Blick auf Kabul | AFP

Vormarsch der Taliban Deutschland holt Botschaftspersonal zurück

Stand: 13.08.2021 17:21 Uhr

Tag für Tag wird die Lage in Afghanistan gefährlicher, die Taliban rücken schnell vor. Deshalb holt Deutschland nun viele Botschaftsmitarbeiter zurück. Die UN warnen vor einer "humanitären Katastrophe".

Die militant-islamistischen Taliban rücken mit großem Tempo auf die afghanische Hauptstadt Kabul vor. Zuletzt eroberten die Kämpfer mit Kandahar die zweitgrößte Stadt des Landes. Auch weitere wichtige Orte befinden sich inzwischen unter Kontrolle der Taliban.

Aus Sorge um die Mitarbeiter in der Botschaft wird Deutschland sein Personal nun auf das "absolute Minimum" reduzieren. Das kündigte Außenminister Heiko Maas an. Die Beschlüsse wurden vom Krisenstab der Bundesregierung gefasst, der am Freitag angesichts der dramatischen Lage in Afghanistan zusammengekommen war.

Charterflüge werden vorgezogen

Laut Maas wird außerdem sofort ein Unterstützungsteam in die afghanische Hauptstadt geschickt. Die Botschaftsmitarbeiter würden mit Chartermaschinen ausgeflogen. Darin würden auch afghanische Ortskräfte, die früher für die Bundeswehr oder Bundesministerien gearbeitet haben oder heute noch für sie arbeiten, nach Deutschland gebracht.

Zwei Charterflüge waren dafür ursprünglich bis Ende des Monats geplant. Diese würden nun vorgezogen, sagte Maas. Er rief alle Deutschen auf, das Land sofort zu verlassen. Eine hohe zweistellige Zahl deutscher Staatsbürger sind noch im Land. Trotz der drohenden Gefahr wollen viele Mitarbeiter von Hilfsorganisationen vor Ort bleiben. "Ich werde hierbleiben, solange das in irgendeiner Form möglich ist", sagte Stefan Recker von Caritas International Kabul im Deutschlandfunk. Er wolle auch ein Beispiel geben, dass nicht alle Ausländer weggingen.

Ein Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums schloss nicht aus, dass auch Bundeswehrsoldaten zur Absicherung einer Rückholaktion für deutsche Staatsbürger zum Einsatz kommen könnten. Die Bundeswehr halte Kräfte bereit, die "im Falle eines Falles zur Verfügung stehen", sagte er. Sollte es tatsächlich dazu kommen, wäre dafür wohl ein neues Bundestagsmandat notwendig: "Wenn bewaffnete Auseinandersetzungen mit gegnerischen Kräften zu erwarten sind - 'qualifiziert' zu erwarten sind nach dem Wortlaut des Bundesverfassungsgerichts - ist das Parlament zu beteiligen", sagte der Sprecher von Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer.

Dass die Bundeswehr angesichts der desolaten Lage erneut in großem Stil an den Hindukusch verlegt wird, gilt als so gut wie ausgeschlossen. Man hätte es dann mit einem Kampf- mit einem "Kriegseinsatz" zu tun, mahnte Kramp-Karrenbauer.

Sendungsbild

Die Taliban habe inzwischen große Teile des Landes erobert. Die grauen Bereiche kontrolliert die Regierung.

Briten nennen US-Abzug einen "Fehler"

Deutschland folgt mit der Rückholaktion dem Vorbild der USA. Das Land hatte bereits am Donnerstag die Reduzierung ihres Botschaftspersonals und die Entsendung von rund 3000 zusätzlichen Soldaten an den Flughafen in Kabul angekündigt.

Auch Großbritannien will seine Landsleute und afghanische Dolmetscher zügig aus dem Land holen. Um dies zu ermöglichen, werde man 600 Soldaten nach Afghanistan schicken, teilte der britische Verteidigungsminister Ben Wallace mit. Den Rückzug der US-Truppen aus Afghanistan bezeichnete er als einen "Fehler". Die internationale Gemeinschaft werde für diesen im Abkommen von Doha vereinbarten Abzug "wahrscheinlich die Konsequenzen" zu tragen haben, sagte Wallace dem Sender Sky News. Das Terrornetzwerk Al-Kaida werde "wahrscheinlich" nach Afghanistan zurückkommen und "für uns und unsere Interessen eine Bedrohung darstellen". 

UN warnen vor "humanitärer Katastrophe"

Angesichts des Vormarsches der Taliban wird die Lage der Menschen in Afghanistan nach Einschätzung der Vereinten Nationen immer verzweifelter. "Wir stehen kurz vor einer humanitären Katastrophe", sagte eine Sprecherin des des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR. Vor allem Frauen und Kinder flüchten vor den vorrückenden Taliban.

In kurzer Zeit haben die Taliban 18 der 34 Provinz-Hauptstädte unter ihre Kontrolle gebracht. US-Geheimdienste hatten zuletzt nicht ausgeschlossen, dass die Extremisten angesichts der schnellen Erfolge Kabul nun schon binnen 30 Tagen isolieren und binnen 90 Tagen übernehmen könnten. Ursprünglich waren für ein solches Szenario viele Monate veranschlagt worden.

Der Afghanistan-Experte Thomas Ruttig von der Kabuler Denkfabrik Afghanistan Analysts Network sagt, die Regierungskräfte erwiesen sich nach dem Fall der Großstädte Kandahar, Herat und Gasni "als noch weniger widerstandsfähig als gedacht". Der frühe Abzug der westlichen Truppen sei dafür ein wichtiger Faktor, er habe die Moral der Soldaten und Polizisten weiter untergraben. Auch Deutschland mit seinem Abzug der Bundeswehr bei Nacht aus Masar-i-Scharif habe dazu beigetragen. Es sei fraglich, ob die Taliban vor Kabul noch einmal gestoppt werden könnten. 

Armee zahlenmäßig überlegen

Es wird geschätzt, dass es rund 300.000 Sicherheitskräfte und 60.000 Taliban-Kämpfer gibt. Die afghanische Armee ist zudem besser ausgerüstet. 

Warum die Armee trotz ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit so schnell von den Taliban besiegt wird, ist unklar. Offenbar ergeben sich einige Soldaten aus Furcht vor der Rache der Islamisten kampflos. Die Taliban profitieren dabei von ihrem brutalen Ruf, den sie sich während ihrer Schreckensherrschaft in den 1990er-Jahren mit öffentlichen Exekutionen oder Auspeitschungen verdient haben.

Mit Informationen von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio
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Moderation 13.08.2021 • 21:57 Uhr

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