Mitarbeiter des afghanischen Gesundheitsministeriums entladen Kisten mit AstraZeneca-Impfdosen, die die indische Regierung dem Land gespendet hat (Foto vom 7.02.2021). | picture alliance / ASSOCIATED PR
Analyse

Nach NATO-Abzug Wer nun in Afghanistan aktiv wird

Stand: 30.06.2021 11:13 Uhr

Wer stößt nach dem NATO-Abzug in das Machtvakuum Afghanistan? Mit China und Indien preschen zwei Mächte aus der Region vor, die die Taliban zurückdrängen wollen - und klare Eigeninteressen im Land haben.

Von Sibylle Licht, ARD-Studio Neu-Delhi

"Der vorzeitige Abzug der NATO-Truppen hat unter der Bevölkerung Angst und Panik ausgelöst", sagt die afghanische Journalistin Marzai Akbary unumwunden. "Die Menschen fürchten, dass die Friedensgespräche nicht zu einem positiven Abschluss kommen könnten. Die Angriffe der Taliban weiten sich aus, die Lage eskaliert." Akbary sieht Afghanistan am Rande eines Bürgerkriegs. Ihre Heimatstadt wird seit Tagen von den Taliban belagert. Die versuchen gerade, vor allem die Provinzen im Norden unter ihre Kontrolle zu bringen.

Sibylle Licht ARD-Studio Neu-Delhi

Vergangene Nacht verließ der letzte Bundeswehr-Flieger Mazar-i-Sharif. Mit dem Abzug der Bundeswehr und der Auflösung des NATO-Camps Marmal hat die NATO als erstes den Norden Afghanistans preisgegeben. Die militärische Präsenz war ein Garant für die dortige Sicherheit. Offiziell soll die NATO-Mission am 11. September enden - genau 20 Jahre, nachdem das Terrornetzwerk Al-Kaida von Osama bin Laden die Türme des World Trade Center in den USA zum Einsturz brachte. Die islamistischen Anschläge von 2001 waren von Afghanistan aus koordiniert und lösten den großangelegten NATO-Militäreinsatz unter US-Führung aus. Die Taliban, die weite Teile des Landes beherrschten, sollten von der Macht vertrieben werden, Afghanistan nicht länger ein Rückzugsort terroristischer Netzwerke sein.

Indien befürchtet Einnahme Kabuls

20 Jahre danach versuchen die Taliban zurückzukehren. Sie nutzen das Machtvakuum, das die abziehenden NATO-Truppen hinterlassen. Die US-Regierung ist beunruhigt. Die Ausweitung der Gewalt durch die Taliban mache es schwierig, Frieden herzustellen, sagte der Kommandeur der US-Streitkräfte in Afghanistan, General Scott Miller, in einem Interview gegenüber Tolonews, einem afghanischen Nachrichtensender. Miller kündigte an, dass "die Koalitions- oder US-Luftstreitkräfte die afghanischen Armee weiter bei Angriffen unterstützen und - wenn nötig - auch verteidigen werden". Noch sind US-Truppen im Land. 

In Indiens Regierungskreisen hält man es sogar für möglich, dass die Taliban nach Abzug der NATO-Truppen die Hauptstadt Kabul einnehmen. Das würde Indiens Investitions- und Entwicklungsprojekte in Afghanistan zunichtemachen. Die gibt es in allen Provinzen des Landes.

Indien befürchtet auch, dass Flüchtlingsströme aus Afghanistan einsetzen könnten - und mit ihnen radikale Islamisten ins Land kämen. Auch der Konflikt im Dauerbrandherd Kaschmir könnte dadurch weiter angeheizt werden. In einem Bericht der Vereinten Nationen vom Januar hieß es, dass sich bis zu 500 Al-Kaida-Kämpfer in Afghanistan aufhielten und die Taliban eine enge Beziehung zu der islamistischen Extremistengruppe pflegen. Die Taliban bestreiten das.

Mitarbeiter des chinesischen Rote Kreuzes an einer Klinik in Kabul (Archivbild von 2019). | picture alliance/dpa/HPIC

Mitarbeiter des chinesischen Rote Kreuzes an einer Klinik in Kabul (Archivbild von 2019). Bild: picture alliance/dpa/HPIC

Künftige Kooperation mit China?

Neu-Delhi beobachtet auch mit Sorge, dass die afghanische Regierung sich nach neuen Sicherheitspartnern umsieht. Man wolle mit China stärker kooperieren, sagte Rahmatullah Andar, Sprecher des afghanischen Nationalen Sicherheitsrats, im Mai: "Beide Länder betrachten den Terrorismus als gemeinsame Bedrohung, wir wollen ihn gemeinsam bekämpfen."

Klar ist: Der Rückzug der NATO-Truppen aus Afghanistan dürfte geopolitische Verschiebungen zur Folge haben, sagt auch Markus Kaim von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin: "Afghanistan ist in gewisser Weise ein Vorhof von China. Es ist nicht auszuschließen, dass China aktiver als bislang wird, sobald die USA Afghanistan verlassen haben."

China lege in vielen Teilen der Welt gigantische Infrastrukturprojekte auf, um die Regionen in seinen Einflussbereich zu ziehen, betont Keim - und stellt die Frage, was der Westen dem entgegenhalten wolle.

Auch Indiens Regierung fürchtet, dass China das neu entstandene Machtvakuum nutzen und sich die Einflusssphäre Afghanistan sichern will. China hätte dann, so heißt es in Neu-Delhi, direkte Landverbindungen nach Zentralasien und Europa. Die Verbindungen der alten Seidenstraße, die von China über Afghanistan nach Russland und Europa führten, wären für China wieder offen.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell im Hörfunk am 30. Juni 2021 um 10:05 Uhr.

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Moderation 30.06.2021 • 16:08 Uhr

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