Behandlung eines unterernährten Säuglings im afghanischen Herat | AFP

Afghanistan vor Hungerwinter "Kinder zahlen einen unglaublichen Preis"

Stand: 09.12.2021 04:51 Uhr

Afghanistans Wirtschaft liegt am Boden. Viele Menschen wissen nicht, woher sie Essen bekommen sollen, das Gesundheitssystem ist zusammengebrochen. Die Folge: Immer mehr Kinder sind unterernährt.

Von Peter Hornung, ARD-Studio Neu-Delhi

Sie haben diese großen Augen, wie man sie von Hungersnöten kennt: die Säuglinge in der Atatürk-Kinderklinik in Kabul. Es gibt dort eigens eine Abteilung für unterernährte Kinder. Osman ist hier, er ist drei Monate alt und Sohn von Lina. Seinen schlechten Zustand führt sie auf die wirtschaftlichen Probleme des Landes zurück - es gebe keine Arbeit. Und seit dem Einzug der Taliban habe sich die Lage aller noch verschlechtert: "Alle sind arbeitslos, viele in Afghanistan sind unterernährt."

Peter Hornung ARD-Studio Neu-Delhi

Was die junge Frau aus Kabul einem Reporter der Nachrichtenagentur AP erzählt, bestätigt der Arzt Abdul Kudus. Es werde immer schlimmer, sagt er, die Fälle von Unterernährung nähmen Woche für Woche, Monat für Monat zu. In seiner Klinik seien alle Betten belegt, weitere Patienten könne man nicht aufnehmen. Und das sei auch in den Partner-Kliniken seien alle Betten belegt: "Die Fälle von Unterernährung sind in einem noch nie dagewesenen Maße gestiegen."

Es sei schrecklich, was man im Kinderkrankenhaus sehe, sagt Mary-Ellen McGroarty vom Welternährungsprogramm - aber dort seien nur die Kinder, die es in ein Krankenhaus schaffen. Die größte Katastrophe sehe man dort nicht, betont sie und fragt, wie viele Kinder es seien, deren Eltern nicht in der Lage seien, sie in ein Krankenhaus zu bringen. Die kleinen Kinder "zahlen hier in Afghanistan im Moment einen unglaublichen Preis".

Von Geldern abgeschnitten

100 Tage sind die ausländischen Truppen nun weg, Afghanistan steht vor einem schlimmen Hungerwinter. Das Land ist wirtschaftlich ruiniert. Die Taliban-Regierung hat keinen Zugang zu den Dollar-Milliarden ihrer Vorgänger.

Die Banken haben kein Geld, auch wer arbeitet, bekommt keinen Lohn. Alexander Matheou vom Internationalen Roten Kreuz weist darauf hin, dass die Ursachen der Krise weit zurückreichen und zählt auf: jahrzehntelange Konflikte, dann Naturkatastrophen, die Dürren, die immer wiederkommen, gerade in diesem Jahr mit einer der "schlimmsten Dürren seit Menschengedenken".

Matheou nennt die große Zahl von Vertreibungen im Zuge des Bürgerkriegs in der ersten Jahreshälfte. Und seit August gebe es neben der Bankenkrise auch kein Geld mehr für das Gesundheitswesen, weshalb viele der Gesundheitsdienste ihre Arbeit eingestellt haben. Das Zusammentreffen all dieser Faktoren, sagt Matheou, "führt nun zu einer großen humanitären Krise, die sich immer weiter verschärft".

Bis zu 23 Millionen hungern

Drei Frauen reden durcheinander auf einem Markt der nordafghanischen Stadt Masar-i-Scharif, wo bis zum Sommer noch deutsche Soldaten stationiert waren. Eine Frau in einer dunkelblauen Burka sagt, sie habe keinen Penny mehr. Fünf, sechs Kinder habe sie, meint eine andere Frau, aber nicht einmal ein Paket Mehl.

Bis zu 23 Millionen Menschen könnten in diesem Winter Hunger leiden, davon gehen die Vereinten Nationen aus. Es sei nun an der Zeit, politische Erwägungen hintanzustellen, meint McGroarty vom Welternährungsprogramm.

Auch wenn die internationale Gemeinschaft wegen der Lage in Afghanistan sehr besorgt sei, müsse man in diesem Stadium der Krise die humanitären Notwendigkeiten von den politischen Diskussionen trennen. Die unschuldigen Menschen in Afghanistan, die Kinder, deren Leben ohne eigenes Verschulden aus den Fugen geraten sei, "dürfen nicht zu Hunger und zum Verhungern verurteilt werden, nur weil sie eben in diesem Land geboren wurden".

In Herat tragen Frauen in Säcken Lebensmittel davon, die von den Vereinten Nationen verteilt wurden. | dpa

Ohne die Hilfe der internationalen Gemeinschaft wüssten viele Afghanen nicht, wie sie überleben sollen - hier verteilt das World Food Programme Lebensmittel in Herat. Bild: dpa

Gedanken kreisen ums Essen

Es gibt an diesem Tag Mehl in Masar-i-Scharif, das Welternährungsprogramm verteilt es sackweise. Auch der 17-jährige Gymnasiast Mahmoud ist gekommen, mit seiner Mutter und seinem Bruder. Sie brauchen etwas zu essen. Er wisse nicht, wie es in anderen Ländern sei, sagt er, aber in Afghanistan arbeiteten die Menschen immer nur für ihr Essen - "sie denken an nichts anderes."

Und ein Land, in dem die Menschen nichts mehr zu essen haben, sei ein Land ohne Perspektiven. Mahmoud spricht von seinen Träumen, die er verwirklichen möchte. Aber leider, stellt er fest, gehe das nicht. "Hier habe ich keine Chance."

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 08. Dezember 2021 um 22:30 Uhr.