Führer", sagen sie, "wird keine ausländische Einmischung dulden. Wir Iraker haben gewählt, niemand hat da mitzureden, weder im Westen noch unser Nachbar im Osten. Wir entscheiden über unsere Zukunft".

Anhänger al Sadr feiern die Wahl. | dpa

Noch ist offen, ob die Anhänger al-Sadrs dessen Sieg weiter feiern können. Bild: dpa

Parlamentswahl wird angefochten

Wie sie aussehen wird, bleibt allerdings ungewiss. Die Iran-hörigen Parteien im Irak und die Haschd al-Schaabi, die vom Iran finanzierten und gelenkten Milizen, habe schon angekündigt, das Ergebnis der Parlamentswahl nicht zu akzeptieren. Es sei Betrug, sagen sie, Schwindel, der pro-iranische Politiker Hadi al-Amiri will die Wahl anfechten.

Ein Konflikt innerhalb der irakischen Schia könnte daraus entstehen. Womöglich fürchtet das auch al-Sadr: "Feiert diesen großen Sieg, den wir errungen haben, sagt er vor seinen Anhängern, aber feiert bitte ohne Waffen und stört niemanden, ich danke euch."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 12. Oktober 2021 um 20:00 Uhr.