Zwei Polizisten am Times Square in New York. | EPA

Viele Opfer durch Schusswaffen New York ruft Katastrophennotstand aus

Stand: 30.07.2021 01:35 Uhr

Mit der Pandemie und dem Verlust von Arbeitsplätzen ist die Gewalt in New York gewachsen. Banden erhalten Zulauf und schießen auf Menschen. Als erster US-Bundesstaat hat New York den Katastrophennotstand wegen Waffengewalt erklärt.

Von Antje Passenheim, ARD-Studio New York

"Diese verfluchten Waffen, sie töten uns alle", schreit eine wütende Frau in der Bronx. Gerade hat es dort wieder einen 13-jährigen Jungen getroffen. Jaryan Elliot wartete vor einem Café. Seine Mörder kamen mit dem Auto, sie schossen gezielt, sagt Anwohner Fred Armstrong. "Es waren acht Schuss. Und als ich 10 Minuten später rauskam, war hier Chaos. Es ist eine Schande, dass sowas hier am helllichten Tag passiert."

 

Antje Passenheim ARD-Studio New York

Es ist kein Einzelfall. Nicht, dass es am helllichten Tag passiert. Nicht, dass es Kinder trifft. Nicht, dass Unbeteiligte in den Kugelhagel geraten. Die meisten Schüsse gehen auf das Konto von Banden. Sie haben seit der Corona-Pandemie regen Zulauf. Die Gefängnisse haben viele Häftlinge auf die Straßen gespült und sie dort einfach sich selbst überlassen. Tausende Jobs sind vernichtet. In der South Bronx ist das Leben für die Jugendlichen trostloser geworden, sagt Ex-Gangster Ronnie. "Jeder hier zieht an die Front, in den Krieg. Für eine Seite, einen Block, ein Viertel. Gegen die andere Seite. Das ist territorial - wie in Afghanistan oder Kuwait oder Pakistan."

Gewalt in allen Stadtteilen

Es sind Drogen, es ist Armut, es ist Rache oder Wut. "Waffen, Gewalt, die verbreiten sich in unserer Nachbarschaft. Das macht uns Angst", sagt eine Frau in Brooklyn. Dreiviertel aller Fälle registriert die Polizei in Vierteln, in denen viele Afro- oder Lateinamerikaner leben. Doch es trifft alle Stadtteile.

In einem Edel-Steakhaus geraten Gäste in die Schusslinie von zwei streitenden Männern. Am Times Square trifft eine Kugel einen Touristen in den Rücken, als er mit seiner Familie am helllichten Tag über den belebten Platz geht. Kurz davor waren dort zwei Frauen und ein Kleinkind von Irrläufern getroffen worden. New Yorks Generalstaatsanwältin Letitia James hat genug: "Ich bin krank und müde davon, auf Beerdigungen zu gehen. Krank und müde davon, Mütter und Väter vor offenen Särgen zu halten."

Waffengesetze in New York sind die strengsten des Landes

Gemeinsam mit Gouverneur Andrew Cuomo macht James mobil. Als erster US-Bundesstaat erklärt New York den Katastrophennotstand wegen Waffengewalt.

Zwar gehören die New Yorker Waffengesetze bereits zu den strengsten des Landes. Doch viele Pistolen und Gewehre kommen leicht über die Nachbarstaaten hinein. Der Notstand ermöglicht es, Geld in ihre Abwehr zu stecken. Umgerechnet 118 Millionen Dollar plant Cuomo dafür ein. Der größte Teil soll in neue Jobs fließen. Der andere in Gemeindearbeit.

Programme: Waffen gegen Geld

Schon seit Jahren bietet die New Yorker Polizei Programme an, in denen Besitzer ihre Waffen gegen Geld abgeben können. Dabei füllen sich ganze Arsenale. Ex-Gangster Ronnie hat sich dagegen den  "Violence Interruptors" angeschlossen. Die Gewalt-Unterbrecher setzen ihren Einfluss in ihrer Nachbarschaft ein, sagt er: "Ich war ein Ärgernis. Aber jetzt mache ich etwas Positives. Wenn die Jungs sehen, dass ich hier nicht mit Waffen und Drogen an der Ecke stehe, sondern dass ich Hand-Desinfektionsmittel verteile, Infomaterial und Job-Ausschreibungen, dann sehen sie, was wir auch machen können."

Mit 17 war er zum ersten Mal im Gefängnis. Da waren sein Bruder, sein Stiefbruder und sein Großvater innerhalb von 14 Tagen erschossen worden. Vor ein paar Wochen hat es dann Ronnies Cousin erwischt. "Hier zu stehen und zu sagen: Jemand hat meinen Cousin getötet und ich habe es nicht verhindert: Das tut weh. Sehr. Aber Du musst weiter machen. Denn ich will nicht, dass mein Cousin auf diese Weise umsonst gestorben ist." Das wäre er nicht, sagt Ronnie, wenn er selber jetzt auch nur einen einzigen Menschen dazu bringen könnte, die Waffe abzulegen.

Über dieses Thema berichtete WDR5 in der Sendung Morgenecho am 30. Juli 2021 um 07:49 Uhr.