Männer tragen eines der Anschlagsopfer von Kabul zu Grabe. | EPA

Anschlag in Kabul Mädchen als Ziel von Terroristen

Stand: 09.05.2021 09:57 Uhr

In Kabul werden die zumeist weiblichen Opfer des gestrigen Anschlags auf eine Schule beigesetzt. Die Zahl der Toten wird inzwischen mit 50 angegeben. Ziel der Terroristen war offenbar eine Minderheit.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Südasien

Das Wazir-Akbar-Khan-Krankenhaus in Kabul: Fast auf jedem Bett liegt ein junges Mädchen. Verbände sind um ihre Köpfe, Arme oder Beine gebunden.

Eine Krankenschwester wischt der Schülerin Zahra noch schnell das Blut vom Gesicht, bevor das Mädchen der Nachrichtenagentur AP ein Interview gibt: "Ich bin mit meinen Klassenkameradinnen gerade aus der Schule raus, als wir plötzlich einen lauten Knall gehört haben. Meine Freundin ist ums Leben gekommen. Zehn Minuten später wieder eine Bombe, dann noch eine. Alle haben geschrien, überall war Blut."

"Es sind so viele Opfer"

Die Schule im Westen Kabuls wird von Jungen und Mädchen besucht. Am Nachmittag würden vor allem Schülerinnen unterrichtet, sagt Mohammad Baqir, der gleich nebenan wohnt: "Es sind so viele Opfer, die meisten sind Mädchen. Überall lagen sie hier auf dem Boden, verletzt oder tot. Bei einigen Körpern war nicht einmal mehr der Kopf vorhanden."

Inzwischen liegen nur noch Hefte, Rucksäcke und Turnschuhe voller Blut auf der Straße. 

Nach dem Anschlag vom Samstag trauern die Menschen in Kabul um die Getöteten. | EPA

Nach dem Anschlag vom Samstag trauern die Menschen in Kabul um die Getöteten. Bild: EPA

Minderheit im Visier der Terroristen?

Die Schule im Westen der afghanischen Hauptstadt liegt in einem Viertel, in dem vor allem Hasara leben. Sie gehören zur schiitischen Minderheit in Afghanistan. Die Hasara sind häufig Opfer von Anschlägen.

Im vergangenen Jahr hatte vor allem die Terrororganisation "Islamischer Staat" zahlreiche Anschläge auf diese Minderheit in Afghanistan verübt. Sunnitische Extremisten wie die Mitglieder der IS-Terrormiliz bekämpfen Schiiten als Abtrünnige.

Ghani sieht Mitschuld der Taliban

Zu dem aktuellen Anschlag hat sich noch niemand bekannt. Die Taliban verurteilten die Attacke und distanzierten sich von der Tat.

Präsident Ashraf Ghani macht sie aber für die aktuelle Gewalt im Land verantwortlich. "Die Taliban intensivieren die Gewalt und beweisen damit, dass sie kein Interesse an einem Frieden im Land haben," schreibt der Präsident in einem Statement.

In Kabul gab es einige Monate lang keine größeren Bombenanschläge mehr, seitdem die Taliban mit den USA im Vorjahr ein Abkommen unterzeichnet hatten. Stattdessen wurden gezielt Politiker, Geistliche sowie Intellektuelle getötet. 

Abzug internationaler Truppen läuft

Eigentlich gilt in Kabul seit Anfang des Monats die höchste Alarmstufe. Viele Stiftungen und internationale Organisationen haben ihre ausländischen Mitarbeiter gerade abgezogen, weil sich die NATO aus Afghanistan zurückzieht. Offizieller Beginn des Abzugs war der 1. Mai. Viele befürchten, dass die Sicherheitslage in Afghanistan wegen des Abzugs der internationalen Truppen noch schlechter werden könnte.

Erst vor einer Woche noch hatten junge Mädchen in Kabul protestiert, weil die Ausbildung an ihren Schulen zu schlecht sei. "Die Zukunft gehört uns, wenn ihr uns lasst", stand auf einem ihrer Plakate.

Bis zum 11. September wollen die internationalen Truppen das Land verlassen. Viele befürchten, dass es dann zu einem Bürgerkrieg kommen könnte. Oder dass die Taliban wieder an die Macht kommen - Bildung für Mädchen würde dann vielleicht gar nicht mehr stattfinden.

Dieser Beitrag lief am 09. Mai 2021 um 12:09 Uhr im MDR Aktuell Radio.