Ein Bundeswehrsoldat (l) und ein Dolmetscher (r) sprechen nahe Kundus im Distrikt von Char Darreh mit einem Mann.  | picture alliance/dpa

Kritik von Bundeswehrsoldaten Ortskräfte schutzlos zurückgelassen?

Stand: 14.08.2021 01:05 Uhr

Tausende Afghanen halfen der Bundeswehr als Dolmetscher, Köche oder Informanten. Nach dem Abzug der Truppen müssen die Ortskräfte nun um ihr Leben fürchten. Bundeswehrsoldaten fordern schnellere Hilfe.

Von Helga Schmidt, ARD-Studio Brüssel

Es wird zusätzliche Chartermaschinen geben, das hat Bundesaußenminister Heiko Maaß versprochen. Aber werden die ausreichen, um die Ortskräfte aus Afghanistan auszufliegen - die afghanischen Helfer, die Dolmetscher und Fahrer, die Köche und Informanten, Menschen, die den Deutschen in den vergangenen Jahren geholfen haben? Das ist völlig offen.

Helga Schmidt ARD-Studio Brüssel

Die Bundesregierung habe viel zu spät reagiert auf die Gefahr, in der die Ortskräfte stecken. Dieser Vorwurf kommt aus der Bundeswehr. "Ich kritisiere am deutschen Umgang mit den Ortkräften, dass wir erst unsere eigenen Sachen gepackt haben, weggeflogen sind - und dann noch Ortskräfte im Land hatten", sagt Hauptmann Marcus Grotian. "Das hätten wir vorher regeln sollen."

Grotian war selbst in Afghanistan stationiert, in Kundus. Er hat das Patenschaftsnetzwerk für Afghanische Ortskräfte gegründet, will denen helfen, die vorher den Deutschen geholfen haben. Grotian und seine Mitstreiter organisieren auf eigene Faust die Hilfe für die Ortskräfte - und das gefällt nicht jedem in der Bundeswehr.

Die Niederlande als Vorbild

Es könne jetzt um Stunden gehen, weil die Bundesregierung viel zu bürokratisch handele, sagt Grotian. Andere NATO-Länder hätten das professioneller gemacht, die Niederlande zum Beispiel.

Und um das zu beweisen, nennt der Bundeswehr-Hauptmann sogar einen konkreten Fall: "Achmat Sultani ist ein Dolmetscher, der für die Bundeswehr und Deutschland zehn Jahre gearbeitet hat und in der Zwischenzeit auch mal für die Niederlande. Der ist mittlerweile in Amsterdam gelandet, mit einem bezahlten Flug", berichtet Grotian. "Das ist also ein Beispiel, wie Ortskräfte in anderen Ländern ihre Dankbarkeit ausgezahlt bekommen, indem sie in Sicherheit gebracht werden."

Kramp-Karrenbauer kritisiert afghanische Behörden

Die Niederlande helfen schneller als die Deutschen - nicht nur das hat für öffentliche Kritik an der abwartenden Haltung der Bundesregierung gesorgt. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer wies das Anfang der Woche zurück. Sie schob die Verantwortung auf die afghanischen Behörden, diese würden nicht die nötigen Reisepässe ausstellen. Allerdings stellt sich die Frage, warum andere NATO-Länder ihren Ortskräften besser helfen konnten.

"Wir sehen bei den Amerikanern und auch bei den Engländern den Niederländern, dass die teilweise schneller reagiert haben", sagt Bundeswehr-Hauptmann Grotian. Er hält ständig Kontakt nach Kabul - zu den sogenannten Safe Houses. Das sind Fluchthäuser, in denen afghanische Ortskräfte Schutz vor den Islamisten finden. Das Geld für die Fluchthäuser kommt aus Spenden in Deutschland.

"Es ist unfassbar viel Zeit verloren gegangen"

Dass die afghanischen Helfer von den Islamisten als Verräter eingestuft würden, das weiß man seit Langem. Auch dass die Taliban nach dem Abzug der internationalen Truppen weite Landesteile einnehmen würden, war keine Überraschung, allenfalls das Tempo - darauf weist Hannah Neumann hin. Sie ist Friedens- und Konfliktforscherin und seit 2019 auch Abgeordnete im Europaparlament.

"Und jetzt wacht die Bundesregierung auf und überlegt sich, dass sie die Ortskräfte vielleicht doch holt. Es ist unfassbar viel Zeit verloren gegangen", sagt Neumann. "Man hat unfassbar bürokratische Vorgänge aufgebaut. Und ich befürchte, dass es für einzelne der Ortskräfte jetzt einfach zu spät sein wird. Und auch das sind unsere deutschen Toten in Afghanistan."

Sorge vor Auswirkungen auf andere Einsätze

Die Grünen-Politikerin hat Erfahrung mit UN-Missionen und kennt die besondere Schutzbedürftigkeit der Ortskräfte. Das Vertrauen dieser Menschen sei immer zentral, sagt sie - sie müssten sich darauf verlassen können, dass ein Land wie Deutschland sie nicht im Stich lässt.

"Die jetzt so im Stich zu lassen, hinterlässt viel Enttäuschung und verbrannte Erde in Afghanistan", sagt Neumann. "Macht uns aber auch, wenn wir als Deutsche in der Zukunft in andere Missionen gehen, auch sehr einsam."

Problematische Folgen könnte das in anderen Einsätzen haben. In Mali zum Beispiel. In dem afrikanischen Land befinden sich im Moment rund 900 Soldaten und Soldatinnen der Bundeswehr in einem internationalen Blauhelm-Einsatz gegen Islamisten. Und dabei sind sie angewiesen auf Ortskräfte, die immer in Gefahr sind, dass die Islamisten sie als Verräter ansehen. Da wird sich mancher überlegen, ob er für das deutsche Kontingent arbeiten will.

1800 Ortskräfte bereits ausgeflogen

"In den USA, die natürlich mehr Erfahrung haben mit derartigen Auslandseinsätzen, ist die Politik ganz klar: Wer für uns gearbeitet hat, den bringen wir auch in Sicherheit, wenn wir rausgehen", sagt Neumann. "In Deutschland war der Ansatz offenbar: Bloß nicht einen mehr als nötig. Und deswegen sitzen wir jetzt da, wo wir sitzen. Dass wir hektisch versuchen, alle rauszukriegen - was eigentlich schon zu spät ist."

Nach Angaben des Bundesverteidigungsministeriums konnten inzwischen rund 1800 afghanische Ortskräfte ausgeflogen werden. Aber das reiche nicht aus, sagt die Europaabgeordnete Neumann. Mindestens 1500 weitere Ortskräfte seien enorm gefährdet - und ihre Familien auch.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 13. August 2021 um 17:00 Uhr.