Donald Trump | AP
Reportage

Vorwahlen in Georgia Der lange Schatten des Donald Trump

Stand: 24.05.2022 03:02 Uhr

Donald Trump droht heute der möglicherweise größte politische Rückschlag seit seiner Wahlniederlage 2020 - und zwar im Bundesstaat Georgia. Dort entscheiden die Wähler, wer als Kandidat der Republikaner ins Rennen für den Gouverneursposten gehen soll.

Von Sebastian Hesse, ARD-Studio Washington

Der Fahrer des auberginefarbenen Reisebusses muss ganz schön am Lenkrad kurbeln, um sein gewaltiges Gefährt auf den kleinen Parkplatz an der Kreuzung zweier Highways in Georgias Putnam County zu bugsieren. "KEMP" steht in überdimensionalen Lettern auf dem Bus.

Sebastian Hesse ARD-Studio Washington

Georgias Gouverneur Brian Kemp legt hier, im ländlichen Eatonton, einen Wahlkampfstopp ein. Kemp ähnelt dem Hollywood-Schaupieler Nick Nolte. In Chinos und im Holzfällerhemd steigt er aus dem Bus, begrüßt den örtlichen Parteichef der Republikaner, schüttelt Hände und posiert für Selfies. Vor vier Jahren hatte der Bauunternehmer und Quereinsteiger in die Politik überraschend die aussichtsreiche Kandidatin der Demokraten, Stacey Abrams, geschlagen.

Kemp nahm es mit Trump auf

In Georgia ist Kemp beliebt. So einer wird wiedergewählt. Doch der 58-Jährige hat sich einen mächtigen Feind gemacht. Nach der Präsidentschaftswahl 2020 hatten sich Kemp und sein Innenminister Brad Raffensperger geweigert, das Wahlergebnis in Georgia zu Donald Trumps Gunsten zu manipulieren.

In einem öffentlich gewordenen Telefonat hatte Trump seine beiden Parteifreunde bedrängt, ihm irgendwie 11.780 zusätzliche Stimmen zu besorgen. Die nämlich fehlten ihm zum Sieg in Georgia. Kemp und sein oberster Wahlbeauftragter widerstanden. In Georgia ermittelt inzwischen die Staatsanwaltschaft gegen Trump: wegen des Verdachts auf versuchten Wahlbetrug.

Republikaner im Gewissenskonflikt

Der in Georgia Gedemütigte hat Brian Kemp zu seinem Intimfeind erkoren. Kein öffentlicher Auftritt, ohne dass Trump mit Verachtung in der Stimme über Kemp herzieht, ihn einen "Überläufer", einen "Feigling", ein "Desaster" nennt. Kemp vermeidet es in Eatonton bewusst, Trump oder dessen Favoriten bei der Vorwahl, David Perdue, auch nur zu erwähnen. Das ist Strategie: Kemp weiß um seine Popularität und spricht mit starkem Südstaaten-Akzent lieber über zurückliegende Erfolge und künftige Herausforderungen.

Seine Zuhörer danken ihm das, denn sie befinden sich in einem Gewissenskonflikt. "Ich weiß nicht, was ich davon halten soll", sagt Judy Rodgers, "weil ich eigentlich ein großer Trump-Fan bin!" Rodgers trägt ein Kemp-T-Shirt, will den Gouverneur wiederwählen und trauert der Trump-Präsidentschaft nach.

Billy Webster, der Parteichef der Republikaner in Putnam County, zuckt mit den Achseln. "Trump hat immer noch großen Einfluss", sagt der Mann mit dem gezwirbelten Schnurbart, "aber hier hat er sich völlig verrannt!" Alle Umfragen deuten auf einen Erdrutsch-Sieg Kemps über seinen Rivalen von Trumps Gnaden, David Perdue, hin.

