Menschen in Kundus inspizieren die Trümmer von Geschäften | dpa

Umgang mit afghanischen Helfern "Die Bundesregierung hat versagt"

Stand: 09.08.2021 07:26 Uhr

Angesichts des Taliban-Vormarsches in Afghanistan wächst die Kritik am Umgang der Bundesregierung mit Ortskräften. Diesen werde zu zögerlich geholfen, heißt es aus Zivilgesellschaft und Politik. Gestern hatten die Taliban Kundus erobert.

Mit der sich verschlechternden Sicherheitslage in Afghanistan wächst auch die Kritik am Umgang der Bundesregierung mit ihren dortigen einheimischen Helfern. Bis zum Ende ihres Einsatzes im Land war vor allem die Bundeswehr auf Unterstützung sogenannter Ortskräfte angewiesen, die durch den Vormarsch der Taliban nun um ihr Leben und das ihrer Angehörigen fürchten.

"Moralischer Kompass völlig verloren gegangen"

Der Regierung sei der "moralische Kompass völlig verloren gegangen", sagte der Vorsitzende des Patenschaftsnetzwerks Afghanischer Ortskräfte, Marcus Grotian, der "Süddeutschen Zeitung". Die selbst zu organisierenden Ausreiseverfahren zögen sich in die Länge.

Der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses im Bundestag, Wolfgang Hellmich, sagte der Zeitung: "Was ist denn das für eine irrwitzige Vorstellung, dass sich die Familien auf den Weg machen, das Verfahren bewältigen und sich selbst die Flüge buchen? Wenn ich auf die Karte schaue, sehe ich, wie die Taliban die Städte einkesseln", sagte der SPD-Politiker. Das Verfahren sei zu bürokratisch. Grünen-Fraktionsvize Agnieszka Brugger sagte: "Die Bundesregierung hat dabei versagt, allen Ortskräften in Afghanistan umfassend, sicher und schnell zu helfen.

Vor zweieinhalb Wochen hatte Kanzlerin Angela Merkel mehr Unterstützung für die Ortskräfte in Aussicht gestellt und unter anderem Charterflüge ins Gespräch gebracht, um Helfer mit ihren Familien auszufliegen. Dem Bericht zufolge haben nach Angaben des Innenministeriums bisher 471 Ortskräfte mit ihren Angehörigen fertige Reisedokumente - insgesamt 2851. Mit Stand Donnerstag sind 1796 nach Deutschland gekommen, davon 296 ehemalige Ortskräfte.

Taliban erobern Kundus

Unterdessen setzen die militant-islamistischen Taliban ihre Offensive im Land fort. Am Sonntag nahmen sie die Provinzhauptstadt Kundus im Norden des Landes ein. Die Stadt sei nach heftigen Kämpfen gefallen, bestätigten drei Provinzräte der Nachrichtenagentur dpa.

Kundus wurde seit Langem von Taliban-Kämpfern belagert. In den vergangenen zwei Tagen hätten die Islamisten ihre Angriffe intensiviert, sagten die Provinzräte. Abgesehen von einer Militärbasis rund drei Kilometer vom Stadtzentrum und dem Flughafen kontrollierten die Taliban nun die ganze Stadt. Sie hätten die wichtigsten Regierungseinrichtungen in Kundus übernommen. Die Menschen hätten weder Wasser noch Essen und hielten sich in ihren Häusern versteckt.

Bundeswehr jahrelang in der Stadt stationiert

In Deutschland ist Kundus vor allem bekannt, weil die Bundeswehr jahrelang in der Nähe ein großes Feldlager hatte. Nirgendwo in Afghanistan fielen mehr Deutsche als in Kundus und der Nachbarprovinz Baghlan. Im Vorjahr waren im "Camp Pamir" noch etwa 100 deutsche Soldaten stationiert. In genau diese Militärbasis in der Nähe des Flughafens, die jetzt das 217. afghanische Armeekorps beherbergt, hätten sich nun Sicherheitskräfte und Regierungsvertreter zurückgezogen, sagte Provinzrat Amruddin Wali.

Der Verlust von Kundus wiegt für Afghanistans Regierung schwer. Die Stadt ist ein wichtiges Handelszentrum nahe der Grenze zum Nachbarland Tadschikistan. Die Taliban hatten sie bereits 2015 und 2016 kurzzeitig eingenommen. Beide Male wurden die Islamisten mit US-Luftangriffen zurückgedrängt.

Karte von Afghanistan mit den Städten

Von den Taliban eroberte Provinzhauptstädte in Afghanistan

Zwei weitere Provinzhauptstädte erobert

Zudem eroberten die Taliban zwei weitere Provinzhauptstädte im Norden Afghanistans. Die Extremisten hätten Talokan überrannt, die Hauptstadt der Provinz Tachar im Norden des Landes, erklärten zwei Abgeordnete aus der Region. Nach einer vierwöchigen Belagerung hatten die Taliban bereits zuvor Teile der Stadt unter ihre Kontrolle gebracht.

Auch Sar-i Pul in der gleichnamigen Provinz fiel den Provinzräten zufolge an die Islamisten. Demnach haben die Taliban auch dort die wichtigsten Regierungsgebäude unter ihrer Kontrolle. Alle Vertreter der Regierung hätten sich in eine Militärbasis rund einen Kilometer vom Zentrum der Stadt mit etwa 180.000 Einwohnern zurückgezogen, die belagert sei. Die Taliban feuerten Mörsergranaten auf die Basis.

Am Freitag war bereits die kleine Provinzhauptstadt Sarandsch an der iranischen Grenze praktisch kampflos an die Taliban gefallen. Am Samstag folgte die Stadt Schiberghan im Norden. Somit sind binnen drei Tagen fünf Provinzhauptstädte im Land von den Taliban überrannt worden.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 08. August 2021 um 10:00 Uhr.

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KOMMENTARE

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Koblenz 09.08.2021 • 14:32 Uhr

10.30 Der Lenz

Ja da hat es funktioniert . Weil die Realitäten wahr genommen wurden und kein göttlicher Glaube in den Köpfen der befreienden und der Besatzer war .