Unterricht in einer Schulklasse in Central Falls (US-Bundesstaat Rhode Island) | AP

Schullektüre in den USA Kulturkampf im Klassenzimmer

Stand: 08.05.2022 13:28 Uhr

Aktuelle Literatur, die Themen wie Rassismus oder Gender-Identität aufgreift, wird in den USA zunehmend aus dem Unterricht verbannt. Die Debatte spaltet Schulen und beeinflusst Wahlkämpfe. Gelesen werden die Bücher dennoch.

Von Julia Kastein, ARD-Studio Washington

In Maia Kobabes Comic-Roman "Gender Queer - A Memoir" geht es um Maias eigene Jugend - von einem Kind, das die anderen für ein Mädchen halten, zum Erwachsenenleben mit nichtbinärer Identität. Es geht um haarige Beine, Menstruationsblut, Umschnall-Dildos und explizit gezeichneten Sex. Aber vor allem geht es um die Suche nach Identität und Zugehörigkeit, wie sie alle Teenager umtreibt.

Julia Kastein ARD-Studio Washington

Der Comic-Roman spaltet die Gemüter in den USA: Preisgekrönt, unter anderem vom amerikanischen Bibliotheksverband - und nach einer Erhebung des Schriftstellerverbandes PEN gleichzeitig das Buch, das in den vergangenen Monaten am häufigsten aus US-Klassenzimmern und Schulbibliotheken verbannt wurde.

Kobabe wundert nicht, dass das Buch zur Zielscheibe geworden ist: Für manche Kritiker reichten schon die Reizworte Gender und Queer im Titel, so Kobabe in einem YouTube-Interview mit der "Gay and Lesbian Alliance Against Defamation" (GLAAD). Es fühle sich deshalb auch nicht persönlich an, sondern wie eine generelle Attacke auf Geschichten über Transgeschlechtlichkeit und Homosexualität.

Deckel des Buches "Gender Queer" von Maia Kobabe | AP

Titel des Buchs "Gender Queer" von Maia Kobabe, das an vielen US-Schulen nicht mehr gelesen werden soll. Bild: AP

Texas bei der Indizierung vorn

Mehr als 1500 Bücher landeten laut PEN seit vergangenem Sommer in den USA quasi auf dem Index, manche nur kurz, manche dauerhaft. Über die Hälfte der Fälle betrifft Schulen in Texas, danach folgen Pennsylvania und Florida.

Auf einer Sitzung der unabhängigen Schulverwaltung von Lake Travis in Austin zitierte eine Mutter voller Empörung aus dem Jugendbuch "Out of Darkness". Der Roman von Ashley Perez beschreibt die verbotene Romanze eines Mädchens mit mexikanischen Wurzeln mit einem jungen Afro-Amerikaner in den 1930er- Jahren. Und es enthält auch Slang-Dialoge über sexuelle Praktiken.

"Ich will nicht, dass meine Kinder in der Mittelstufe was über Analsex lernen", empörte sich die Mutter. "Ich hatte noch nie Analsex, ich will keinen Analsex haben und ich will auch nicht, dass meine Kinder Analsex haben. Ich will, dass ihr endlich anfangt, euch auf Bildung zu konzentrieren!"

Schülerin sitzt an ihrem Tisch während des Unterrichts in einer Schulklasse in Santa Fe (US-Bundesstaat New Mexicod) | AP

Welche Literatur sollen Schüler lesen, über welche gesellschaftliche Fragen wie unterrichtet werden? Über diese Fragen ist ein weitreichender Streit in den USA ausgebrochen. Bild: AP

Lesefreiheit als Meinungsfreiheit

Ex-Bibliothekarin Carolyn Foote aus Austin hat für diese Haltung wenig Verständnis: Jugendbücher heute seien eben anders, weil auch die Gesellschaft eine andere geworden sei. Die in die Kritik geratenen Passagen aus "Out of Darkness" seien völlig aus dem Kontext gerissen worden. Außerdem werde ja kein Jugendlicher gezwungen, genau dieses Buch zu lesen.

"Natürlich glauben auch wir, dass Eltern mitbestimmen, was ihre Kinder lesen", erläuterte Foote. "Aber es wird Zensur, wenn sie versuchen zu diktieren, was alle Kinder lesen - oder wenn der Staat das diktiert."

Gemeinsam mit Kolleginnen hat Foote "FReadom Fighters" gegründet, ein Wortspiel auf Freiheit und Lesen. Das Recht alles zu lesen ist für Foote unverzichtbarer Bestandteil der Meinungsfreiheit. Dass vor allem Bücher, die von nicht-weißen Autoren geschrieben wurden oder Themen wie Rassismus, soziale Gerechtigkeit oder Identität behandeln, zur Zielscheibe geworden sind - das ist ihrer Meinung auch eine Gegenreaktion auf Proteste und Debatten nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd vor zwei Jahren.

Demonstranten gedenken in Minneapolis an George Floyd, der nach einem brutalen Polizeieinsatz verstarb. | dpa

Der Tod von George Floyd löste in den ganzen USA Demonstrationen gegen Polizeigewalt und Diskriminierung aus - wie hier in Minneapolis. Bild: dpa

Ein Gouverneur schreitet voran

Vor allem die Republikaner haben das wahlpolitische Potential der Schul-Front im Kulturkampf erkannt: Texas Gouverneur Greg Abbott, der im November wiedergewählt werden will, hat die Bildungsbehörde seines Bundesstaates angewiesen, möglichen Fällen von krimineller Pornographie nachzugehen. Im Lokalfernsehen erklärte Abbott Ende vergangenen Jahres: "Eltern können zurecht erwarten, dass ihre Kinder in der Schule nicht pornographischen und obszönen Inhalten ausgesetzt werden. Und wir als Regierung müssen dafür sorgen, dass das Gesetz gegen Pornographie im Klassenzimmer auch eingehalten wird."

Trotz der Ankündigung wurde niemand bislang angezeigt oder festgenommen. Aber viele Bibliothekare würden mittlerweile schon aus Angst vor Repressalien und Kritik umstrittene Literatur nicht mehr bestellen - oder gar aus den Regalen nehmen, sagt Foote. "Ich arbeite seit 40 Jahren im Bildungsbereich. Aber das ist das erste Mal, dass Landesgesetze verabschiedet werden darüber, wie Bibliotheken funktionieren und was in den Schulen unterrichtet, beispielsweise über Rassismus. Es ist schon sehr beunruhigend."

Aber: An einigen Schulen gibt es inzwischen Buchklubs, in denen die Schülerinnen und Schüler genau die Titel lesen, die es in ihrer Schulbibliothek nicht mehr gibt. Und für einige Autoren ist die Zensur-Debatte schlicht gute PR: Von Maia Kobabes Comic-Roman "Gender Queer" wurden anfangs nur 5000 Stück gedruckt. Inzwischen ist es ein Bestseller in der Queer-Literatur in der fünften Auflage.

 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 13. April 2022 um 18:22 Uhr.