Eine Moderatorin trägt bei den TV-Aufnahmen Kopftuch und hat Mund und Nase bedeckt. | AFP

Nach Taliban-Anordnung Voll verschleierte Journalistinnen

Stand: 22.05.2022 13:30 Uhr

Beim afghanischen Nachrichtensender TOLOnews haben sich TV-Journalistinnen für einen Tag gegen die angeordnete Vollverschleierung widersetzt. Nun mussten sie sich dem Druck der Taliban beugen.

Einen Tag lang hatten die Journalistinnen des afghanischen Fernsehsenders TOLOnews Widerstand geleistet. Statt das Gesicht vollständig zu verschleiern, trugen sie wie bisher üblich nur einen Kopftuch. Nun müssen sie auch Gesichtsschleier tragen.

Am Donnerstag hatte der Nachrichtensender berichtet, dass Journalistinnen in Afghanistan einer Anordnung der Taliban zufolge ihre Gesichter künftig vollständig bedecken müssen. Nur die Augen der Journalistinnen dürften zu sehen sein, bestätigte ein afghanischer Medienvertreter.

Nur noch mit bedeckten Gesichtern auftreten

Das sogenannte Ministerium für die Förderung der Tugend und die Verhütung des Lasters hatte auf einen Erlass von Taliban-Anführer Hibatullah Achundsada alle TV-Journalistinnen angewiesen, ab Samstag nur noch mit bedeckten Gesichtern aufzutreten.

Die Journalistinnen von TOLOnews nahmen das nicht hin und zeigten sich am Samstag mit unbedecktem Gesicht. "Wir haben uns gewehrt, wir wollten keine Masken tragen", sagte die Moderatorin Sonja Niasi der Nachrichtenagentur AFP. "Aber TOLOnews wurde unter Druck gesetzt."

Strafen für Väter und Ehemänner

Niasi zufolge sollte der Sender Journalistinnen, die sich widersetzten, entweder versetzen oder entlassen. Deshalb seien sie gezwungen gewesen, Mund und Nase zu bedecken.

"Ich wurde gestern angerufen und mit deutlichen Worten aufgefordert. Wir tun es nicht freiwillig", bestätigte TOLOnews-Chef Chpolwak Sapai. Sender-Chefs, die die Anordnung nicht durchsetzten, müssten mit Strafen rechnen - ebenso wie die Väter, Ehemänner oder männlichen Vormünder der Streikenden.

Manche Mitarbeiterinnen des Senders trugen dennoch keine Gesichtsschleier. Einige männliche Mitarbeiter und Journalisten trugen heute offenbar aus Solidarität ebenfalls Gesichtsmasken.

Immer strengere Vorschriften

Afghanische Fernsehsender haben wegen einer Anordnung bereits Filme und Serien aus dem Programm gestrichen, in denen Frauen eine Rolle spielten.

Bei der Machtergreifung im vergangenen Sommer hatte ein Sprecher der Taliban die Frage nach einer Burkapflicht für alle Frauen in Afghanistan noch verneint. Bis zum Einmarsch der westlichen Truppen 2001 war eine solche Vollverschleierung von den Taliban vorgeschrieben. Die Burka verhüllt den gesamten Körper und das Gesicht.

Nun gibt es immer strengere Vorschriften für das öffentliche Leben - insbesondere für Frauen. Seit Februar müssen weibliche Regierungsangestellte einen Hidschab tragen, der Haare, Ohren und Hals verdeckt.

In der Öffentlichkeit verschleiern

Anfang Mai hat die Regierung angeordnet, dass Frauen sich in der Öffentlichkeit verschleiern sollen. Der Tschador, ein Ganzkörperschleier mit unbedecktem Gesicht, sei die beste Form der Verschleierung.

In Afghanistan tragen die meisten Frauen in der Öffentlichkeit üblicherweise einen Hidschab, in ländlichen Gegenden zum Teil auch eine Burka. In Afghanistan ist die Burka häufig blau.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 19. Mai 2022 um 18:30 Uhr.