Ein Supermarktkunde in Oregon hält zwei Großpackungen Eiswürfel im Arm. | REUTERS

USA und Kanada "Klimawandel hat Hitzebombe abgeworfen"

Stand: 30.06.2021 14:37 Uhr

Eine Hitzewelle plagt den sonst kühlen Nordwesten der USA: Durch fehlende Klimaanlagen droht Überhitzung, die Dürre bringt die Ernte in Gefahr - und das sei erst der Anfang, befürchten Meteorologen.

Von Katharina Wilhelm, ARD-Studio Los Angeles

"Die letzten Tage waren echt die Hölle: 45 Grad!", stöhnt Kirsten Seyferth. Die Deutsche lebt unweit von Portland im US-Bundesstaat Oregon, im Nordwesten der USA. Dort ist es normalerweise eher kühl und regnerisch. Doch die Region erlebt derzeit eine nie dagewesen Hitzewelle von Portland hinauf nach Seattle - und auch Kanadas Westen ist betroffen. 

Katharina Wilhelm ARD-Studio Los Angeles

Allein in Kanada seien nach Polizeiangaben in einem Zeitraum von 24 Stunden mehr als 25 Meldungen von plötzlichen Todesfällen eingegangen. Unter den Toten seien viele ältere Menschen gewesen. 49,5 Grad Celsius sind in Kanada gemessen worden, so heiß war es dort noch nie. Auch in der nördlichen US-Metropole Seattle in Washington State wurden Hitzerekorde vermeldet, gleich an mehreren Tagen hintereinander.

Menschen haben ihre Haustiere während der Hitzewelle in ein Kühlungszentrum in Oregon mitgebracht. | AFP

Menschen haben ihre Haustiere während der Hitzewelle in ein Kühlungszentrum in Oregon mitgebracht. Bild: AFP

"Der Klimawandel hat eine Hitzebombe über dem pazifischen Nordwesten abgeworfen, wir sind für so etwas nicht gemacht", sagt der Gouverneur des Bundesstaates Washington State, Jay Inslee, dem Nachrichtensender MSNBC.

Stromnetz nicht auf Klimaanlagen ausgelegt

Das Problem: Im Gegensatz zu Bundesstaaten wie Kalifornien oder Arizona, wo man Hitze eher gewohnt ist, haben viele Menschen im Nordosten der USA keine Klimaanlage. Sie können bei den heißen Temperaturen zum Beispiel in eigens eingerichtete Kühlungszentren, sogenannte "cooling stations" gehen. Wer das Geld hat, der investiert in eine mobile Klimaanlage. Doch das Stromnetz sei für diese Belastungen nicht ausgelegt, sagt Gouverneur Inslee. In Teilen des Bundesstaates sei es deswegen schon zu Stromausfällen gekommen. 

Bei dem aktuellen Phänomen, dass hier "Hitzeglocke" oder "Omega-Wetterlage" genannt wird, hält der Hochdruck die heiße Luft in der Atmosphäre regelrecht fest. Das sorgt für heiße Temperaturen über viele Tage und Nächte, erklärt Meteorologe Eric Boldt von der US-amerikanischen Wetter- und Ozeanografiebehörde NOAA. Zwar sei dieses Phänomen ein einzelnes Wetterereignis - doch die Ergebnisse der Klimaforschung zeigten, dass genau diese extremen Wetterereignisse Indikatoren für den Klimawandel seien: "Wir werden mehr Dürren haben, mehr Hitzewellen, extreme Hitzewellen, genau das sehen wir gerade."

Nebel steigt aus einem Trockeneis-Behälter auf, in dem Leute Wasserflaschen kühlen. | REUTERS

Mit Trockeneis und Kühlakkus versuchen Leute in Portland im US-Bundesstaat Oregon Wasser während der Hitzewelle zu kühlen. Bild: REUTERS

Dürre bringt Kaliforniens Ernte in Gefahr

In Kalifornien bereite ihm die erneute Dürreperiode Sorgen. In diesem und im vergangenen Jahr habe es zu wenig geregnet. Die Folge: Flüsse wie beispielsweise der Russian River, der durch das Weinanbaugebiet Sonoma County fließt, befinden sich auf einem historischen Tiefstand.

Die Landwirtschaft, eine der wichtigsten Wirtschaftssäulen für Kalifornien, ist bedroht: Hier werden Weintrauben, Zitronen, Orangen, Mandeln oder Walnüsse angebaut. Doch ohne Wasser sind die Ernten in Gefahr, die Wasserspeicher müssten im Winter dringend aufgefüllt werden. In Washington State sei die Kirschernte bereits stark gefährdet sagt Gouverneur Inslee, man sei hier sehr auf die natürliche Feuchtigkeit angewiesen. Es deute sich ein permanenter Notstand an. 

Die Dürre hat viele Folgen: Auch die Tierwelt leidet und rückt dem Menschen teils näher, als wohl vielen lieb ist. Es häufen sich Berichte über Klapperschlangen oder Bären, die Schutz vor der Hitze in Städten und Siedlungen suchen. "Und es ist erst Juni, es ist der Beginn des Sommers", warnt Meteorologe Eric Boldt. Die Folgen von Hitze und Dürre könnten verheerend sein.

In Kalifornien halten sich die Feuerwehrleute schon bereit, sie erwarten schon früh in diesem Jahr mehr Waldbrände - auch begünstigt durch die Dürre und Hitzewellen. 

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 30. Juni 2021 um 07:30 Uhr.