Jen Psaki, die Pressesprecherin des Weißen Hauses. | AFP

US-Nachrichtenmedien Ein ganz anderer Ton

Stand: 31.01.2021 17:14 Uhr

US-Präsident Biden setzt auf Information statt auf Twitter-Empörungsspiralen. Das wertet Nachrichtenmedien auf. Doch Trump bleibt ein Quotengarant - bei CNN genauso wie auf FoxNews.

Von Julia Kastein, ARD-Studio Washington

Die erste Pressekonferenz im Weißen Haus - nur Stunden nach der Amtseinführung von Joe Biden. Ob sie denn jetzt eher ihrem Präsidenten oder der Wahrheit verpflichtet ist, wird die neue Regierungssprecherin Jen Psaki gleich als erstes gefragt.

Julia Kastein ARD-Studio Washington

"Der Präsident würde jetzt sagen: Er arbeitet für das amerikanische Volk. Ich arbeite für ihn und damit auch fürs das amerikanische Volk", antwortet sie. "Aber sein Ziel und Versprechen sind, Transparenz und Wahrheit zurück in die Regierung zu bekommen. Auch wenn die Wahrheit hart ist. Und das möchte ich in meiner Rolle auch."

Psaki verspricht wieder tägliche Pressekonferenzen - ihre vier Vorgänger unter Donald Trump hatten die schnell eingestellt - und einen respektvollen Umgang miteinander.

Beim eher linken Fernsehsender CNN ist Kaitlan Collins, Chefkorrespondentin fürs Weiße Haus, beeindruckt. "Keine Attacken auf Reporter, das ist ganz schön rar, vor allem wenn man bedenkt, wie das in den letzten vier Jahren war", sagt sie. "Also ein ganz anderer Ton." Von der Trump-Regierung war ihr einmal wegen angeblicher Unhöflichkeit kurz die Akkreditierung entzogen worden.

Die "New York Times" übt Kritik an Biden

Bei Trumps ehemaligen Haussender FoxNews ringt sich Moderator Brian Kilmeade ein wehleidiges Lob ab: "Sehr professionell, sehr erfahren, sie hatte alle Antworten. Aber sie hatte ja auch freundliche Fragen. So hätte es auch bei Trump sein sollen. Aber nicht an einem einzigen Tag wurden seine Sprecher so behandelt."

Ein falscher und obendrein lächerlicher Einwand, findet Medien-Experte Professor Frank Sesno von der George-Washington-Universität in Washington: "Donald Trump hat jede Menge Chancen bekommen. Er hat sie nur nicht gewollt", sagt der ehemalige CNN-Moderator.

Vielleicht wirke der Umgang etwas sanfter, weil alle erstmal aufatmen. Aber es werde schon auch scharf hinterfragt. Und Bidens bisheriges Regieren per Dekret wird beispielsweise von der liberalen "New York Times" auch schon deutlich kritisiert.

Biden wertet Nachrichtenmedien wieder auf

Der neue Ton ist noch nicht mal der größte Unterschied: Trump regierte per Twitter, hielt seine zeitweise fast 90 Millionen Follower mit täglich Dutzenden Posts jederzeit auf Trab. Biden ist zwar auch bei Twitter - aber er nutzt den POTUS-Account hauptsächlich zur Weiterverbreitung seiner Auftritte und Pressemitteilungen.

Die etablierten Nachrichtenmedien werden dadurch aufgewertet, weil sie wieder eine größere Rolle beim Übermitteln der Gedanken und Worte des Präsidenten spielen, sagt Medienexperte Sesno. "Der große Unterschied ist: Bidens Kommunikations-Strategie ist informieren und überzeugen. Bei Trump war es mobilisieren und attackieren."

Die alten Reflexe der Sender funktionieren

So sehr die neue Regierung auf einen höflicheren Umgang setzt: Bei den Kabelsendern funktionieren die alten Reflexe. Und Trump zieht immer noch - auch links. Am Tag nach Bidens Amtseinführung beispielsweise verliest Moderatorin Mika Brzezinski bei MSNBC frühmorgens und minutenlang den vor Häme triefenden Kommentar des konservativen Publizisten Kevin Williamson - mit der Überschrift: "Tschüss Donald - gedankenloser Affe fliegt mit dem Helikopter."

Der Umgang mit dem Ex-Präsidenten werde die größte Herausforderung, weil sein Name für Klicks und Quote sorge, meint Sesno. "Was ist, wenn Trump in Michigan Wahlkampf macht, 10.000 Leute kommen und er fordert, dass die Gouverneurin dort des Amtes enthoben wird? Ist das eine Top-Story? Ist das nur eine Meldung? Das sind die schwierigen Entscheidungen, die die Medien-Unternehmen fällen müssen, wenn Trump seine Stimme wiederfindet und das bedient, wonach er süchtig ist, nämlich Medien und Publikum und das Gebrüll der Menge."

 FoxNews nicht mehr beliebtester Sender

Für die meinungsstarken TV-Sender hat der Wechsel im Weißen Haus handfeste wirtschaftliche Folgen: Zum ersten Mal seit 20 Jahren ist FoxNews nicht mehr der meistgesehene Kabelsender. Hundertausende Trump-Anhänger haben sich weggezappt - frustriert, weil der Sender die Lüge vom Wahlbetrug nicht mehr ganz so offensiv propagiert.

FoxNews reagierte prompt: Mit noch mehr Meinung in der Prime-Time am Abend. Aber ganz so einfach kommt das Publikum von rechts wohl nicht zurück: Die Quote ist erstmal noch schlechter als vorher.

Wird es jetzt - nach vier Jahren Dauer-Trump-Berichterstattung mit hohem Hysterie-Faktor - nicht nur irgendwie normaler, sondern auch langweiliger? Medien-Experte Sesno muss lachen: "Vielleicht. Aber auf jeden Fall wird die Temperatur etwas niedriger, einfach weil dieses große Feuer ein bisschen weniger Zündstoff bekommt."

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 31. Januar 2021 um 14:05 Uhr.