Eine Delegation der Taliban bei einer Friedenskonferenz in Moskau | AP
Interview

US-Abzug aus Afghanistan "Auch die Taliban müssen sich gut stellen"

Stand: 01.05.2021 03:44 Uhr

Die US-Truppen verlassen Afghanistan. Hilfsorganisationen bangen nun vor allem um die Folgen für Frauen und Mädchen im Land. Caritas-Vertreter Recker in Kabul sagt aber auch: Möglicherweise agieren die Taliban langfristig gemäßigter.

tagesschau.de: Was bedeutet für Sie und die Hilfsorganisationen der Abzug der US-Truppen aus Afghanistan?

Stefan Recker: Zunächst einmal wenig, denn wir haben mit dem Militär nicht viel zu tun. Wir befürchten aber eine Verschärfung der Sicherheitslage.

Stefan Recker | Stefan Recker
Zur Person

Stefan Recker leitet seit 2014 die Vertretung von Caritas international in der afghanischen Hauptstadt Kabul. Der 57-Jährige kennt das Land wie nur wenige - insgesamt hat er seit 1995 mehr als 15 Jahre in dem Land gelebt und gearbeitet.

"Arbeiten unter jeder Regierung"

tagesschau.de: Welche Konsequenzen hätte es für Sie, wenn die Taliban wieder die Macht über das ganze Land übernehmen?

Recker: Unsere größte Sorge als Hilfsorganisation ist, dass Frauen künftig nicht mehr mit uns arbeiten können und dass wir keinen Zugang mehr zu hilfsbedürftigen Frauen haben werden. Ich habe aber bereits in den 1990er und in den 2000er-Jahren unter der Taliban-Herrschaft in Afghanistan gearbeitet und damals durch Verhandlungen erreicht, dass in unseren verschiedenen Teams auch Frauen arbeiten konnten - und zwar nicht nur als Ärztinnen oder Krankenschwestern. Ich erwarte, dass das auch einem künftigen Taliban-Regime oder unter einer Regierung, an der die Taliban beteiligt sind, möglich sein wird. Als Hilfsorganisation arbeiten wir im übrigen unter jeder Gegebenheit und Regierung.

In Kabul (Afghanistan) versammeln sich Frauen, um den Internationalen Tag der Frauen zu begehen | AP

Frauen versammeln sich zum 8. März in Kabul - die Feier zeigt auch, was Frauen in Afghanistan zu verlieren haben. Bild: AP

tagesschau.de: Können Sie feststellen, dass sich die Sicherheitslage in den vergangenen Monaten schon verschlechtert hat?

Recker: Ja und Nein. In den umkämpften Gebieten, wo Taliban und Regierungstruppen um die Kontrolle ringen, ist die Lage sehr schlecht, hier machen wir uns auch große Sorgen um unsere Mitarbeiter. In Kabul ist die Sicherheitslage im Wesentlichen stabil. Es gibt zwar ab und zu kleinere Anschläge, aber das ist kein Vergleich zum vergangenen Jahr. Sorge bereitet uns in Kabul derzeit mehr die Pandemie und der Gedanke, dass es im Fall eines Umsturzes zu Plünderungen kommen könnte und Rechnungen beglichen werden: Was geschieht dann mit unseren Mitarbeitern, mit unseren Büros?

Grundsätzlich waren aber Hilfsorganisationen nie das erklärte Ziel von Taliban-Angriffen - anders als Militär und Polizei. Deswegen nehme ich an, dass wir auch unter den Taliban weiter in Afghanistan arbeiten können. Auch die Taliban müssen sich mit der Bevölkerung gut stellen. Und das geht nicht ohne die Hilfsorganisationen. Keine Regierung würde es alleine schaffen, die Bevölkerung ausreichend mit Nahrungsmitteln, Trinkwasser oder Medizin zu versorgen.

Die Sorgen der Bevölkerung

tagesschau.de: Wie schaut denn die Bevölkerung auf den beginnenden Abzug?

