"Liz": Der durchgestrichene Vorname der Kandidatin Cheney auf einem Wahlplakat. | AFP
Reportage

Vorwahl in Wyoming Wo Erzkonservative als Verräter gelten

Stand: 16.08.2022 17:22 Uhr

Bei der Vorwahl der Republikaner in Wyoming hat Liz Cheney kaum eine Chance: Weil sie für die Aufklärung des Kapitolsturms eintritt - und ihre Rivalin Harriet Hageman von Trump unterstützt wird.

Von Katrin Brand, ARD-Studio Washington

Im Stadion am Stadtrand von Cheyenne, der Hauptstadt des US-Bundesstaats Wyoming, geht das Rodeo zu Ende. Bullenreiten, Kälberfangen, um Tonnen herum galoppieren - ein großer Spaß, zumindest für die Zuschauer. Charlie, ein großer Mann mit grauem Rauschebart und Kappe, kann vom Rodeo auch viel fürs Leben mitnehmen: "Du musst deinen Mann stehen. Du brauchst absolute Dinge im Leben. Du musst dich entscheiden, woran du glaubst, und danach leben", sagt er. "Das machen diese Jungs. Sie glauben absolut an das, was sie tun. Das ist eine herrliche Sache."

Katrin Brand ARD-Studio Washington

Hart und mit Hingabe arbeiten. Sich behaupten. Aufstehen und weitermachen. Das sind die Tugenden, mit denen der US-Erinnerungskultur nach Westen der USA erobert wurde, und so will man hier in Wyoming auch heute noch leben. "Wyoming ist wirklich ein freiheitlicher Staat. Wir wollen wirklich keine Bundesregierung und niemanden, der uns sagt, was wir tun sollen", sagt Nancy Lockwood aus Laramie, Präsidentin der örtlichen League of "Women Voters", einer sehr alten Wählerinnenvereinigung. Doch die Bundespolitik sorgt gerade sehr dafür, dass in Wyoming die womöglich interessantesten Vorwahlen dieses Jahres stattfinden.

Liz Cheney | AP

Liz Cheney bei einer der Anhörungen zur Aufarbeitung des Kapitolsturms. Bild: AP

Überraschungen bei Vorwahl möglich

Liz Cheney, die Tochter von Dick Cheney, möchte zum dritten Mal ins Abgeordnetenhaus wiedergewählt werden. Eigentlich ein Selbstläufer, denn Cheney ist eine sehr konservative Republikanerin und Wyoming ein sehr republikanischer Bundesstaat. Aber, sagt zum Beispiel Andrea, eine junge Mutter, die gerade ihren Einkaufswagen aus einen Supermarkt am Rande von Cheyenne schiebt, in ihren Augen habe Cheney den Staat und das, woran seine Bürger glauben, verraten. Das sei nicht in Ordnung.

Cheney ist ein prominentes Mitglied des Ausschusses, der die Ereignisse vom 6. Januar 2021 aufklären will. Sie hat dafür gestimmt, Ex-US-Präsident Donald Trump zu bestrafen, weil er die Massen zum Sturm aufs Kapitol aufgestachelt hat. Dass sie das getan hat, gilt in Wyoming als Verrat. Und das könnte sich heute rächen, denn in Harriet Hageman, einer Anwältin, hat Cheney eine Gegenkandidatin. Hageman wird von Trump unterstützt und verbreitet seine Lüge von der gestohlenen Wahl. In Meinungsumfragen liegt sie 20, 30 Prozentpunkte vor Cheney. Eigentlich eine klare Sache, aber Wyomings Wahlrecht macht Überraschungen möglich.

Bei den Vorwahlen heute dürfen zwar nur Wähler mitstimmen, die als Republikaner registriert sind. Doch das lässt sich in dem Bundesstaat noch am Wahltag ändern. "Liz Cheney könnte gewinnen, wenn eine ausreichende Zahl der sehr wenigen Demokraten in Wyoming ihre Zugehörigkeit ändern und für sie stimmen - und dazu die schweigenden moderaten Republikaner", sagt Susan Simpson von der League of Women Voters.  

Aggressives politisches Klima

Fragt sich nur, ob Cheney ihre Unterstützer auch mobilisieren kann. Bei den Anhörungen zum 6. Januar sei sie im Fernsehen öfter zu sehen gewesen als in Wyoming, sagen ihre Kritiker. Cheney wiederum macht sich offenbar Sorgen um ihre Sicherheit und ist nur bei sehr kleinen privaten Veranstaltungen aufgetreten.

Dass das Klima aggressiv und parteiisch geworden sei, ist in Wyoming immer wieder zu hören. "In der Vergangenheit war es anders, da gab es eine Offenheit für die Qualitäten von jemandem, der nicht in deiner Partei war. Aber die Tür ist zu", meint Marguerite Herman, die für die Demokraten ins Landesparlament will. Andere berichten davon, dass Mitarbeiterinnen der Wahlämter angefeindet oder bedroht wurden.

Beide Lager haben die Wahl heute zur Schicksalswahl erklärt. Wer bei den Vorwahlen gewinnt, gewinnt auch im November und zieht ins Abgeordnetenhaus ein. So klar ist das in Wyoming. Ob und wie aber die Menschen von Wyoming wieder zusammenfinden können, das ist eine ganz andere Geschichte.