Mitglieder der afghanischen Minderheit der Hazara auf einer Versammlung in Kandahar | AFP
Reportage

Afghanistan Der Exodus der Hazara

Stand: 21.12.2021 06:53 Uhr

Die Minderheit der Hazara in Afghanistan sieht sich in einer verzweifelten Lage. Der IS droht mit ihrer Vernichtung, und das Vertrauen auf den Schutz durch die Taliban ist gering. Viele Familien sitzen auf gepackten Koffern.

Von Sibylle Licht, ARD-Studio Neu-Delhi

Leibesvisitation vor dem Eingang der Al-Rasur-Moschee in Kandahar, im Süden Afghanistans. Die Moschee gehört zur Hazara-Gemeinde, der größten religiösen und ethnischen Minderheit Afghanistans. Die Wachen am Eingang bezahlt die Gemeinde selbst.  

Sibylle Licht ARD-Studio Neu-Delhi

"Die Menschen haben Angst. Das ist der Hauptgrund, warum unsere religiösen und sozialen Zentren anders als früher aussehen. In einigen Moscheen wurden die Gottesdienste ganz eingestellt", sagt der Imam der Moschee, Noor Ali Jafari. Zum Abendgebet aber kommen an diesem Tag nur noch ein Drittel der Gläubigen.

Abendgebet in der Al-Rasur Moschee in Kandahar, nur ein Drittel der Gemeinde nimmt noch teil. | Sibylle Licht

Die Zahl der Gläubigen wird weniger: An diesem Abendgebet in der Al-Rasur Moschee nehmen längst nicht so viele Hazara teil wie früher. Bild: Sibylle Licht

Der Terror hört nicht auf

Die Hazara-Gemeinden in Afghanistan wurden jahrzehntelang von Taliban und dem sogenannten Islamischen Staat (IS) verfolgt. Nun herrschen die Taliban wieder im Land, und der Terror des IS geht weiter. Zuletzt gab es am 15. Oktober auf die Hazara-Gemeinde in der Bibi Fatima Moschee von Kandahar einen Selbstmordanschlag. 45 Menschen starben. Der IS veröffentlichte danach ein Statement, in dem er die Tat für sich reklamierte und damit drohte, alle Hazara zu verfolgen, wo immer sie sich aufhalten.

Baridad Razayee ist das geistliche Oberhaupt der Hazara-Gemeinden Kandahars. Er verlor bei dem Attentat seine Schwester und forderte als Konsequenz für seine Gemeinden Schutz an - bei den Taliban. Er habe keine Wahl, er müsse mit ihnen kooperieren.

"Sie kontrollieren mit Hilfe ihres Geheimdienstes jetzt die Sicherheitslage. Auf der Rückseite der Bibi Fatima Moschee haben sie einen Checkpoint eingerichtet. Von dort aus wird tagsüber die Umgebung überwacht. In der Nacht patrouillieren die Taliban im Viertel um die Moschee." Der Schutz aber gilt nur dieser einen Moschee der Hazara-Gemeinde. 

Verstecken und fliehen

Mittlerweile hat der IS in Kandahar einen eigenen Gouverneur ausgerufen, ausgerechnet in der einstigen Taliban-Hochburg. Eine Kampfansage an die Taliban - die die Angst der Hazara noch verstärkt.

"Die Menschen wandern aus", sagt Imam Jafari. "Sie fürchten um ihr Leben und das ihrer Familien. Sie lassen auch ihre Kinder nicht mehr zur Schule gehen, nicht einmal in die Madrassa zum Islamunterricht." Eine genaue Zahl der Geflüchteten hat er nicht.

Warten auf die Pässe

Najibullah, ein Mann Ende 30, ist zum Abendgebet in die kleine Al-Raur-Moschee gekommen. Auch er sagt, fast die gesamte Gemeinde in Kandahar sitze inzwischen auf gepackten Koffern. Er wisse von 50 Familie, die allein im Januar das Land verlassen wollten: "Sie warten auf ihre Pässe. Meine Verwandten haben mich heute Morgen darüber informiert, dass auch sie gehen wollen. Das allein sind etwa 70 bis 80 Personen. Alle wollen in den Iran gehen."

Eine Straßenecke weiter verkauft Mohammad Nazar einen Teil seines Hausrats. Neben ihm steht seine kleine Tochter, ohne Schuhe, bei 14 Grad Außentemperatur. Er habe für die Regierung gearbeitet, später als Taxifahrer. Ein Geschäft in dem Laden gegenüber aufzumachen, das sei sein Ziel gewesen. Doch die Leute hätten kein Geld mehr. Jetzt verkauft auch er auf der Straße den Hausrat der Familie, um überhaupt noch über die Runden zu kommen. Auch er würde gern Afghanistan verlassen. Doch ihm fehlen die Mittel.

Imam Baridad, Razayee, geistliches Oberhaupt der Hazara Gemeinden in Kandahar. | Sibylle Licht

Imam Razayee sieht schwere Zeiten auf die Hazara zukommen. Bild: Sibylle Licht

Tief sitzendes Misstrauen

Das geistliche Oberhaupt Baridad Razayee sieht seine Gemeinde auseinanderbrechen. Auch wenn die Taliban versprochen hätten, dass sie nicht mehr gegen religiöse oder ethnische Minderheiten vorgehen wollten, glaube das ihnen keiner hier.

Gegen den Hass und die Gewalt predigen sie in ihren Moscheen, dazu haben sich die die Hazara-Imame von Kandahar zusammengesetzt. "Wir sprechen in den Moscheen darüber, dass es eine Einheit zwischen uns Glaubensbrüdern geben muss. Wer dagegen ist, wird nicht länger von uns akzeptiert", sagt Baridad Razayee. "Unser gemeinsamer Feind ist der IS."

Die Imame wollen den Exodus der Hazara-Gemeinden aus Afghanistan aufhalten. Doch immer mehr Familien wollen sich auf den Weg machen. Seit Wochenbeginn stellen die Taliban wieder Pässe aus. Kurz nach dieser Bekanntgabe bildeten sich lange Schlangen vor den Ausgabestellen überall im Land.             

Wachposten vor der Al-Rasur Moschee in Kandahar. | Sibylle Licht

Gebet nur noch unter Schutz: Vor der Al-Rasur Moschee wacht ein Posten über den friedlichen Ablauf des religiösen Lebens. Doch längst nicht jede Moschee der Hazara wird bewacht. Bild: Sibylle Licht

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 21. Dezember 2021 um 06:29 Uhr.