Ein Mann wird gegen Pocken geimpft (Archivbild) | imago0097644356

Pandemien in der Vergangenheit New Yorks erfolgreicher Kampf gegen die Pocken

Stand: 10.02.2021 14:00 Uhr

1947: Die Pocken breiten sich in New York aus. Um sie zu bekämpfen, startet die Metropole eine der bislang größten Impfkampagnen. Ein Erfolg, der sich gegen die Corona-Pandemie nicht so leicht wiederholen lässt.

Von Peter Mücke, ARD-Studio New York

Die lebensgefährliche Krankheit kommt mit dem Bus in New York an. Im März 1947 macht ein US-Geschäftsmann auf seiner Fahrt von Mexiko City nach Maine einen Zwischenstopp in der Stadt. Er fühlt sich unwohl, macht aber noch Sightseeing - und bricht dann zusammen.

Peter Mücke ARD-Studio New York

Zehn Tage später stirbt er in einem New Yorker Krankenhaus. Es dauert bis Anfang April, bis klar ist: Der Mann ist an den Pocken gestorben. 

Bis zu 400 Millionen Tote im 20. Jahrhundert

Der damalige New Yorker Gesundheitskommissar, Israel Weinstein, zögerte nicht lange. Inzwischen gab es weitere Fälle in der Stadt. Weinstein entschied, die gesamte Bevölkerung von New York City zu impfen, berichtet Charles DiMaggio, Professor für Bevölkerungsgesundheit an der New York University.

Die Pocken gehören zu den schwersten Infektionskrankheiten für Menschen. Zwei von zehn Fällen verlaufen tödlich, in den anderen drohen Erblindung, Lähmungen und Hirnschäden. Im 20. Jahrhundert sind bis zu 400 Millionen Menschen an den Pocken gestorben.

Eine der größten Impfkampagnen in der Geschichte

1947 sind die meisten New Yorker eigentlich schon gegen die Krankheit geimpft. Doch der Ausbruch zeigt: Das reicht nicht.

Und so beginnt eine der größten Impfkampagnen aller Zeiten, organisiert vor allem über Aufrufe im Radio. "Die einzige Maßnahme, die Menschen vor den Verwüstungen der Krankheit zu schützen, ist Impfen", hämmert Weinstein den New Yorkern ein.

Impfdosen aus den ganzen USA werden nach New York gebracht. Pharmaunternehmen fahren ihre Produktion hoch. Kinder werden gleich in der Schule geimpft, für die Erwachsenen überall in der Stadt Impfzentren improvisiert, sogar in allen Polizeistationen.

Alle New Yorker haben die Möglichkeit, sich impfen zu lassen. Kostenlos. Selbst US-Präsident Harry S. Truman krempelt bei einem New-York-Besuch öffentlichkeitswirksam den Hemdsärmel hoch. "Be Sure. Be Safe. Get Vaccinated", steht auf Plakaten in der ganzen Stadt: "Sei sicher. Sei geschützt. Lass Dich impfen."

Und die Menschen folgen dem Aufruf. Innerhalb von weniger als einem Monat lassen sich 6,35 Millionen Menschen impfen. Anfang Mai verkündet Weinstein: Die Gefahr ist vorbei.

"Wir waren damals gut darin, Menschen zu impfen"

Die Impfkampagne 1947 in New York war die letzte große Aktion dieser Art gegen Pocken in den USA. Wie erfolgreich sie gewesen sei, zeige auch, dass es danach nie mehr die Notwendigkeit für ein solch großes Impfprogramm gegeben habe, sagt der Gesundheitswissenschaftler DiMaggio. Nicht nur er ist beeindruckt von der Entschlossenheit der Verantwortlichen damals und der Durchschlagskraft der Aktion:

Wir waren damals gut darin, Menschen zu impfen. Wir hatten die Fähigkeiten dazu, solche Gesundheitskampagnen zu organisieren. Und die Menschen waren offen für solche Programme. Das alles ist heute anderes in den USA: Gesundheit ist immer mehr privatisiert worden.

Auch in der öffentlichen Gesundheitsvorsorge gibt es laut DiMaggio Mängel: Mancherorts sitze nur noch eine Handvoll Leute in den Gesundheitsämtern.

Privatisierung des Gesundheitssystems rächt sich nun

Und genau das rächt sich jetzt. Für die Corona-Impfungen sind die Städte und Kommunen in den USA auf private Klinikbetreiber und Drogerieketten angewiesen, die mit der Logistik immer wieder überfordert sind.

Hinzu kommt ein weit verbreitetes Misstrauen in der Bevölkerung. Je nach Umfrage geben bis zu 40 Prozent der US-Amerikaner an, sich nicht impfen lassen zu wollen. Das Hauptproblem sei jedoch die Erosion des öffentlichen Gesundheitssystems, sagt DiMaggio:

Es fast wie in einem Krieg: 1947 hatten wir eine ganze Armee von Leuten, die sofort losmarschieren konnte. Heute müssen wir diese Armee erst wieder neu aufbauen - so gut wie wir können im Kampf gegen Corona.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 10. Februar 2021 um 11:32 Uhr.