Prinz Andrew | dpa

Missbrauchsprozess Welche Strategie verfolgt Prinz Andrew?

Stand: 27.01.2022 18:35 Uhr

Prinz Andrew will sich im Skandal um Missbrauchsvorwürfe nun doch einer Jury stellen. Dies sei aber keine echte Kehrtwende, sagen Juristen. Vielmehr versuche der Royal, einen Rechtsstreit hinauszuzögern.

Von Antje Passenheim, ARD-Studio New York

Es sieht wie eine Kehrtwende aus: Prinz Andrew will einen Geschworenen-Prozess. Dabei hatte der Sohn der britischen Queen zuvor mehrfach versucht, den Missbrauchsprozess in New York gegen ihn abzuschmettern. Nun gibt er sich kämpferisch. Die ehemalige New Yorker Staatsanwältin Annemarie McAvoy überrascht das nicht: "Ich denke, er versucht seinen Namen zu retten, wieder eine Rolle in der Welt zu spielen, nachdem die Königliche Familie ihm Aufgaben und Titel entzogen hat."

Antje Passenheim ARD-Studio New York

Doch ob der gefallene Royal das ausgerechnet vor einer Laien-Jury erreichen kann, sei fraglich. Viel wahrscheinlicher findet Juristin MacAvoy, dass Andrew auf einen außergerichtlichen Vergleich spekuliert. Der nämlich sei nach US-Recht selbst dann noch möglich, wenn ein Prozess bereits im Gange sei.

"Er könnte versuchen, durch seine jetzige Strategie zu zeigen, dass er unschuldig ist und dass die Anschuldigungen gegen ihn falsch sind", sagt sie. Nach ein paar Monaten könnte es eine Einigung geben - und damit wäre der Prozess aus der Welt.

Klägerin fordert Schadenersatz

In dem jetzt vor einem Bundesgericht in Manhattan eingereichten Dokument weist Andrew die Missbrauchs-Vorwürfe der US-amerikanischen Klägerin Virginia Giuffre erneut zurück. Seine Anwälte listen elf Gründe auf, warum die Zivilklage abgewiesen werden sollte.

Die Klage einer Frau, die seit langem behauptet, der Prinz habe sie als Minderjährige mehrfach missbraucht. Sie sei Andrew von dessen Kumpel, dem später überführten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein, zugeführt worden. Unter anderem führen Andrews Anwälte ins Feld: Klägerin Giuffre habe sich selbst schuldig gemacht - eine Behauptung, die bei ihren Anwälten auf heftigen Gegenwind stößt.

Giuffres Rechtsbeistand David Boies triumphiert: "Wir freuen uns darauf, Prinz Andrew bei seiner Vernehmung und im Prozess mit seinen Leugnungen zu konfrontieren und den Versuchen, Frau Giuffre für ihren Missbrauch verantwortlich zu machen." Seine Klientin will Schadenersatz von ihrem mutmaßlichen Peiniger.

"Reaktion ist schlichtweg die Routine"

Die heute 38-Jährige wolle vor allem aber auch eins: rehabilitiert werden. "Sie will ihn vor Gericht sehen und es einer Jury überlassen, über ihn zu urteilen. Über die Wahrheit, über ihre Anschuldigungen", sagt Boies.

Während viele von Prinz Andrews Kehrtwende sprechen, sagt der New Yorker Strafverteidiger Ron Kuby: Viel Lärm um nichts. Er sieht keinen Wendepunkt in Prinz Andrews Strategie. Dessen jetzige Reaktion sei schlichtweg die Routine, die jedes Zivilverfahren in den USA erfordere.

"Nachdem er vergeblich versucht hat, die Klage abzuweisen, ist Prinz Andrew verpflichtet, auf sie zu antworten. Und dann werden die Verteidigungspunkte aufgelistet", sagt der Jurist. Und genau das habe er getan. "Wenn jemand seine Verteidigungspunkte nicht vorab auflistet, dann werden sie aufgehoben."

Prozessauftakt im Herbst

Jetzt komme die sogenannte Ermittlungsphase, in der beide Seiten Informationen voneinander einfordern können. Jede Partei habe das Recht, die andere unter Eid zu befragen oder Dokumente einzusehen. Und wenn sie zu ihrem Ergebnis kommen, können beide Seiten die Klage erneut anfechten.

"Was Prinz Andrew hier also tut, ist, dass er den Rechtsstreit hinauszögert" sagt Kuby. Er übernehme aber keinerlei Schuld. "Er sagt zu, dass er vor Gericht erscheinen würde - wenn es dazu kommt."

Dann hätte der britische Royal angesichts der Stimmung im Land nicht allzu gute Karten vor einem Geschworenen-Gericht in New York, sagt Kuby. "Erstens haben wir es hier nicht so mit den Royals. Jeder - auch die Laien in der Jury - empfinden Schadenfreude. Und wenn es um die Glaubwürdigkeit vom  Prinzen und der Klägerin geht, werden die wenigsten auf seiner Seite stehen."

Der Prozessauftakt ist für den Herbst angesetzt. Kommt es dazu, müsste sich der gefallene Prinz dort als ganz normaler Bürger verantworten.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 27. Januar 2022 um 08:10 Uhr.