Zwei Frauen mit Kopftuch und Burka laufen über eine Straße im afghanischen Kabul. | AFP

Afghanistan unter den Taliban Erste Spuren eines neuen Alltags

Stand: 01.09.2021 08:51 Uhr

Wie ein Leben unter der Herrschaft der Taliban aussehen wird, ist für viele Menschen in Afghanistan noch unklar. Doch erste Veränderungen werden bereits spürbar - etwa in den Hörsälen der Universitäten.

Von Peter Hornung, ARD-Studio Neu Delhi

Die Amerikaner sind weg aus Kabul, die Feiern zu ihrem Abzug beendet und jetzt stellen sich die Afghaninnen und Afghanen die Frage: Wie leben in diesem neuen Land? "Was den Rückzug der Ausländer angeht", sagt der Kabuler Abdul Basit, "so will niemand Ausländer im Land haben." Die "eigenen Leute" sollten "das Sagen haben". Aber es sei sehr wichtig, Arbeitsplätze zu haben, betont Basit: "Wenn es keine Arbeitsplätze gibt, werden gebildete Menschen das Land verlassen und ins Ausland gehen."

Peter Hornung ARD-Studio Neu-Delhi

Es gebe jedoch keine Arbeitsplätze, sagt Mirza Khan aus Kabul. Deshalb seien die Menschen besorgt. "Die Taliban sollten versuchen, Arbeitsplätze zu schaffen und den Weg für Bildung zu öffnen. Im Moment gibt es keine Bildung und keine Arbeitsplätze", sagt Khan.

Getrennte Seminare für Frauen und Männer

Seit Dienstag sind zumindest die Universitäten wieder geöffnet. Ein Talibansprecher hatte erklärt, auch Frauen dürften weiter studieren.

Wie das nun aussieht, beschreibt der Universitätsdozent Sami Mahdi auf Twitter. Es herrsche ab sofort Geschlechtertrennung. Nur Frauen und alte Männer dürften weibliche Studenten unterrichten, aber davon gebe es nicht genug, als dass alle Studentinnen weitermachen könnten.

"Alle Frauen haben überall auf der Welt Rechte"

In Sachen Frauenrechte unter den Taliban machte Behishta Arghand den Frauen des Landes zunächst Hoffnung. Vor zwei Wochen, kurz nach dem Einmarsch der Taliban in Kabul, führte die Fernsehmoderatorin des Senders "TOLOnews" als erste Frau ein Interview mit einem Taliban im Studio. Sie sei überrumpelt gewesen, als der Mann plötzlich ins Studio kam und forderte, interviewt zu werden. Aber sie habe es durchgezogen. Sie sei sich bewusst gewesen, um was es gehe, sagt die 22-Jährige:

Ich habe mir gesagt: Das ist mein Abschied, aber ich werde der ganzen Welt zeigen, dass afghanische Frauen nicht zurück wollen, sondern vorwärts. Denn alle Frauen haben überall auf der Welt Rechte. Warum also haben die afghanischen Frauen in der afghanischen Gesellschaft keine Rechte?

Es war tatsächlich ihr Abschied, denn Vertrauen hat sie in die Taliban keines. Sie ist mit ihrer Familie nach Katar geflogen, hofft auf ein Visum für Kanada oder die Vereinigten Staaten.

Taliban sprechen von Frieden und Wohlstand

Die Videobotschaft von Talibansprecher Mohammad Naeem nach dem Abzug der US-Truppen macht Frauen wie Behishta Arghand keinen Mut, dass sie ihre Stellung in der Gesellschaft behalten werden.

"Wir bitten Gott, dass er uns, nachdem er uns mit einer solchen historischen Eroberung gesegnet hat, hilft, ein reines, islamisches System für unser Land und unser Volk in der Zukunft zu schaffen", sagte Naeem in dem Video. "Ein solches System, in dem alle Menschen friedlich und in Wohlstand leben können."

Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen

Doch Wohlstand ist für die meisten in Afghanistan weit weg. Kaum einer kommt im Augenblick an Geld. Die meisten Banken sind geschlossen, und vor denen, die öffnen, sind lange Schlangen. Die Händler können nichts verkaufen, den Apotheken fehlt es an Medikamenten.

Etwa 14 Millionen Menschen haben laut Welternährungsprogramm nicht genug zu essen und fliehen deshalb aus ihrer Heimat. So wie Palwasha, die mit ihrer Familie nun nahe der Grenze in einem Flüchtlingslager in Pakistan lebt: "Wegen der Kämpfe und der Taliban in unserer Gegend haben wir unsere Häuser verlassen. Wir haben nicht genug zu essen für unsere Kinder, wir machen eine schwere Zeit durch. Wir haben nur ein Bettlaken."

Doch willkommen sind sie hier nicht. Die pakistanische Regierung hat wiederholt erklärt, das Land wolle keine weiteren Flüchtlinge aus Afghanistan aufnehmen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 01. September 2021 um 06:12 Uhr.