Der Amtsinhaber verdankt seine Popularität geschickten Schachzügen: Als die Energiepreise explodierten spendierte Kemp den Wählern einen "Gas-Tax Holiday", - ein Aussetzen der Mineralöl-Steuer bis Ende Mai, nach der Vorwahl. So gewinnt man Wahlen, bestätigt auch Bill Nigut vom "Georgia Public Radio", der seit Jahrzehnten über Urnengänge in Amerika berichtet: "Die Unterstützung von Trump ist eben nur einer von vielen wahlentscheidende Faktoren."

Traditionell konservativer Staat mit plötzlichem Linksruck

Szenenwechsel: Zwei Autostunden nordwestlich von Eatonton, in Woodstock, im Restaurant "Semper Fi Bar and Grille" wird gebetet. Die Anwesenden danken im Gebet dafür, in einem freien Land mit freien Wahlen zu leben. Das "Semper Fi" richtet sich vor allem an Veteranen der US-Streitkräfte. Das Saloon-artige Lokal ist mit Uniformen, Fotos von Militär-Einsätzen, Anwerbe-Plakaten der Armee und andere Militaria dekoriert.

In wenigen Minuten soll hier David Perdue auftreten, der Kemp-Herausforderer von Trumps Gnaden. Perdue saß bis vor einem guten Jahr als Senator für Georgia im US-Kongress. Doch dann rückte der traditionell konservative Südstaat überraschend nach links: Georgias Republikaner verloren nicht nur bei der Präsidentschaftswahl, sondern sie büßten auch beide Senatssitze ein. Eine Katastrophe für die Partei.

Die Lüge vom Wahlbetrug zieht noch immer

Trumps Versuche, die Niederlage zu drehen, scheiterten und seither läuft nicht nur seine Hetzkampagne gegen Kemp. Trump drängte David Perdue, einen frühen Verfechter der Wahlbetrugs-Behauptung, gegen Kemp anzutreten. Er investierte rekordverdächtige rund 2,6 Millionen Dollar in dessen Wahlkampf - mehr als in irgendeinen anderen Kandidaten in dieser Vorwahlsaison.

Kyle Read, der im "Semper Fi" auf Perdue wartet, findet das völlig richtig. "Kemp hat nicht getan, was von ihm erwartet wurde", findet Kyle, "er hätte verhindern können, dass Trump die Wahl gestohlen wurde!"

Seine Tischnachbarin Elaine Guarino stimmt zu. Auch sie trauert dem abgewählten Präsidenten hinterher. "Heißt das, dass ich meine Freizeit mit Trump verbringen will?", fragt Elaine. "Nein! Er ist arrogant, ein echtes Arsch, aber ein fantastischer Geschäftsmann!" Allenfalls noch Ronald Reagan habe so viel für das Land getan wie Trump.

Urnengang mit Signalwirkung?

Kyle und Elaine haben beide schon per Briefwahl abgestimmt: für Perdue. Sie kenne natürlich die miesen Umfragewerte des 72-Jährigen. Und sie räumen ein, dass dessen monothematische Kampagne zu sehr auf die Vergangenheit fixiert ist: auf den angeblichen Wahlbetrug, auf Trumps Vendetta gegen Kemp.

Entsetzen ausgelöst hat bei den Perdue-Unterstützern, dass sich zuletzt auch der frühere Vize-Präsident Mike Pence in den Vorwahlkampf eingemischt hat. Pence trommelte demonstrativ für Kemp - der bislang sichtbarste Ausdruck seines Zerwürfnisses mit seinem früheren Chef, mit Trump. "Ich bin enttäuscht von Pence, sehr enttäuscht", räumt Perdue ein.

Und so ist der Urnengang von Georgia längst überschattet vom innerparteilichen Machtkampf der Republikaner. Die Trump-Parteigänger blicken einmal mehr besorgt in Richtung Georgia. Und die Trump-Kritiker hoffen, dass der zu erwartende Sieg von Kemp ein starkes Signal in die Partei senden wird: Dass es eben doch kein politischer Selbstmord ist, sich als Republikaner Trump entgegen zu stellen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. Mai 2022 um 07:27 Uhr.