Soldat der afghanischen Sicherheitskräfte in Herat vor der Eroberung der Stadt durch die Taliban | AFP

Kämpfe in Afghanistan Taliban erobern drittgrößte Stadt

Stand: 12.08.2021 20:56 Uhr

Nach übereinstimmenden Medienberichten ist die afghanische Stadt Herat von den Taliban eingenommen worden. Angesichts des schnellen Vormarsches erwarten US-Geheimdienste, dass die Hauptstadt Kabul schon in 30 Tagen fallen könnte.

Die drittgrößte Stadt Afghanistans ist offenbar an die militant-islamistischen Taliban gefallen. Die wichtigsten Regierungseinrichtungen von Herat im Westen des Landes seien in den Händen der Islamisten, bestätigten drei lokale Behördenvertreter der Nachrichtenagentur dpa. Nach Informationen der Nachrichtenagentur AFP nahmen die Extremisten unter anderem das Polizeihauptquartier ein und hissten ihre Flagge auf dem Dach.

Erst am Morgen war die strategisch wichtige Stadt Ghasni im Südosten gefallen. Auch die zweitgrößte Stadt Kandahar ist schwer umkämpft. Dem Fall der historischen Stadt Herat mit geschätzt 600.000 Einwohnern waren wochenlange Angriffe vorausgegangen. Die Taliban konnten zunächst von den Sicherheitskräften und Milizen des dort heimischen Politikers und ehemaligen Kriegsfürsten Ismail Chan in Schach gehalten und teils auch wieder zurückgedrängt werden. 

Taliban lassen Gefangene frei

Provinzräte hatten seit dem Nachmittag von zunehmenden Gefechten in Herat berichtet. Die Taliban seien aus dem Osten in die Stadt vorgedrungen und bis zu 200 Meter an den Gouverneurssitz gelangt. Die Milizen von Ismail Chan seien im Westen der Stadt damit beschäftigt gewesen, einen Angriff der Islamisten abzuwehren. Auch vom Norden seien sie vorgerückt, sagte ein weiterer Provinzrat.

Am Abend seien schließlich der Gouverneurspalast, das Polizeihauptquartier und das Gefängnis unter Kontrolle der Taliban gewesen. Die Islamisten hätten, wie schon in anderen von ihnen eroberten Städten, die Gefangenen freigelassen.

Mit Selfies Schrecken verbreitet

Die Sicherheitskräfte hätten nicht gekämpft, erklärte der Provinzrat Ghulam Habib Haschimi. Nur die kürzlich von Ismail Chan zusammengesammelten Kräfte hätten sich gegen die Übernahme der Stadt gewehrt, sagte Haschimi weiter. Der Gouverneur und andere Offizielle hätten sich in eine Militärbasis in der Nähe des Flughafens zurückgezogen. Bislang ist nicht klar, wo sich Ismail Chan befindet, der als einer der Führer der Nordallianz 2001 den USA geholfen hatte, die Taliban zu vertreiben.

In den vergangenen Wochen waren die Taliban laut lokalen Behördenvertretern immer wieder für Kurzangriffe in die Stadt eingedrungen und hatten sich dann sofort wieder zurückgezogen. Damit und mit in sozialen Medien verbreiteten Selfies von sich in der Stadt hätten sie Schrecken unter den Bürgern verbreitet, sagte der Sprecher des Gouverneurs der Provinz von Herat.

Kabul könnte schon in 30 Tagen fallen

Mit Herat sind in weniger als einer Woche 11 der 34 Provinzhauptstädte an die Islamisten gefallen. Der überwiegende Teil davon liegt im Norden des Landes. Ghasni liegt von all den gefallenen Städten Kabul am nächsten.

Seit dem Beginn des US- und NATO-Truppenabzugs der USA Anfang Mai haben die Taliban massive Gebietsgewinne verzeichnet. Die Islamisten hatten von 1996 bis zur US-geführten Intervention 2001 weite Teile Afghanistans unter ihrer Kontrolle. Inzwischen ist der Abzug zu mehr als 95 Prozent abgeschlossen. Auch die deutsche Bundeswehr und die Soldaten anderer NATO-Länder haben Afghanistan bereits verlassen.

Angesichts des rasanten Eroberungszuges der Taliban rechnen US-Geheimdienste laut "Washington Post" damit, dass die Hauptstadt Kabul in 30 bis 90 Tagen in die Hände der Islamisten fallen könnte. US-Präsident Joe Biden hatte am Dienstag den Abzug des US-Militärs verteidigt. Die Afghanen müssten nun "selbst kämpfen, um ihren Staat kämpfen", sagte er im Weißen Haus.

USA richten Luftbrücke für afghanische Helfer ein

Unterdessen wurde bekannt, dass die USA ihre früheren Ortskräfte in Afghanistan schneller als bisher außer Landes bringen wollen. Für Dolmetscher und andere afghanische Mitarbeiter, die bei einer Machtübernahme durch die Taliban Repressalien zu befürchten hätten, solle es künftig täglich Flüge geben, die sie außer Landes bringen, sagte der Sprecher des US-Außenministeriums, Ned Price.

Nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters will auch Großbritannien seine Landsleute sowie afghanische Dolmetscher zügig aus dem Land holen. Um dies zu ermöglichen, werde man Hunderte Soldaten nach Afghanistan schicken, teilte der britische Verteidigungsminister Ben Wallace mit.