Mauer an der türkisch-iranischen Grenze (Archivbild) | EPA

Flucht aus Afghanistan Die Türkei macht die Grenze dicht

Stand: 01.09.2021 11:20 Uhr

Die Türkei ist zwar kein Nachbarland aber seit Jahren Ziel von Afghanen, die ihre Heimat verlassen. Doch nun schottet sich die türkische Regierung ab, denn die Geflüchteten sind nicht mehr willkommen.

Von Christian Buttkereit, ARD-Studio Istanbul

Im Frühsommer versuchten täglich etwa 1000 Menschen die Grenze zur Osttürkei zu überwinden, die meisten von ihnen Afghanen. Bereits zuvor hatte die Türkei begonnen, ihre mehr als 500 Kilometer lange Grenze zum Iran besser zu sichern. Angesichts einer erwarteten Flüchtlingswelle nach der Machtübernahme der Taliban wurde der Bau einer fast 300 Kilometer langen Grenzmauer beschleunigt. Rund die Hälfte ist nach Regierungsangaben bereits fertig.

Christian Buttkereit ARD-Studio Istanbul

Dort, wo die Grenzmauer schon steht, wie etwa bei Caldiran in der Provinz Van, patrouillieren schwere gepanzerte Fahrzeuge entlang der drei Meter hohen Absicherung aus Beton. Alle zwei Kilometer gibt es einen Wachturm, erklärt ein Grenzschützer, der das aber nicht ins Mikrofon sagen darf. Wo es für eine Mauer zu gebirgig ist, sollen Wärmebildkameras und Drohnen helfen, illegale Einwanderer und deren Schleuser aufzuspüren.

Bis zu 1500 US-Dollar für den Weg in die Türkei

Bisher war es relativ einfach, Migranten von der iranischen auf die türkische Seite zu bringen, sagt einer der Menschenschmuggler, der sich gemeinsam mit einigen afghanischen Frauen und Männern in einem Haus in der Provinzstadt Van versteckt. "Die iranischen Polizisten nehmen Geld von uns", erklärt er. "Wir bezahlen sie, damit die Leute über die Grenze können. In der Türkei nehmen manche Polizisten Geld - manche aber nicht und schicken die Leute zurück. Wir schicken sie dann erneut über die Grenze, irgendwann klappt es schon."

Vor allem im Frühsommer sei das Geschäft gut gelaufen. Im Gegensatz zu den westlichen Regierungen ahnten damals offenbar schon viele Afghanen, dass eine Machtübernahme durch die Taliban früher als später erfolgen könnte. Damals habe die Zahl der Flüchtlinge extrem zugenommen, sagt der vermummte Mann. Er und seine Kollegen wären da kaum noch hinterhergekommen. Reich sei er dabei allerdings nicht geworden. Pro Familie, die über die Grenze gebracht wird, würde er nur etwa 100 US-Dollar verdienen. Zahlen müssen die Flüchtlinge ein Vielfaches. Insider sprechen von 1000 bis 1500 US-Dollar für die Strecke Afghanistan - Istanbul, auch um Grenzbeamte zu bestechen.

Iran will Flüchtlinge an Grenzübergängen sammeln

Das hat auch dem jungen Afghanen Davut und seiner Familie den Grenzübertritt ermöglicht. Nach einer beschwerlichen und gefährlichen Reise zu Fuß und in Lieferwagen ging es zunächst in ein Bergdorf im Grenzgebiet. "Gegen ein Uhr nachts haben sie uns aus der Unterkunft geholt und gesagt: 'Los, es geht weiter'. Der Fahrer ist wie verrückt gefahren und hat einen Unfall gebaut. Dann haben sie uns einfach ausgesetzt und gesagt, wir müssen jetzt weiterlaufen, sie sammeln uns dann irgendwann wieder ein."

Damit ist es nun offiziell vorbei. Das iranische Innenministerium wies die Grenzschützer an, niemanden mehr in die Türkei zu lassen. Stattdessen sollten Flüchtende aus Afghanistan in Pufferzonen an drei Grenzübergängen gesammelt und versorgt werden. Von dort könnten sie auch leichter in ihr Heimatland zurückkehren, so ein Sprecher des Innenministeriums.

Das könnte ein Grund sein, warum derzeit kaum Flüchtlinge aus Afghanistan auf dem Landweg über den Iran in der Türkei ankommen. Türkische Grenzschützer in der Provinz Van sagen, noch vor wenigen Wochen hätten sie in manchen Nächten mehr als 1000 Migranten aufgespürt, jetzt seien es manchmal nur sechs oder sieben - oder auch keiner.

