Menschen an der pakistanisch-afghanischen Grenze | EPA

Lage in Afghanistan UN warnen vor humanitärer Katastrophe

Stand: 13.08.2021 13:22 Uhr

Die Taliban setzen ihren Vormarsch in Afghanistan in rasendem Tempo fort, zahlreiche Zivilisten sind auf der Flucht. Angesichts dieser Entwicklung schlagen die UN Alarm. Die NATO plant offenbar ein Sondertreffen.

Angesichts des Vormarsches der Taliban wird die Lage der Menschen in Afghanistan nach Einschätzung der Vereinten Nationen immer verzweifelter. "Wir stehen kurz vor einer humanitären Katastrophe", sagte eine Sprecherin des des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR. Vor allem Frauen und Kinder würden vor den vorrückenden Taliban flüchten. Die Organisation appellierte an die Nachbarländer Afghanistans, die Grenzen für Schutzsuchende offen zu halten. Ohne eine Möglichkeit, sich in Sicherheit zu bringen, sei das Leben zahlloser Zivilisten in Gefahr. Die UN-Organisation sei bereit, die nationalen Behörden dabei zu unterstützen, die humanitären Maßnahmen im Bedarfsfall zu verstärken.

Das Welternährungsprogramm warnt zudem, dass sich die ohnehin schwere Nahrungsmittelknappheit in Afghanistan weiter verschärfen könne. Allein zwei Millionen Kinder seien auf Hilfe angewiesen. "Wir fürchten, dass das Schlimmste noch bevorsteht", sagte ein Sprecher. Die Lage werde immer unübersichtlicher. Jedenfalls stehe angesichts der Eskalation viel zu wenig Geld zur Verfügung, um wirklich helfen zu können. Bis Jahresende würden 200 Millionen Dollar gebraucht.

NATO-Sondertreffen

Trotz der drohenden Gefahr wollen viele Mitarbeiter von Hilfsorganisationen vor Ort bleiben. "Ich werde hierbleiben, solange das in irgendeiner Form möglich ist", sagte Stefan Recker von Caritas International Kabul im Deutschlandfunk. Er wolle auch ein Beispiel geben, dass nicht alle Ausländer weggingen. Die Afghanistan-Direktorin der norwegischen Flüchtlingshilfe Norwegian Refugee Council (NRC), Tracey Van Heerden, erklärte, die Eskalation des Konflikts mache zwar die Arbeit von Hilfsorganisationen schwieriger und gefährlicher. "Aber wir sind entschlossen, zu bleiben und zu liefern." Verängstigte Familien seien in den vergangenen Tagen nach Kabul geflohen. "Lager sind überfüllt und Kinder schlafen draußen im Freien. Familien streiten ums Essen", erklärte Van Heerden. Der NRC befürchte, dass sich dies "in einem beispiellosen Tempo im ganzen Land wiederholt".

Nach Angaben der Nachrichtenagentur AFP, die sich auf informierte Kreise bezieht, hat die NATO für heute ein Sondertreffen zur Lage in Afghanistan anberaumt. Zentrales Thema sollen Evakuierungsmaßnahmen sein.

Seehofer sichert Unterstützung für Ortskräfte zu

Das Auswärtige Amt äußerte sich besorgt über die Entwicklungen im Land. "Die schnelle Verschlechterung der Sicherheitslage ist sehr besorgniserregend", sagt ein Ministeriumssprecher in Berlin. Mit Blick auf die deutsche Botschaft in Kabul sagt er, die Sicherheit der Beschäftigten habe absoluten Vorrang. Die Botschaft sei dabei, denkbare Szenarien vorzubereiten. Zudem tage ein Krisenstab.

Gleichzeitig bekräftigte Bundesinnenminister Horst Seehofer seine Unterstützung für die Ortskräfte in Afghanistan. Er wolle die ehemaligen Mitarbeiter Deutschlands schnellstmöglich ausfliegen lassen. "Die Situation in Afghanistan wird immer bedrohlicher", erklärt der CSU-Politiker in Berlin. "Ob Charterflüge oder Visa-Erteilung nach Ankunft in Deutschland: Ich unterstütze alle Maßnahmen, die eine schnelle Ausreise unserer Ortskräfte und ihrer Familien ermöglichen." Am Innenministerium soll die Ausreise nicht scheitern, sagte der Minister. "Für Bürokratie ist keine Zeit, wir müssen handeln."

Schneller Vormarsch der Taliban

Denn bei ihrer Offensive kommen die Taliban schnell voran: Kürzlich fielen mit Kandahar und Herat auch die zweit- und die drittgrößte Stadt des Landes sowie die Hauptstadt der südlichen Provinz Helmand, Laschkargah, in ihre Hände. Damit wächst die Sorge, dass die Extremisten schon bald vor der Hauptstadt Kabul mit ihren rund vier Millionen Einwohnern stehen.

Karte von Afghanistan mit Kabul, Kandahar, Laschkargah, Herat, und Kundus

Die Taliban haben nun binnen einer Woche 14 der 34 Provinz-Hauptstädte unter ihre Kontrolle gebracht. US-Geheimdienste hatten zuletzt nicht ausgeschlossen, dass die Extremisten angesichts der schnellen Erfolge Kabul nun schon binnen 30 Tagen isolieren und binnen 90 Tagen übernehmen könnten. Ursprünglich waren für ein solches Szenario viele Monate veranschlagt worden.

Die USA hatten angekündigt, angesichts des Vormarsches der Taliban ihr Botschaftspersonal in den kommenden Wochen auf ein Minimum reduzieren zu wollen. Außerdem sollen 3000 zusätzliche Soldaten an den Flughafen Kabul verlegt werden, um den geordneten Abzug von Teilen des Personals zu unterstützen, teilten das US-Außen- und Verteidigungsministerium mit. Auch Großbritannien will seine Landsleute sowie afghanische Dolmetscher zügig aus dem Land holen. Um dies zu ermöglichen, werde man 600 Soldaten nach Afghanistan schicken, teilte der britische Verteidigungsminister Ben Wallace mit. 

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 13. August 2021 um 12:00 Uhr.