Die Bühne in New York (USA), auf der der Autor Rushdie attackiert wurde. | dpa
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Verletzung, Motiv, Reaktionen Was über den Angriff auf Rushdie bekannt ist

Stand: 13.08.2022 21:22 Uhr

Die Todes-Fatwa des iranischen Ayatollah Khomeini überschattete Rushdies halbes Leben. Erst seit einigen Jahren trat der Autor wieder öffentlich auf. Nun wurde er bei einem Angriff in den USA schwer verletzt. Was bisher bekannt ist.

Eigentlich wollte der Schriftsteller Salman Rushdie am Freitag in den USA über verfolgte Künstler sprechen. Doch plötzlich wird er genau dort, auf offener Bühne, zum Opfer eines brutalen Angriffs.

Ein junger Mann sticht in dem Ort Chautauqua im Westen des Bundesstaates New York mehrmals auf den 75-Jährigen ein und verletzt ihn schwer. Was zu der Tat bislang bekannt ist.

Was ist genau passiert?

Nach Darstellung der Polizei hatte ein junger Mann die Bühne der von Hunderten Menschen besuchten Veranstaltung gegen 11.00 Uhr örtlicher Zeit (17.00 Uhr MESZ) gestürmt und mit einem Messer auf Rushdie eingestochen. "Mehrere Mitarbeiter der Veranstaltung und Zuschauer stürzten auf den Verdächtigen und brachten ihn zu Boden", sagte ein Sprecher.

Rushdie sei von einem Arzt aus dem Publikum behandelt worden, bis Rettungskräfte eintrafen und der Autor schließlich per Helikopter in eine Klinik gebracht wurde.

Wie geht es Rushdie jetzt?

Neue Informationen zum Zustand Rushdies gibt es derzeit nicht. Der Manager des Autors, Andrew Wylie, hatte zuletzt mitgeteilt, Rushdie sei im Krankenhaus operiert und an ein Beatmungsgerät angeschlossen worden. Er könne nicht sprechen und werde wahrscheinlich ein Auge verlieren, schrieb Wylie nach Angaben der "New York Times". Außerdem seien Nervenstränge in seinem Arm durchtrennt und seine Leber beschädigt worden.

Was ist zum Täter bekannt?

Der mutmaßliche Täter, ein 24-Jähriger namens Hadi Matar aus dem Bundesstaat New Jersey, wurde noch am Tatort von der Polizei festgenommen. Er habe wohl allein gehandelt, sagte ein Polizeisprecher.

Gegen Matar wird wegen versuchtem Mord zweiten Grades und Körperverletzung zweiten Grades ermittelt. Das teilte die State Police des Bundesstaats New York mit. Zu einem Tatmotiv gab es weiter keine Angaben. Vor Gericht plädierte Matars Anwalt in dessen Namen auf nicht schuldig.

Polizisten sperrten das Wohnhaus des mutmaßlichen Rushdie-Attentäters ab. | REUTERS

Kurz nach der Tag wurde das Wohnhaus des mutmaßlichen Attentäters von der Polizei abgesperrt. Bild: REUTERS

Gibt es einen Zusammenhang mit der Fatwa?

Ob der Angriff im Zusammenhang mit der jahrzehntealten, gegen Rushdie ausgesprochenen Fatwa steht, ist derzeit unklar. Rushdie war vor mehr als 30 Jahren per Fatwa zum Tode verurteilt worden. Wegen seines Werks "Die satanischen Verse" (Originaltitel: "Satanic Verses") aus dem Jahr 1988 hatte der damalige iranische Revolutionsführer Ayatollah Khomeini das religiöse Rechtsdokument veröffentlicht, das zur Tötung des Autors aufforderte. Chomeini warf Rushdie vor, in seinem Roman den Islam, den Propheten und den Koran beleidigt zu haben.

Der Fatwa folgte damals eine dramatische Flucht Rushdies und zeitweise jahrelanges Verstecken, um dem Todesurteil zu entkommen. Seit mehr als 20 Jahren lebt der Autor nun in New York.

Wie bedeutsam war die Fatwa zuletzt für Rushdie?

Nach Angaben seines Verlags aus dem vergangenen Jahr hatte die Fatwa für Rushdie inzwischen längst keine Bedeutung mehr. Er sei nicht mehr eingeschränkt in seiner Bewegungsfreiheit und brauche auch keine Personenschützer mehr.

Diese Aussagen bekräftigte Rushdie zuletzt in einem Interview mit dem Magazin "Stern". Laut dem Bericht sagte er, er fühle sich in den USA sicher. "Das ist lange her", sagte Rushdie im Interview Ende Juli auf die Frage, ob er noch immer um sein Leben bange. "Seit ich in Amerika lebe, hatte ich keine Probleme mehr." Der Autor warnte dabei aber auch vor dem politischen Klima und möglicher Gewalt in den USA.

Hatte die Veranstaltung mit der Attacke zu tun?

Die Tat geschah bei einer Vorlesung Rushdies in der sogenannten Chautauqua Institution - einem Erziehungs- und Kulturzentrum in einem ländlichen Gebiet des Bundesstaates. Die Veranstaltung habe im Rahmen einer Serie unter dem Titel "Mehr als Schutz" stattgefunden, bei der über die USA als Zufluchtsort für Schriftsteller im Exil und über die Verfolgung von Künstlern diskutiert werden sollte.

Nach Informationen des US-Senders CNN soll das Institut noch zwei Tage zuvor abgelehnt haben, die Sicherheitsvorkehrungen zu erhöhen. Unklar sei aber, ob mit den empfohlenen Maßnahmen das Attentat auf Rushdie habe verhindert werden können, schrieb der Sender.

Welche Reaktionen gab es auf den Angriff?