Ein Kind steht vor einem Spielplatz im Abschiebezentrum in Van (Archivbild) | EPA

Geflüchtete, die an der Grenze zum Iran aufgegriffen werden, werden im Abschiebezentrum in Van untergebracht. Bild: EPA

Beschwerliche Flucht vor den Taliban

Das sei der Mauer zu verdanken, sagt einer der Grenzschützer. Und den Taliban, die Afghanen nicht mehr außer Landes ließen. Es kann aber auch an der Entfernung liegen. Der türkische Migrationsforscher Orhan Deniz von der Yüzüncü Yil Universität in Van schätzt, dass die Flüchtenden etwa 15 bis 20 Tage brauchen, um die fast 2000 Kilometer lange Strecke zwischen der afghanischen und der türkischen Grenze zurückzulegen.

Die 19-jährige Süreyya hat Afghanistan vor drei Monaten gemeinsam mit ihrer Schwester und ihren Neffen und Nichten verlassen. Zunächst nach Pakistan, dann durch den Iran und schließlich in die Türkei. "Es gibt keine Sicherheit in Afghanistan", sagt sie. "Und die Lebensbedingungen sind schlecht, vor allem für uns Frauen."

Die Taliban seien noch nicht in ihrem Dorf in der Provinz Herat angekommen, aber sie seien sehr nahe gewesen, sagt Süreyya. Sie ist ledig und hat im dritten Semester Physik studiert. Der Mann ihrer Schwester sei bei einem Bombenanschlag ums Leben gekommen. Für die beiden Frauen mit den fünf Kindern sei Flucht in die Türkei sehr beschwerlich gewesen. "Wir mussten sehr viel laufen, bergauf und bergab. Es gab manchmal nichts zu Essen und kein Wasser."

Süreyya und ihre Begleiter wurden von türkischen Grenzschützern aufgegriffen. Mittlerweile sitzen sie seit 17 Tagen in Van in einem von landesweit 25 Abschiebezentren - mit einem sechs Meter hohen Zaun, vergitterten Fenstern und stählernen Zellentüren nichts anderes als ein Gefängnis, co-finanziert von der Europäischen Union.

Afghanen haben keinen Schutzstatus

Bis vor kurzem wurden die Geflüchteten von hier schnell abgeschoben. Doch das geht im Fall von Afghanistan zurzeit nicht. Noch sei reichlich Platz, sagt der Direktor des Abschiebezentrums, man habe eine Kapazität für 750 Menschen. Wie viele im Moment dort sind, will er nicht sagen. Augenscheinlich aber nicht besonders viele.

Wie lange Süreyya und die anderen dort bleiben müssen, ist ungewiss. Die junge Frau sagt, zurück nach Afghanistan wolle sie auf keinen Fall. "Wir sind dem Krieg entkommen und wir wünschen uns nichts mehr als ein sicheres Leben. Von mir aus ein einfaches Leben, aber ein sicherer Platz für meine Schwester, meine Nichten und Neffen und mich."

Von ihr aus auch in der Türkei, sagt Süreyya und zupft ihr Kopftuch zurecht. Dabei stehen afghanische Flüchtlinge dort vor einer extrem ungewissen Zukunft. Der türkische Staat gewährt Afghanen keinerlei Schutzstatus, wie etwa den syrischen Flüchtlingen, sagt Resul Demir, Vorsitzender der Refugees Rights Association in Istanbul.

Einsatzkräfte stürmen das Versteck von Flüchtlingen in der türkischen Grenzstadt Van (Archivbild) | EPA

Regelmäßig durchsuchen Spezialeinsatzkräfte mögliche Verstecke in der Grenzstadt Van. Bild: EPA

Behörden verschärfen Kontrollen

Mohammed war vor vier Jahren aus seinem Dorf im Bezirk Masar-i-Scharif geflohen, dort wo auch die Bundeswehr stationiert war. Schon damals wollten die Taliban ihn und andere junge Männer rekrutieren. Erst verbrachte er zwei Jahre im Iran, heute lebt er in Gölcük, etwa 80 Kilometer östlich von Istanbul. Die geräumige Wohnung im obersten Stockwerk eines Mehrfamilienhauses teilt sich der 23-Jährige mit drei anderen jungen Afghanen. Aus dem offenen Wohnzimmerfenster ist in einiger Entfernung sogar das Meer zu sehen.