Recker: Die Bevölkerung ist sehr enttäuscht und besorgt. In den vergangenen Jahren hat sich hier eine Zivilgesellschaft gebildet. Mädchen können zur Schule gehen, nachdem das unter den Taliban verboten war. Frauen können berufstätig sein, auch in Polizei und Armee. Auch das Pressewesen ist im Vergleich zu anderen Ländern der Region relativ frei. Viele fragen sich, was davon bleibt. Allerdings sind 70 Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig. Einem Bauern auf dem Land ist es relativ egal, wer in Kabul an der Macht ist, solange die ihn in Ruhe lassen.

Afghanische Soldaten kontrollieren an einem Checkpoint bei Kabul Durchreisende. | AFP

Kontrollen an einem Checkpoint bei Kabul: Noch ist die Lage in der Hauptstadt relativ stabil - anders als in vielen anderen Regionen Afghanistans. Bild: AFP

tagesschau.de: Ist anzunehmen, dass die Taliban zu der Politik und Herrschaftsform zurückkehren werden, die sie bis 2001 ausgeübt haben?

Recker: Es heißt, dass die heutigen Taliban anders sind als die, die 1996 die Macht eroberten. Ihre Rhetorik ist eine andere, aber das muss nicht so bleiben. Es gibt verschiedene Fraktionen bei den Taliban - es gibt Hardliner, die weiter um die Herrschaft über das Land kämpfen wolle, es gibt Gemäßigtere, die Frieden und in die Regierung wollen. Wer sich durchsetzt, ist unklar.

Wenn sie die Macht übernehmen, wird es in der ersten Zeit wahrscheinlich sehr schlimm werden. Es kann aber sein, dass sie nach einer Übergangsphase, wenn ihre Herrschaft gefestigt ist, gemäßigter agieren werden. Das haben wir gegen Ende der vorherigen Taliban-Herrschaft auch erlebt. Die Taliban erlauben Ärztinnen und Krankenschwestern, zu arbeiten. Das setzt aber voraus, dass diese vorher die Schule und auch die Hochschule besucht haben. Sie müssen also irgendwann etwas zulassen. Es hängt auch davon ab, wie stark die Regierung bleiben wird, wie stark die republikanische Opposition sein wird - und es hängt davon ab, wie die Nachbarländer ihre Interessen in Afghanistan verfolgen. Ich habe in meinen vielen Jahren in Afghanistan eines gelernt: Man kann nur eine Sache voraussehen - dass nichts voraussehbar ist.

Viele haben Grund zur Angst

tagesschau.de: Rechnen Sie mit einer neuen Fluchtwelle?

Recker: Die städtische Bevölkerung, Menschen mit Bildung, arbeitende Frauen, Vertreter der Zivilgesellschaft, Medienschaffende, Oppositionelle - sie haben Angst und sie müssen auch Angst haben. Je nach dem, wie der Regierungswechsel sich vollzieht und wie die verschiedenen Gruppen sich einigen, kann es sein, dass es zu einer neuen Fluchtbewegung kommt - in die Nachbarstaaten, aber auch darüber hinaus.

tagesschau.de: Was erwarten Sie von der internationalen Staatengemeinschaft?

Recker: Zunächst einmal gibt es ja geltende Verträge auf Regierungsebene, die weiter laufen werden. Hier werden zugesagte Mittel wohl weiterhin fließen, und das ist richtig so. Als Hilfsorganisation hoffen wir natürlich auf mehr finanzielle Mittel, um unsere Arbeit fortsetzen und ausweiten zu können. Die Not im Land ist riesig. Es gibt drei Millionen Kriegsflüchtlinge. Aus dem Iran sind seit den Sanktionen gegen das Land und der Covid-Pandemie Hunderttausende zurückgekehrt. Die Wirtschaftskrise ist beispiellos, auch bedingt durch den Klimawandel. Die Auswirkungen kann nur die internationale Gemeinschaft lindern.

Das Gespräch führte Eckart Aretz, tagesschau.de

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 01. Mai 2021 um 15:00 Uhr.