Die Attacke löste weltweit Entsetzen aus. "Diese Gewalttat ist entsetzlich", sagte der nationale Sicherheitsberater Jack Sullivan laut Mitteilung des Weißen Hauses. UN-Generalsekretär António Guterres reagierte ebenfalls mit Entsetzen auf den Angriff. Der US-Senator und Mehrheitsführer der Demokraten im Senat, Chuck Schumer, schrieb auf Twitter, die Tat sei ein "Angriff auf die Rede- und Gedankenfreiheit".

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron schrieb, Rushdie sei von "Hass und Barbarei" getroffen worden. Der deutsche Schriftsteller Günter Wallraff, der Rushdie 1993 in seinem Haus in Köln-Ehrenfeld versteckt hatte, sagte, die Nachricht sei "natürlich ein Schlag für mich" gewesen.

Auch die französische Satirezeitung "Charlie Hebdo" hat den Angriff auf den Schriftsteller Salman Rushdie scharf verurteilt. "Nichts rechtfertigt eine Fatwa, ein Todesurteil", schrieb die Zeitung in ihrer Internet-Ausgabe. "Während wir dies schreiben, kennen wir die Motive des Angreifers nicht", erklärte "Charlie Hebdo", das 2015 zum Ziel eines islamistischen Anschlags in Paris geworden war, nachdem das Blatt mit der Veröffentlichtung von Mohammed-Karikaturen weltweit Empörung bei strenggläubigen Muslimen ausgelöst hatte.

Welche Reaktionen kamen aus Deutschland?

Bundeskanzler Olaf Scholz verurteilte den Anschlag auf Rushdie: "Was für eine abscheuliche Tat!", schrieb der Kanzler bei Twitter. Er wünschte dem Autor viel Kraft für die Genesung. "Die Welt braucht Menschen wie Sie, die sich vom Hass nicht einschüchtern lassen und furchtlos für die Meinungsfreiheit eintreten."

Bundesinnenministerin Nancy Faeser bezeichnete den Anschlag als "furchtbares Verbrechen". Der "Bild am Sonntag" sagte sie:

Für diese schreckliche Bluttat tragen auch die Verantwortung, die Salman Rushdie seit Jahrzehnten verfolgt und mit dem Tod bedroht haben.

Rushdie sei ein "großer, mutiger Kämpfer für die Freiheit des Wortes und die Freiheit der Kunst". Er habe sich nie einschüchtern lassen. Man wünsche ihm, "dass er die schweren Verletzungen übersteht und wieder gesund wird".

Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) verurteilte den Angriff auf Rushdie als einen Angriff auf die Freiheit der Literatur und die Freiheit des Denkens. "Ich hoffe inständig, dass er dieses niederträchtige Attentat überlebt", hieß es in einer am Freitagabend veröffentlichten Mitteilung. Roth fügte hinzu, es klebe auch Blut an den Händen "des iranischen Regimes, das bis heute an der schrecklichen Fatwa gegen ihn festhält."

Auch FDP-Generalsekretär Bijan Djir-Sarai hat dem Iran eine Mitschuld an dem Angriff auf den Schriftsteller Salman Rushdie gegeben. "Für diesen feigen Anschlag trägt das iranische Mullah-Regime auch Verantwortung", schrieb Djir-Sarai bei Twitter.

Der Grünen-Co-Vorsitzende Omid Nouripour hat den Angriff auf den Schriftsteller ebenfalls auf das Schärfste verurteilt. Die Attacke sei ein Angriff auf die Freiheit des Wortes, schrieb Nouripour, ebenfalls auf Twitter. Auch Nouripour verurteilte den Iran.

Wie fallen Reaktionen im Iran aus?

In iranischen Medien ist der Messerangriff auf Rushdie begrüßt worden. In der regierungsnahen Zeitung "Kayhan", deren Chefredakteur von Irans weltlichen und geistlichen Oberhaupt Ali Chamenei ernannt wird, hieß es am Samstag: "Tausend Bravos (...) für die mutige und pflichtbewusste Person, die den abtrünnigen und bösen Salman Rushdie in New York angegriffen hat". Weiter hieß es: "Die Hand des Mannes, der dem Feind Gottes den Hals umgedreht hat, muss geküsst werden."

Die Schlagzeile der Hardliner-Zeitung "Vatan Emrooz" lautete: "Messer im Nacken von Salman Rushdie". Die Zeitung "Chorasan" brachte die Schlagzeile: "Satan auf dem Weg zur Hölle". Die Nachrichtenseite Asr Iran veröffentlichte ein Zitat von Chamenei, in dem es heißt, der vom ehemaligen iranischen Revolutionsführer Ayatollah Ruhollah Chomeini abgeschossene "Pfeil" werde eines Tages das Ziel treffen. Von der Führung in Teheran lag noch keine Stellungnahme vor.

Wie wurde Rushdie bekannt?

Geboren wurde Rushdie im Jahr der indischen Unabhängigkeit 1947 in der Metropole Mumbai (damals Bombay). Er studierte später Geschichte am King's College in Cambridge. Seinen Durchbruch als Autor hatte er mit dem Buch "Mitternachtskinder", das 1981 mit dem renommierten Booker Prize ausgezeichnet wurde. Er erzählt darin die Geschichte von der Loslösung Indiens vom Britischen Empire anhand der Lebensgeschichte von Protagonisten, die genau zur Stunde der Unabhängigkeit geboren werden und mit übernatürlichen Fähigkeiten ausgestattet sind.

Rushdie veröffentlichte mehr als zwei Dutzend Romane, Sachbücher und andere Schriften. Sein Stil wird als Magischer Realismus bezeichnet, in dem sich realistische mit fantastischen Ereignissen verweben.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 13. August 2022 um 12:00 Uhr.