Mohammed arbeitet in einer Backstube, verdient mehr als den türkischen Mindestlohn und hatte sogar eine Aufenthaltserlaubnis bekommen. Nun verlängerten die türkischen Behörden seine Aufenthaltserlaubnis nicht. Er ist plötzlich illegal: "Ich bewege mich nur noch zwischen Arbeit und zu Hause. Dabei versuche ich unterschiedliche Wege zu benutzen und der Polizei auszuweichen. Denn wenn ich kontrolliert werde und keine gültigen Papiere haben, können sie mich sofort ausweisen. Einem meiner Freunde ist das passiert."

Nicht nur an der Grenze sondern auch in den Städten gehen die türkischen Behörden verschärft gegen illegale Einwanderer vor. Bei Razzien in Istanbul nahm die Polizei nach Angaben des Gouverneurs innerhalb eines Tages fast 550 Zuwanderer ohne gültige Papiere in Gewahrsam, darunter 167 Afghanen. In den ersten sieben Monaten dieses Jahres wurden fast 36.000 Afghanen in der Türkei festgenommen. Fast die Hälfte von ihnen wurde abgeschoben. 

Hetzjagden auf Migranten, Erdogan unter Druck

Damit reagiert die Regierung auch auf eine zunehmend fremdenfeindliche Stimmung in der türkischen Bevölkerung. Teile der Opposition greifen das auf. Kemal Kilicdaroglu, Vorsitzender der größten Oppositionspartei CHP, kündigte an, im Falle eines Sieges seiner Partei bei den nächsten Wahlen alle Flüchtlinge binnen zwei Jahren nach Hause zu schicken. Kurz nach dieser Äußerung kam es zu einer Hetzjagd auf Migranten in einem Stadtteil von Ankara. 

Auch in der Partei von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan nehmen Ressentiments gegen Migranten zu. Nach einer aktuellen Umfrage sehen 70 Prozent der AKP-Anhänger Flüchtlinge als Problem. Sie werfen der Regierung vor, zu viele Flüchtlinge ins Land gelassen zu haben, vor allem Syrer. Das könnte ausschlaggebend bei den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen in zwei Jahren sein.

Erdogan ist ein Getriebener der eigenen Flüchtlingspolitik. Einerseits versucht er, den bisherigen Kurs zu verteidigen und ihn andererseits radikal zu ändern: "Uns ist durchaus klar, dass die Welle irregulärer Flüchtlinge Unruhe und Sorge hervorruft", sagt er. "Dennoch gibt es wohl kein anderes Land auf der Welt, dass gemessen an der Zahl aufgenommener Flüchtlinge eine so geringe Kriminalität aufweist. Dass die Opposition aus einzelnen Fällen politisch Profit schlagen will, ist hinterlistig und gefährlich."

Der Präsident ärgert sich vor allem über Oppositionsführer Kilicdaroglu, der ihn in der Flüchtlingsfrage vor sich hertreibt. Wohlwissend um die Not in Afghanistan polemisiert Kilicdaroglu gegen die Gespräche zwischen der EU und der Türkei über eine Neuauflage des Flüchtlingspakts: "Sollen wir die ganze Last tragen, damit die Herrschaften in Europa sich wohl fühlen? Sollen wir sagen: Gebt uns etwas Geld und wir tragen die ganze Last? Nein, eher sollten wir ihnen Geld geben und sie tragen die Last."

Der Preis für die EU könnte hoch sein

Der Druck zeigt Wirkung. Auch bei der Regierung ist die Bereitschaft, mehr Flüchtlinge aufzunehmen, auf einem Tiefpunkt. Glaubt man Erdogan, dann auch nicht für Geld und gute Worte. Der Staat sei vor allem für die Sicherheit und den Wohlstand der eigenen Bürger verantwortlich, sagte Erdogan in einer Rede vor Botschaftern und ergänzte, dass die Türkei bereits mehr als fünf Millionen Flüchtlinge beherberge und sich eine zusätzliche Migrationslast aus Syrien oder Afghanistan nicht leisten könne.

Mit anderen Worten: Will die EU mit der Türkei einen neuen Flüchtlingsdeal abschließen, der auch die Afghanen einschließt, dann dürfte der Preis dafür extrem hoch sein. Mit ihrer Forderung nach mehr Geld für Flüchtlinge, einer Ausweitung der Zollunion und der Visafreiheit für Türken in der EU dürfte Ankara dann leichtes Spiel haben, sollten tatsächlich viele Afghanen an die türkische Grenzen drängen.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 01. September 2021 um 10:36 Uhr.